I-II, q. 67 a. 2
Ob die intellektuellen Tugenden nach diesem Leben verbleiben?
Quaestio 67 · Von der Dauer der Tugenden nach diesem Leben
Einwand 1: Es scheint, dass die intellektuellen Tugenden nach diesem Leben nicht verbleiben. Denn der Apostel sagt (1 Kor 13,8.9), dass „die Erkenntnis vernichtet werden wird“, und er gibt als Grund an, weil „wir stückwerkhaft erkennen“. Nun ist so, wie die Erkenntnis der Wissenschaft stückwerkhaft, d.h. unvollkommen ist, auch die Erkenntnis der anderen intellektuellen Tugenden beschaffen, solange dieses Leben währt. Also werden alle intellektuellen Tugenden nach diesem Leben aufhören.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Categor. vi), dass die Wissenschaft, da sie ein Habitus ist, eine schwer zu entfernende Qualität ist: denn sie geht nicht leicht verloren, außer aufgrund einer großen Veränderung oder Krankheit. Keine körperliche Veränderung aber ist so groß wie die des Todes. Also verbleiben die Wissenschaft und die anderen intellektuellen Tugenden nicht nach dem Tod.
Einwand 3: Ferner vervollkommnen die intellektuellen Tugenden den Intellekt, damit er seinen eigentlichen Akt gut vollziehe. Nun scheint es nach diesem Leben keinen Akt des Intellekts zu geben, da „die Seele nichts ohne Phantasma versteht“ (De Anima iii, text. 30); und nach diesem Leben verbleiben die Phantasmen nicht, da ihr einziges Subjekt ein Organ des Leibes ist. Also verbleiben die intellektuellen Tugenden nicht nach diesem Leben.
Dagegen spricht, dass die Erkenntnis dessen, was allgemein und notwendig ist, beständiger ist als die von partikularen und kontingenten Dingen. Nun verbleibt die Erkenntnis von kontingenten Einzeldingen im Menschen nach diesem Leben; zum Beispiel die Erkenntnis dessen, was einer getan oder erlitten hat, gemäß Lk 16,25: „Kind, erinnere dich, dass du Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Lazarus ebenso Böses.“ Viel mehr also verbleibt die Erkenntnis der allgemeinen und notwendigen Dinge, welche zur Wissenschaft und den anderen intellektuellen Tugenden gehören.
Ich antworte darauf, dass, wie im Ersten Teil, Frage [79], Artikel [6] dargelegt, einige die Meinung vertraten, die intelligiblen Spezies verblieben nicht im passiven Intellekt, außer wenn er aktuell versteht; und dass, solange die aktuelle Betrachtung aufhört, die Spezies nicht bewahrt werden, außer in den sensitiven Kräften, welche Akte körperlicher Organe sind, nämlich in den Kräften der Einbildungskraft und des Gedächtnisses. Nun hören diese Kräfte auf, wenn der Leib zerstört wird: und folglich, gemäß dieser Meinung, wird weder die Wissenschaft noch irgendeine andere intellektuelle Tugend nach diesem Leben verbleiben, sobald der Leib zerstört ist.
Aber diese Meinung steht im Widerspruch zum Sinn des Aristoteles, der feststellt (De Anima iii, text. 8), dass „der mögliche Intellekt im Akt ist, wenn er mit jedem Ding identifiziert ist, indem er es erkennt; und doch ist er selbst dann in Potenz, es aktuell zu betrachten.“ Es widerspricht auch der Vernunft, weil intelligible Spezies vom „möglichen“ Intellekt unbeweglich enthalten werden, gemäß der Weise ihres Behälters. Daher wird der „mögliche“ Intellekt „der Ort der Spezies“ genannt (De Anima iii), weil er die intelligiblen Spezies bewahrt.
Und doch hören die Phantasmen, durch deren Hinwendung der Mensch in diesem Leben versteht, indem er die intelligiblen Spezies auf sie anwendet, wie im Ersten Teil, Frage [84], Artikel [7]; Frage [85], Artikel [1], ad 5 dargelegt, auf, sobald der Leib zerstört wird. Daher hören diese letzteren, was die Phantasmen betrifft, welche das gleichsam materielle Element in den intellektuellen Tugenden sind, auf, wenn der Leib zerstört wird: aber was die intelligiblen Spezies betrifft, die im „möglichen“ Intellekt sind, verbleiben die intellektuellen Tugenden. Nun sind die Spezies das gleichsam formale Element der intellektuellen Tugenden. Also verbleiben diese nach diesem Leben, was ihr formales Element betrifft, so wie wir es bezüglich der sittlichen Tugenden dargelegt haben (Artikel [1]).
Antwort auf Einwand 1: Das Wort des Apostels ist so zu verstehen, dass es sich auf das materielle Element in der Wissenschaft bezieht und auf die Weise des Verstehens; weil dazu weder die Phantasmen verbleiben, wenn der Leib zerstört ist; noch wird die Wissenschaft durch Hinwendung zu den Phantasmen angewandt werden.
Antwort auf Einwand 2: Krankheit zerstört den Habitus der Wissenschaft hinsichtlich ihres materiellen Elements, nämlich der Phantasmen, aber nicht hinsichtlich der intelligiblen Spezies, die im „möglichen“ Intellekt sind.
Antwort auf Einwand 3: Wie im Ersten Teil, Frage [89], Artikel [1] dargelegt, hat die getrennte Seele eine Weise des Verstehens, die anders ist als durch Hinwendung zu den Phantasmen. Folglich verbleibt die Wissenschaft, jedoch nicht hinsichtlich derselben Weise der Operation; wie wir bezüglich der sittlichen Tugenden dargelegt haben (Artikel [1]).