I-II, q. 66 a. 2
Ob alle Tugenden, die zugleich in einem Menschen sind, gleich sind?
Quaestio 66 · Von der Gleichheit der Tugenden
1. Einwand: Es scheint, dass die Tugenden in ein und demselben Menschen nicht alle gleich intensiv sind. Denn der Apostel sagt (1 Kor 7,7): „Jeder hat seine eigene Gabe von Gott; der eine so, der andere so.“ Nun wäre eine Gabe für einen Menschen nicht eigener als eine andere, wenn Gott alle Tugenden jedem Menschen gleichermaßen eingösse. Daher scheint es, dass die Tugenden in ein und demselben Menschen nicht alle gleich sind.
2. Einwand: Ferner, wenn alle Tugenden in ein und demselben Menschen gleich intensiv wären, würde folgen, dass wer einen anderen in einer Tugend übertrifft, ihn in allen anderen übertreffen würde. Aber dies ist offensichtlich nicht der Fall: da verschiedene Heilige für verschiedene Tugenden besonders gepriesen werden; z. B. Abraham für den Glauben (Röm 4), Moses für seine Sanftmut (Num 12,3), Ijob für seine Geduld (Tob 2,12). Deshalb singt die Kirche von jedem Bekenner: „Es wurde niemand gefunden, der ihm gleichkam im Halten des Gesetzes des Höchsten“, da jeder einzelne sich durch die eine oder andere Tugend auszeichnete. Daher sind die Tugenden in ein und demselben Menschen nicht alle gleich.
3. Einwand: Ferner, je intensiver eine Haltung ist, desto größer sind das Vergnügen und die Bereitschaft, sie zu gebrauchen. Nun zeigt die Erfahrung, dass ein Mensch mehr Vergnügen und Bereitschaft hat, eine Tugend zu gebrauchen als eine andere. Daher sind die Tugenden in ein und demselben Menschen nicht alle gleich.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Trin. vi, 4), dass „jene, die gleich sind in der Tapferkeit, gleich sind in der Klugheit und Mäßigung“, und so weiter. Nun wäre dies nicht so, wenn nicht alle Tugenden in einem Menschen gleich wären. Daher sind alle Tugenden in einem Menschen gleich.
Ich antworte darauf, dass, wie oben erklärt (Artikel [1]), die vergleichende Größe der Tugenden auf zwei Arten verstanden werden kann. Erstens in Bezug auf ihre spezifische Natur: und in dieser Weise besteht kein Zweifel, dass in einem Menschen eine Tugend größer ist als eine andere, zum Beispiel die Liebe größer als Glaube und Hoffnung. Zweitens kann es verstanden werden in Bezug auf den Grad der Teilhabe durch das Subjekt, je nachdem eine Tugend in ihrem Subjekt intensiv oder remiss (schwächer) wird. In diesem Sinne sind alle Tugenden in einem Menschen gleich mit einer Gleichheit der Proportion, insofern ihr Wachstum im Menschen gleich ist: so wie die Finger ungleich an Größe sind, aber gleich an Proportion, da sie im Verhältnis zueinander wachsen.
Nun ist die Natur dieser Gleichheit auf dieselbe Weise zu erklären wie die Verbindung der Tugenden; denn die Gleichheit unter den Tugenden ist ihre Verbindung hinsichtlich der Größe. Nun wurde oben festgestellt (Quaestio [65], Artikel [1]), dass eine zweifache Verbindung der Tugenden angegeben werden kann. Die erste ist gemäß der Meinung jener, die diese vier Tugenden als vier allgemeine Eigenschaften von Tugenden verstanden, von denen jede zusammen mit der anderen in jeder Materie gefunden wird. In dieser Weise können Tugenden in keiner Materie als gleich bezeichnet werden, es sei denn, sie haben alle diese Eigenschaften gleich. Augustinus spielt auf diese Art der Gleichheit an (De Trin. vi, 4), wenn er sagt: „Wenn du sagst, diese Männer seien gleich in der Tapferkeit, aber der eine sei klüger als der andere; so folgt daraus, dass die Tapferkeit des letzteren weniger klug ist. Folglich sind sie nicht wirklich gleich in der Tapferkeit, da die Tapferkeit des ersteren klüger ist. Du wirst finden, dass dies auf die anderen Tugenden zutrifft, wenn du sie alle auf dieselbe Weise durchgehst.“
Die andere Art der Verbindung unter den Tugenden folgte der Meinung jener, die dafürhalten, dass diese Tugenden ihre eigenen jeweiligen Materien haben (Quaestio [65], Artikel [1], 2). In dieser Weise resultiert die Verbindung unter den sittlichen Tugenden aus der Klugheit, und was die eingegossenen Tugenden betrifft, aus der Liebe, und nicht aus der Neigung, die aufseiten des Subjekts ist, wie oben festgestellt (Quaestio [65], Artikel [1]). Dementsprechend kann die Natur der Gleichheit unter den Tugenden auch vonseiten der Klugheit betrachtet werden, in Bezug auf das, was formal in allen sittlichen Tugenden ist: denn in ein und demselben Menschen, solange seine Vernunft denselben Grad an Vollkommenheit hat, wird die Mitte in jeder Materie der Tugend proportional gemäß der rechten Vernunft bestimmt.
Aber in Bezug auf das, was material in den sittlichen Tugenden ist, nämlich die Neigung zum tugendhaften Akt, kann einer bereiter sein, den Akt einer Tugend zu vollziehen als den Akt einer anderen Tugend, und dies entweder von Natur aus oder durch Gewöhnung oder wiederum durch die Gnade Gottes.
Antwort auf den 1. Einwand: Dieser Ausspruch des Apostels kann so verstanden werden, dass er sich auf die Gaben der gratia gratis data (der unentgeltlich gegebenen Gnade) bezieht, die nicht allen gemeinsam sind, noch sind alle von ihnen gleich in ein und demselben Subjekt. Wir könnten auch sagen, dass er sich auf das Maß der heiligmachenden Gnade bezieht, aufgrund derer ein Mensch alle Tugenden in größerem Überfluss hat als ein anderer Mensch, wegen seines größeren Überflusses an Klugheit oder auch an Liebe, in welcher alle eingegossenen Tugenden verbunden sind.
Antwort auf den 2. Einwand: Ein Heiliger wird hauptsächlich für eine Tugend gepriesen, ein anderer Heiliger für eine andere Tugend, wegen seiner bewundernswerteren Bereitschaft für den Akt der einen Tugend als für den Akt einer anderen Tugend.
Dies genügt für die Antwort auf den dritten Einwand.