I-II, q. 67 a. 4
Ob die Hoffnung nach dem Tod im Zustand der Herrlichkeit verbleibt?
Quaestio 67 · Von der Dauer der Tugenden nach diesem Leben
Einwand 1: Es scheint, dass die Hoffnung nach dem Tod im Zustand der Herrlichkeit verbleibt. Denn die Hoffnung vervollkommnet das menschliche Begehren auf vorzüglichere Weise als die sittlichen Tugenden. Aber die sittlichen Tugenden verbleiben nach diesem Leben, wie Augustinus klar feststellt (De Trin. xiv, 9). Viel mehr also verbleibt die Hoffnung.
Einwand 2: Ferner ist die Furcht der Hoffnung entgegengesetzt. Aber die Furcht verbleibt nach diesem Leben: in den Seligen die kindliche Furcht, die ewig bleibt – in den Verdammten die Furcht vor Strafe. Also kann in gleicher Weise die Hoffnung verbleiben.
Einwand 3: Ferner, so wie die Hoffnung auf ein zukünftiges Gut gerichtet ist, so ist es auch das Verlangen. Nun gibt es in den Seligen ein Verlangen nach zukünftigem Gut; sowohl nach der Herrlichkeit des Leibes, welche die Seelen der Seligen verlangen, wie Augustinus erklärt (Gen. ad lit. xii, 35); als auch nach der Herrlichkeit der Seele, gemäß Sir 24,29: „Die mich essen, werden weiter hungern, und die mich trinken, werden weiter dürsten“, und 1 Petr 1,12: „Worauf die Engel zu schauen begehren.“ Daher scheint es, dass es in den Seligen Hoffnung geben kann, nachdem dieses Leben vergangen ist.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Röm 8,24): „Was einer sieht, warum hofft er darauf?“ Aber die Seligen sehen das, was das Objekt der Hoffnung ist, nämlich Gott. Also hoffen sie nicht.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [3]), dasjenige, was in seiner eigentlichen Natur Unvollkommenheit seines Subjekts impliziert, unvereinbar ist mit der entgegengesetzten Vollkommenheit in jenem Subjekt. So ist es offensichtlich, dass Bewegung ihrer eigentlichen Natur nach Unvollkommenheit ihres Subjekts impliziert, da sie „der Akt dessen ist, was in Potenz ist, als solches“ (Phys. iii): so dass, sobald diese Potenz in den Akt überführt ist, die Bewegung aufhört; denn ein Ding fährt nicht fort, weiß zu werden, wenn es einmal weiß gemacht ist. Nun bezeichnet Hoffnung eine Bewegung hin zu dem, was nicht besessen wird, wie aus dem klar ist, was wir oben über die Leidenschaft der Hoffnung gesagt haben (Frage [40], Artikel [1],2). Daher wird es, wenn wir das besitzen, was wir erhoffen, nämlich den Genuss Gottes, nicht mehr möglich sein, Hoffnung zu haben.
Antwort auf Einwand 1: Die Hoffnung übertrifft die sittlichen Tugenden hinsichtlich ihres Objekts, welches Gott ist. Aber die Akte der sittlichen Tugenden sind nicht unvereinbar mit der Vollkommenheit der Glückseligkeit, wie es der Akt der Hoffnung ist; außer vielleicht, was ihre Materie betrifft, hinsichtlich derer sie nicht verbleiben. Denn die sittliche Tugend vervollkommnet das Begehren nicht nur in Bezug auf das, was noch nicht besessen wird, sondern auch hinsichtlich dessen, was in unserem aktuellen Besitz ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Furcht ist zweifach, knechtisch und kindlich, wie wir weiter unten darlegen werden (II-II, Frage [19], Artikel [2]). Knechtische Furcht bezieht sich auf Strafe und wird im Leben der Herrlichkeit unmöglich sein, da es keine Möglichkeit mehr geben wird, bestraft zu werden. Kindliche Furcht hat zwei Akte: einer ist ein Akt der Ehrfurcht vor Gott, und in Bezug auf diesen Akt verbleibt sie: der andere ist ein Akt der Furcht, dass wir von Gott getrennt werden könnten, und was diesen Akt betrifft, verbleibt sie nicht. Denn die Trennung von Gott liegt in der Natur eines Übels: und kein Übel wird dort gefürchtet werden, gemäß Spr 1,33: „Er ... wird Fülle genießen ohne Furcht vor Übeln.“ Nun ist Furcht der Hoffnung entgegengesetzt durch den Gegensatz von Gut und Böse, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [2]; Frage [40], Artikel [1]), und daher ist die Furcht, die in der Herrlichkeit verbleiben wird, nicht der Hoffnung entgegengesetzt. In den Verdammten kann es eher Furcht vor Strafe geben als Hoffnung auf Herrlichkeit in den Seligen. Denn in den Verdammten wird es eine Abfolge von Strafen geben, so dass der Begriff von etwas Zukünftigem dort verbleibt, welches das Objekt der Furcht ist: aber die Herrlichkeit der Heiligen hat keine Abfolge, aufgrund dessen, dass sie eine Art Teilhabe an der Ewigkeit ist, worin es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt, sondern nur die Gegenwart. Und doch gibt es, eigentlich gesprochen, auch in den Verdammten keine Furcht. Denn, wie oben dargelegt (Frage [42], Artikel [2]), ist Furcht niemals ohne eine gewisse Hoffnung auf Entkommen: und die Verdammten haben keine solche Hoffnung. Folglich wird es auch in ihnen keine Furcht geben; außer man spricht auf allgemeine Weise, insofern jede Erwartung eines zukünftigen Übels Furcht genannt wird.
Antwort auf Einwand 3: Was die Herrlichkeit der Seele betrifft, so kann es in den Seligen kein Verlangen geben, insofern Verlangen auf etwas Zukünftiges schaut, aus dem bereits angegebenen Grund (ad 2). Doch werden Hunger und Durst ihnen zugeschrieben, weil sie niemals überdrüssig werden, und aus demselben Grund wird Verlangen den Engeln zugeschrieben. In Bezug auf die Herrlichkeit des Leibes kann es Verlangen in den Seelen der Heiligen geben, aber nicht Hoffnung, eigentlich gesprochen; weder als theologische Tugend, denn so ist ihr Objekt Gott und nicht ein geschaffenes Gut; noch in ihrer allgemeinen Bedeutung. Denn das Objekt der Hoffnung ist etwas Schwieriges, wie oben dargelegt (Frage [40], Artikel [1]): während ein Gut, dessen unfehlbare Ursache wir bereits besitzen, uns gegenüber nicht als etwas Schwieriges verglichen wird. Daher sagt man von dem, der Geld hat, eigentlich nicht, dass er auf das hofft, was er sofort kaufen kann. In gleicher Weise sagt man von jenen, die die Herrlichkeit der Seele haben, eigentlich nicht, dass sie auf die Herrlichkeit des Leibes hoffen, sondern nur, dass sie sie verlangen.