I-II, q. 66 a. 3
Ob die sittlichen Tugenden besser sind als die intellektuellen Tugenden?
Quaestio 66 · Von der Gleichheit der Tugenden
1. Einwand: Es scheint, dass die sittlichen Tugenden besser sind als die intellektuellen. Denn das, was notwendiger und dauerhafter ist, ist besser. Nun sind die sittlichen Tugenden „dauerhafter sogar als die Wissenschaften“ (Ethic. i), welche intellektuelle Tugenden sind: und überdies sind sie notwendiger für das menschliche Leben. Daher sind sie den intellektuellen Tugenden vorzuziehen.
2. Einwand: Ferner wird Tugend definiert als „das, was seinen Besitzer gut macht“. Nun wird der Mensch gut genannt in Bezug auf die sittliche Tugend, und kunstfertig in Bezug auf die intellektuelle Tugend, außer vielleicht in Bezug auf die Klugheit allein. Daher ist die sittliche besser als die intellektuelle Tugend.
3. Einwand: Ferner ist das Ziel vorzüglicher als die Mittel. Aber gemäß Ethic. vi, 12 gibt „die sittliche Tugend die rechte Intention auf das Ziel; wohingegen die Klugheit die rechte Wahl der Mittel gibt.“ Daher ist die sittliche Tugend vorzüglicher als die Klugheit, welche die intellektuelle Tugend ist, die sittliche Angelegenheiten betrifft.
Dagegen spricht, dass die sittliche Tugend in jenem Teil der Seele ist, der durch Teilhabe vernünftig ist; während die intellektuelle Tugend in dem dem Wesen nach vernünftigen Teil ist, wie in Ethic. i, 13 festgestellt wird. Nun ist das dem Wesen nach Vernünftige vorzüglicher als das durch Teilhabe Vernünftige. Daher ist die intellektuelle Tugend besser als die sittliche Tugend.
Ich antworte darauf, dass ein Ding auf zwei Arten größer oder kleiner genannt werden kann: erstens schlechthin (simpliciter); zweitens relativ (secundum quid). Denn nichts hindert etwas daran, schlechthin besser zu sein, z. B. „Gelehrsamkeit als Reichtum“, und doch nicht besser relativ, d. h. „für einen, der in Not ist“. Nun bedeutet, ein Ding schlechthin zu betrachten, es in seiner eigenen spezifischen Natur zu betrachten. Dementsprechend nimmt eine Tugend ihre Spezies von ihrem Objekt, wie oben erklärt (Quaestio [54], Artikel [2]; Quaestio [60], Artikel [1]). Daher ist, schlechthin gesprochen, jene Tugend vorzüglicher, die das vorzüglichere Objekt hat. Nun ist es offensichtlich, dass das Objekt der Vernunft vorzüglicher ist als das Objekt des Begehrungsvermögens: da die Vernunft die Dinge im Allgemeinen erfasst, während das Begehrungsvermögen zu den Dingen selbst tendiert, deren Sein auf das Einzelne beschränkt ist. Folglich sind, schlechthin gesprochen, die intellektuellen Tugenden, welche die Vernunft vervollkommnen, vorzüglicher als die sittlichen Tugenden, welche das Begehrungsvermögen vervollkommnen.
Aber wenn wir die Tugend in ihrer Beziehung zum Akt betrachten, dann ist die sittliche Tugend, welche das Begehrungsvermögen vervollkommnet, dessen Funktion es ist, die anderen Kräfte zum Handeln zu bewegen, wie oben festgestellt (Quaestio [9], Artikel [1]), vorzüglicher. Und da Tugend so genannt wird, weil sie ein Prinzip des Handelns ist, denn sie ist die Vollkommenheit einer Kraft, folgt wiederum, dass die Natur der Tugend mehr mit der sittlichen als mit der intellektuellen Tugend übereinstimmt, obwohl die intellektuellen Tugenden, schlechthin gesprochen, vorzüglichere Haltungen sind.
Antwort auf den 1. Einwand: Die sittlichen Tugenden sind dauerhafter als die intellektuellen Tugenden, weil sie in Angelegenheiten geübt werden, die das Leben der Gemeinschaft betreffen. Doch ist es offensichtlich, dass die Objekte der Wissenschaften, die notwendig und unveränderlich sind, dauerhafter sind als die Objekte der sittlichen Tugend, welche gewisse einzelne Handlungsangelegenheiten sind. Dass die sittlichen Tugenden für das menschliche Leben notwendiger sind, beweist, dass sie vorzüglicher sind, nicht schlechthin, sondern relativ. Tatsächlich sind die spekulativen intellektuellen Tugenden gerade dadurch, dass sie nicht auf etwas anderes bezogen sind, wie ein nützliches Ding auf ein Ziel bezogen ist, vorzüglicher. Der Grund dafür ist, dass wir in ihnen eine Art Anfang jener Glückseligkeit haben, die in der Erkenntnis der Wahrheit besteht, wie oben festgestellt (Quaestio [3], Artikel [6]).
Antwort auf den 2. Einwand: Der Grund, warum der Mensch schlechthin gut genannt wird in Bezug auf die sittliche Tugend, aber nicht in Bezug auf die intellektuelle Tugend, ist, dass das Begehrungsvermögen die anderen Kräfte zu ihren Akten bewegt, wie oben festgestellt (Quaestio [56], Artikel [3]). Weshalb auch dieses Argument lediglich beweist, dass die sittliche Tugend relativ besser ist.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Klugheit leitet die sittlichen Tugenden nicht nur in der Wahl der Mittel, sondern auch in der Bestimmung des Ziels. Nun ist das Ziel jeder sittlichen Tugend, die Mitte in der dieser Tugend eigenen Materie zu erreichen; welche Mitte gemäß der rechten Regelung der Klugheit bestimmt wird, wie in Ethic. ii, 6; vi, 13 festgestellt wird.