I-II, q. 67 a. 5
Ob etwas von Glaube oder Hoffnung in der Herrlichkeit verbleibt?
Quaestio 67 · Von der Dauer der Tugenden nach diesem Leben
Einwand 1: Es scheint, dass etwas von Glaube und Hoffnung in der Herrlichkeit verbleibt. Denn wenn das, was einem Ding eigentümlich ist, entfernt wird, verbleibt das, was allgemein ist; so wird in De Causis festgestellt, dass „wenn du vernunftbegabt wegnimmst, lebendig verbleibt, und wenn du lebendig entfernst, Sein verbleibt.“ Nun gibt es im Glauben etwas, das er mit der Glückseligkeit gemeinsam hat, nämlich Erkenntnis: und es gibt etwas ihm Eigentümliches, nämlich Dunkelheit, denn Glaube ist Erkenntnis auf dunkle Weise. Also verbleibt, wenn die Dunkelheit des Glaubens entfernt ist, die Erkenntnis des Glaubens immer noch.
Einwand 2: Ferner ist der Glaube ein geistiges Licht der Seele, gemäß Eph 1,17.18: „Die Augen eures Herzens erleuchtet ... in der Erkenntnis Gottes“; doch ist dieses Licht unvollkommen im Vergleich zum Licht der Herrlichkeit, von dem geschrieben steht (Ps 35,10): „In Deinem Licht werden wir das Licht sehen.“ Nun verbleibt ein unvollkommenes Licht, wenn ein vollkommenes Licht hinzukommt: denn eine Kerze wird nicht ausgelöscht, wenn die Sonnenstrahlen erscheinen. Daher scheint es, dass das Licht des Glaubens selbst mit dem Licht der Herrlichkeit verbleibt.
Einwand 3: Ferner hört die Substanz eines Habitus nicht durch den Entzug seiner Materie auf: denn ein Mensch kann den Habitus der Freigebigkeit behalten, obwohl er sein Geld verloren hat: doch kann er den Akt nicht ausüben. Nun ist das Objekt des Glaubens die Erste Wahrheit als ungesehen. Daher kann, wenn dies durch das Gesehenwerden aufhört, der Habitus des Glaubens immer noch verbleiben.
Dagegen spricht, dass der Glaube ein einfacher Habitus ist. Nun wird ein einfaches Ding entweder gänzlich entzogen oder es verbleibt gänzlich. Da also der Glaube nicht gänzlich verbleibt, sondern weggenommen wird, wie oben dargelegt (Artikel [3]), scheint es, dass er gänzlich entzogen wird.
Ich antworte darauf, dass einige die Meinung vertraten, die Hoffnung werde gänzlich weggenommen: aber der Glaube werde zum Teil weggenommen, nämlich hinsichtlich seiner Dunkelheit, und verbleibe zum Teil, nämlich hinsichtlich der Substanz seiner Erkenntnis. Und wenn dies so verstanden wird, dass er derselbe bleibt, nicht identisch, sondern der Gattung nach, so ist es absolut wahr; da der Glaube von derselben Gattung, nämlich Erkenntnis, ist wie die beseligende Schau. Andererseits ist die Hoffnung nicht von derselben Gattung wie die himmlische Glückseligkeit: weil sie mit dem Genuss der Glückseligkeit verglichen wird wie Bewegung mit der Ruhe im Ziel der Bewegung.
Aber wenn es so verstanden wird, dass im Himmel die Erkenntnis des Glaubens identisch dieselbe bleibt, so ist dies absolut unmöglich. Denn wenn man einen artbildenden Unterschied entfernt, verbleibt die Substanz der Gattung nicht identisch dieselbe: so verbleibt, wenn man den Unterschied entfernt, der das Weißsein konstituiert, die Substanz der Farbe nicht identisch dieselbe, als ob die identische Farbe zu einer Zeit Weißsein und zu einer anderen Schwarzsein wäre. Der Grund ist, dass die Gattung sich nicht zum Unterschied verhält wie Materie zu Form, so dass die Substanz der Gattung identisch dieselbe verbleibt, wenn der Unterschied entfernt wird, wie die Substanz der Materie identisch dieselbe verbleibt, wenn die Form geändert wird: denn Gattung und Unterschied sind nicht die Teile einer Spezies, sonst würden sie nicht von der Spezies ausgesagt werden. Sondern so wie die Spezies das Ganze bezeichnet, d.h. das Zusammengesetzte aus Materie und Form in materiellen Dingen, so tut dies auch der Unterschied und ebenso die Gattung; die Gattung bezeichnet das Ganze, indem sie das bezeichnet, was materiell ist; der Unterschied, indem er das bezeichnet, was formal ist; die Spezies, indem sie beides bezeichnet. So verhält sich im Menschen die sensitive Natur wie Materie zur intellektuellen Natur, und Lebewesen wird von dem ausgesagt, was eine sensitive Natur hat, vernunftbegabt von dem, was eine intellektuelle Natur hat, und Mensch von dem, was beides hat. So dass ein und dasselbe Ganze durch diese drei bezeichnet wird, aber nicht unter demselben Aspekt.
Es ist daher offensichtlich, dass, da die Bezeichnung des Unterschieds auf die Gattung beschränkt ist, wenn der Unterschied entfernt wird, die Substanz der Gattung nicht dieselbe bleiben kann: denn dieselbe tierische Natur verbleibt nicht, wenn eine andere Art von Seele das Lebewesen konstituiert. Daher ist es unmöglich, dass die identische Erkenntnis, die zuvor dunkel war, klare Schau wird. Es ist daher offensichtlich, dass im Himmel nichts vom Glauben verbleibt, weder identisch noch der Spezies nach dasselbe, sondern nur der Gattung nach.
Antwort auf Einwand 1: Wenn „vernunftbegabt“ entzogen wird, ist das verbleibende „lebendige“ Ding dasselbe, nicht identisch, sondern der Gattung nach, wie dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Die Unvollkommenheit des Kerzenlichts ist nicht der Vollkommenheit des Sonnenlichts entgegengesetzt, da sie nicht dasselbe Subjekt betreffen: wohingegen die Unvollkommenheit des Glaubens und die Vollkommenheit der Herrlichkeit einander entgegengesetzt sind und dasselbe Subjekt betreffen. Folglich sind sie unvereinbar miteinander, so wie Licht und Dunkelheit in der Luft.
Antwort auf Einwand 3: Wer sein Geld verliert, verliert deshalb nicht die Möglichkeit, Geld zu haben, und daher ist es vernünftig, dass der Habitus der Freigebigkeit verbleibt. Aber im Zustand der Herrlichkeit ist nicht nur das Objekt des Glaubens, welches das Ungesehene ist, aktuell entfernt, sondern sogar seine Möglichkeit, aufgrund der Unveränderlichkeit der himmlischen Glückseligkeit: und so würde ein solcher Habitus zwecklos verbleiben.