I-II, q. 66 a. 4
Ob die Gerechtigkeit die vornehmste unter den sittlichen Tugenden ist?
Quaestio 66 · Von der Gleichheit der Tugenden
1. Einwand: Es scheint, dass die Gerechtigkeit nicht die vornehmste unter den sittlichen Tugenden ist. Denn es ist besser, von dem Eigenen zu geben, als das zu zahlen, was geschuldet ist. Nun gehört ersteres zur Freigebigkeit, letzteres zur Gerechtigkeit. Daher ist die Freigebigkeit anscheinend eine größere Tugend als die Gerechtigkeit.
2. Einwand: Ferner ist die Haupteigenschaft eines Dinges anscheinend jene, in der es am vollkommensten ist. Nun hat gemäß Jak 1,4 „die Geduld ein vollkommenes Werk“. Daher scheint es, dass die Geduld größer ist als die Gerechtigkeit.
3. Einwand: Ferner hat „die Großherzigkeit (Magnanimitas) einen großen Einfluss auf jede Tugend“, wie in Ethic. iv, 3 festgestellt wird. Daher vergrößert sie sogar die Gerechtigkeit. Daher ist sie größer als die Gerechtigkeit.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. v, 1), dass „die Gerechtigkeit die vorzüglichste der Tugenden ist“.
Ich antworte darauf, dass eine Tugend, in ihrer Spezies betrachtet, größer oder kleiner sein kann, entweder schlechthin oder relativ. Eine Tugend wird schlechthin größer genannt, in der ein größeres vernunftgemäßes Gut hervorleuchtet, wie oben festgestellt (Artikel [1]). In dieser Weise ist die Gerechtigkeit die vorzüglichste aller sittlichen Tugenden, da sie der Vernunft am nächsten verwandt ist. Dies wird offensichtlich durch die Betrachtung ihres Subjekts und ihres Objekts: ihres Subjekts, weil dies der Wille ist, und der Wille ist das vernünftige Begehrungsvermögen, wie oben festgestellt (Quaestio [8], Artikel [1]; Quaestio [26], Artikel [1]): ihres Objekts oder ihrer Materie, weil sie sich mit Handlungen befasst, wodurch der Mensch nicht nur in sich selbst, sondern auch in Bezug auf einen anderen geordnet wird. Daher ist „die Gerechtigkeit die vorzüglichste der Tugenden“ (Ethic. v, 1). Unter den anderen sittlichen Tugenden, die sich mit den Leidenschaften befassen, leuchtet das vernunftgemäße Gut umso mehr in jeder hervor, je vorzüglicher die Materie ist, in welcher die begehrende Bewegung der Vernunft unterworfen wird. Nun ist in Dingen, die den Menschen betreffen, das Leben das Wichtigste von allem, von dem alle anderen Dinge abhängen. Folglich nimmt die Tapferkeit, welche die begehrende Bewegung in Angelegenheiten von Leben und Tod der Vernunft unterwirft, den ersten Platz unter jenen sittlichen Tugenden ein, die sich mit den Leidenschaften befassen, ist aber der Gerechtigkeit untergeordnet. Daher sagt der Philosoph (Rhet. 1), dass „jene Tugenden notwendigerweise die größten sein müssen, die das meiste Lob erhalten: da Tugend eine Kraft ist, Gutes zu tun. Daher werden der tapfere Mann und der gerechte Mann mehr geehrt als andere; weil der erstere“, d. h. die Tapferkeit, „im Krieg nützlich ist, und der letztere“, d. h. die Gerechtigkeit, „sowohl im Krieg als auch im Frieden.“ Nach der Tapferkeit kommt die Mäßigung, welche das Begehren der Vernunft unterwirft in Angelegenheiten, die sich direkt auf das Leben beziehen, im einzelnen Individuum oder in der einen Spezies, nämlich in Angelegenheiten von Nahrung und Geschlecht. Und so werden diese drei Tugenden, zusammen mit der Klugheit, Haupttugenden genannt, auch in Bezug auf ihre Vorzüglichkeit.
Eine Tugend wird relativ größer genannt aufgrund dessen, dass sie einer Haupttugend hilft oder sie schmückt: so wie die Substanz schlechthin vorzüglicher ist als das Akzidens: und doch ist relativ irgendein besonderes Akzidens vorzüglicher als die Substanz, insofern es die Substanz in irgendeiner akzidentellen Weise des Seins vervollkommnet.
Antwort auf den 1. Einwand: Der Akt der Freigebigkeit muss auf einem Akt der Gerechtigkeit gegründet sein, denn „ein Mann ist nicht freigebig im Geben, wenn er nicht von seinem Eigenen gibt“ (Polit. ii, 3). Daher könnte es keine Freigebigkeit geben getrennt von der Gerechtigkeit, die zwischen „Mein“ und „Dein“ unterscheidet: wohingegen Gerechtigkeit ohne Freigebigkeit sein kann. Daher ist die Gerechtigkeit schlechthin größer als die Freigebigkeit, da sie allgemeiner ist und ihre Grundlage bildet: während die Freigebigkeit relativ größer ist, da sie ein Schmuck und eine Hinzufügung zur Gerechtigkeit ist.
Antwort auf den 2. Einwand: Von der Geduld wird gesagt, sie habe „ein vollkommenes Werk“, indem sie Übel erträgt, worin sie nicht nur ungerechte Rache ausschließt, was auch durch die Gerechtigkeit ausgeschlossen wird; nicht nur Hass, der auch durch die Liebe unterdrückt wird; noch nur Zorn, der durch Sanftmut beruhigt wird; sondern auch ungeordnete Traurigkeit, welche die Wurzel all der oben genannten ist. Weshalb sie vollkommener und vorzüglicher ist durch das Ausreißen der Wurzel in dieser Materie. Sie ist jedoch nicht vollkommener als alle anderen Tugenden schlechthin. Weil die Tapferkeit nicht nur Mühsal erträgt, ohne verwirrt zu werden, sondern auch gegen sie kämpft, wenn nötig. Daher ist jeder, der tapfer ist, geduldig; aber die Umkehrung gilt nicht, denn Geduld ist ein Teil der Tapferkeit.
Antwort auf den 3. Einwand: Es kann keine Großherzigkeit ohne die anderen Tugenden geben, wie in Ethic. iv, 3 festgestellt wird. Daher wird sie mit ihnen verglichen als ihr Schmuck, so dass sie relativ größer ist als alle anderen, aber nicht schlechthin.