I-II, q. 67 a. 3
Ob der Glaube nach diesem Leben verbleibt?
Quaestio 67 · Von der Dauer der Tugenden nach diesem Leben
Einwand 1: Es scheint, dass der Glaube nach diesem Leben verbleibt. Denn der Glaube ist vorzüglicher als die Wissenschaft. Nun verbleibt die Wissenschaft nach diesem Leben, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Also verbleibt auch der Glaube.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (1 Kor 3,11): „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus“, d.h. der Glaube an Jesus Christus. Wenn nun das Fundament entfernt wird, verbleibt das, was darauf gebaut ist, nicht mehr. Wenn also der Glaube nach diesem Leben nicht verbleibt, verbleibt keine andere Tugend.
Einwand 3: Ferner unterscheiden sich die Erkenntnis des Glaubens und die Erkenntnis der Herrlichkeit wie das Vollkommene vom Unvollkommenen. Nun ist unvollkommene Erkenntnis mit vollkommener Erkenntnis vereinbar: so kann es in einem Engel „Abend-“ und „Morgenkenntnis“ geben [vgl. FP, Frage [58], Artikel [6]]; und ein Mensch kann Wissenschaft durch einen demonstrativen Syllogismus zusammen mit Meinung durch einen wahrscheinlichen Syllogismus über ein und dieselbe Schlussfolgerung haben. Also ist nach diesem Leben auch der Glaube mit der Erkenntnis der Herrlichkeit vereinbar.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (2 Kor 5,6.7): „Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern vom Herrn: denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“ Aber jene, die in der Herrlichkeit sind, weilen nicht fern vom Herrn, sondern sind Ihm gegenwärtig. Also verbleibt nach diesem Leben der Glaube nicht im Leben der Herrlichkeit.
Ich antworte darauf, dass der Gegensatz an sich die eigentliche Ursache dafür ist, dass ein Ding von einem anderen ausgeschlossen wird, insofern nämlich, als wir überall dort, wo zwei Dinge einander entgegengesetzt sind, einen Gegensatz von Bejahung und Verneinung finden. Nun finden wir in einigen Dingen einen Gegensatz hinsichtlich konträrer Formen; so finden wir bei Farben Weiß und Schwarz. In anderen finden wir einen Gegensatz hinsichtlich von Vollkommenheit und Unvollkommenheit: weshalb bei Veränderungen Mehr und Weniger als Gegensätze betrachtet werden, wie wenn ein Ding von weniger heiß zu mehr heiß gemacht wird (Phys. v, text. 19). Und da Vollkommenes und Unvollkommenes einander entgegengesetzt sind, ist es unmöglich, dass Vollkommenheit und Unvollkommenheit demselben Ding zur gleichen Zeit zukommen.
Nun müssen wir beachten, dass Unvollkommenheit manchmal zur eigentlichen Natur eines Dinges gehört und zu seiner Spezies: so wie der Mangel an Vernunft zur spezifischen Natur eines Pferdes und eines Ochsen gehört. Und da ein Ding, solange es identisch dasselbe bleibt, nicht von einer Spezies in eine andere übergehen kann, folgt daraus, dass, wenn eine solche Unvollkommenheit entfernt wird, die Spezies dieses Dinges geändert wird: so wie es kein Ochse oder Pferd mehr wäre, wenn es vernunftbegabt wäre. Manchmal jedoch gehört die Unvollkommenheit nicht zur spezifischen Natur, sondern ist dem Individuum aufgrund von etwas anderem akzidentell; so wie manchmal der Mangel an Vernunft einem Menschen akzidentell ist, weil er schläft oder weil er betrunken ist oder aus einem ähnlichen Grund; und es ist offensichtlich, dass, wenn eine solche Unvollkommenheit entfernt wird, das Ding substantiell verbleibt.
Nun ist es klar, dass unvollkommene Erkenntnis zur eigentlichen Natur des Glaubens gehört: denn sie ist in seiner Definition enthalten; da der Glaube definiert wird als „die Substanz der Dinge, die man erhofft, der Beweis der Dinge, die nicht erscheinen“ (Hebr 11,1). Weshalb Augustinus sagt (Tract. xl in Joan.): „Was ist Glaube? Glauben, ohne zu sehen.“ Aber es ist eine unvollkommene Erkenntnis, die von nicht erscheinenden oder ungesehenen Dingen ist. Folglich gehört unvollkommene Erkenntnis zur eigentlichen Natur des Glaubens: daher ist es klar, dass die Erkenntnis des Glaubens nicht vollkommen werden und identisch dieselbe bleiben kann.
