I-II, q. 67 a. 6
Ob die Liebe nach diesem Leben in der Herrlichkeit verbleibt?
Quaestio 67 · Von der Dauer der Tugenden nach diesem Leben
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe nach diesem Leben nicht in der Herrlichkeit verbleibt. Denn gemäß 1 Kor 13,10, „wenn das Vollkommene kommt, wird das Stückwerk“, d.h. das Unvollkommene, „weggetan werden.“ Nun ist die Liebe des Pilgers unvollkommen. Also wird sie weggetan werden, wenn die Vollkommenheit der Herrlichkeit erlangt ist.
Einwand 2: Ferner werden Habitus und Akte durch ihre Objekte unterschieden. Aber das Objekt der Liebe ist das erfasste Gut. Da sich also die Erfassung des gegenwärtigen Lebens von der Erfassung des zukünftigen Lebens unterscheidet, scheint es, dass die Liebe in beiden Fällen nicht dieselbe ist.
Einwand 3: Ferner können Dinge derselben Art durch kontinuierliche Zunahme von Unvollkommenheit zu Vollkommenheit fortschreiten. Aber die Liebe des Pilgers kann niemals die Gleichheit mit der Liebe des Himmels erreichen, wie sehr sie auch vermehrt werde. Daher scheint es, dass die Liebe des Pilgers nicht im Himmel verbleibt.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (1 Kor 13,8): „Die Liebe hört niemals auf.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [3]), wenn die Unvollkommenheit eines Dinges nicht zu seiner spezifischen Natur gehört, nichts das identische Ding daran hindert, von Unvollkommenheit zu Vollkommenheit überzugehen, so wie der Mensch durch Wachstum vervollkommnet wird und das Weißsein durch Intensität. Nun ist die Caritas Liebe, deren Natur keine Unvollkommenheit einschließt, da sie sich auf ein Objekt beziehen kann, das entweder besessen oder nicht besessen, entweder gesehen oder nicht gesehen wird. Daher wird die Liebe durch die Vollkommenheit der Herrlichkeit nicht weggetan, sondern verbleibt identisch dieselbe.
Antwort auf Einwand 1: Die Unvollkommenheit der Liebe ist ihr akzidentell; weil Unvollkommenheit nicht in der Natur der Liebe eingeschlossen ist. Nun verbleibt die Substanz, auch wenn das, was einem Ding akzidentell ist, entzogen wird. Daher wird, wenn die Unvollkommenheit der Liebe weggetan wird, die Liebe selbst nicht weggetan.
Antwort auf Einwand 2: Das Objekt der Liebe ist nicht die Erkenntnis selbst; wäre es so, wäre die Liebe des Pilgers nicht dieselbe wie die Liebe des Himmels: ihr Objekt ist das erkannte Ding, welches dasselbe bleibt, nämlich Gott selbst.
Antwort auf Einwand 3: Der Grund, warum die Liebe des Pilgers nicht die Vollkommenheit der Liebe des Himmels erreichen kann, ist ein Unterschied auf Seiten der Ursache: denn die Schau ist eine Ursache der Liebe, wie in Ethic. ix, 5 dargelegt: und je vollkommener wir Gott erkennen, desto vollkommener lieben wir Ihn.