Aber wir müssen auch betrachten, ob sie mit vollkommener Erkenntnis vereinbar ist: denn es hindert nichts daran, dass eine Art von unvollkommener Erkenntnis manchmal mit vollkommener Erkenntnis zusammen ist. Demgemäß müssen wir beobachten, dass Erkenntnis auf drei Weisen unvollkommen sein kann: erstens von Seiten des erkennbaren Objekts; zweitens von Seiten des Mediums; drittens von Seiten des Subjekts. Der Unterschied von vollkommener und unvollkommener Erkenntnis von Seiten des erkennbaren Objekts zeigt sich in der „Morgen-“ und „Abendkenntnis“ der Engel: denn die „Morgenkenntnis“ ist über die Dinge gemäß dem Sein, das sie im Wort haben, während die „Abendkenntnis“ über die Dinge ist, gemäß dem sie Sein in ihren eigenen Naturen haben, welches Sein unvollkommen ist im Vergleich zum Ersten Sein. Von Seiten des Mediums sind vollkommene und unvollkommene Erkenntnis beispielhaft in der Erkenntnis einer Schlussfolgerung durch ein demonstratives Medium und durch ein wahrscheinliches Medium. Von Seiten des Subjekts gilt der Unterschied von vollkommener und unvollkommener Erkenntnis für Meinung, Glaube und Wissenschaft. Denn es ist der Meinung wesentlich, dass wir einer von zwei entgegengesetzten Aussagen mit Furcht vor der anderen zustimmen, so dass unser Anhangen nicht fest ist: der Wissenschaft ist es wesentlich, festes Anhangen mit intellektueller Schau zu haben, denn Wissenschaft besitzt Gewissheit, die aus dem Verständnis der Prinzipien resultiert: während der Glaube einen mittleren Platz einnimmt, denn er übertrifft die Meinung, insofern sein Anhangen fest ist, aber er bleibt hinter der Wissenschaft zurück, insofern ihm die Schau fehlt.
Nun ist es offensichtlich, dass ein Ding nicht in derselben Hinsicht vollkommen und unvollkommen sein kann; doch können die Dinge, die sich als vollkommen und unvollkommen unterscheiden, in derselben Hinsicht in ein und demselben anderen Ding zusammen sein. Demgemäß ist Erkenntnis, die von Seiten des Objekts vollkommen ist, ganz unvereinbar mit unvollkommener Erkenntnis über dasselbe Objekt; aber sie sind miteinander vereinbar in Bezug auf dasselbe Medium oder dasselbe Subjekt: denn nichts hindert einen Menschen daran, zur gleichen Zeit durch ein und dasselbe Medium vollkommene und unvollkommene Erkenntnis über zwei Dinge zu haben, eines vollkommen, das andere unvollkommen, z.B. über Gesundheit und Krankheit, Gut und Böse. In gleicher Weise ist Erkenntnis, die von Seiten des Mediums vollkommen ist, unvereinbar mit unvollkommener Erkenntnis durch ein und dasselbe Medium: aber nichts hindert sie daran, über dasselbe Subjekt oder im selben Subjekt zu sein: denn ein Mensch kann dieselben Schlussfolgerungen durch ein wahrscheinliches und durch ein demonstratives Medium erkennen. Wiederum ist Erkenntnis, die von Seiten des Subjekts vollkommen ist, unvereinbar mit unvollkommener Erkenntnis im selben Subjekt. Nun enthält der Glaube seiner Natur nach eine Unvollkommenheit von Seiten des Subjekts, nämlich dass der Glaubende nicht sieht, was er glaubt: wohingegen die Glückseligkeit ihrer Natur nach Vollkommenheit von Seiten des Subjekts impliziert, nämlich dass die Seligen das sehen, was sie glücklich macht, wie oben dargelegt (Frage [3], Artikel [8]). Daher ist es offenkundig, dass Glaube und Glückseligkeit in ein und demselben Subjekt unvereinbar sind.
Antwort auf Einwand 1: Der Glaube ist vorzüglicher als die Wissenschaft von Seiten des Objekts, weil sein Objekt die Erste Wahrheit ist. Doch hat die Wissenschaft eine vollkommenere Weise, ihr Objekt zu erkennen, welche nicht unvereinbar ist mit der Schau, die die Vollkommenheit der Glückseligkeit ist, so wie die Weise des Glaubens unvereinbar ist.
Antwort auf Einwand 2: Der Glaube ist das Fundament, insofern er Erkenntnis ist: folglich, wenn diese Erkenntnis vervollkommnet wird, wird auch das Fundament vervollkommnet werden.
Die Antwort auf den dritten Einwand ist aus dem Gesagten klar.