I-II, q. 57 a. 5
Ob die Klugheit eine für den Menschen notwendige Tugend ist?
Quaestio 57 · Von den Verstandestugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit keine Tugend ist, die notwendig ist, um ein gutes Leben zu führen. Denn wie sich die Kunst zu den Dingen verhält, die hergestellt werden, von denen sie die rechte Vernunft ist, so verhält sich die Klugheit zu den Dingen, die getan werden, hinsichtlich derer wir über das Leben eines Menschen urteilen: denn die Klugheit ist die rechte Vernunft über diese Dinge, wie in Ethic. vi, 5 gesagt wird. Nun ist die Kunst bei den Dingen, die hergestellt werden, nicht notwendig, außer damit sie hergestellt werden, aber nicht, nachdem sie hergestellt worden sind. Daher ist auch die Klugheit für den Menschen nicht notwendig, um ein gutes Leben zu führen, nachdem er tugendhaft geworden ist; sondern vielleicht nur, damit er tugendhaft werde.
Einwand 2: Ferner: „Durch die Klugheit sind wir wohlberaten“, wie in Ethic. vi, 5 gesagt wird. Aber der Mensch kann nicht nur aus seinem eigenen, sondern auch aus dem guten Rat eines anderen handeln. Daher braucht der Mensch keine Klugheit, um ein gutes Leben zu führen, sondern es genügt, dass er den Ratschlägen kluger Männer folgt.
Einwand 3: Ferner ist eine intellektuelle Tugend eine solche, durch die man immer die Wahrheit sagt und niemals eine Unwahrheit. Aber dies scheint bei der Klugheit nicht der Fall zu sein: denn es ist nicht menschlich, niemals zu irren, wenn man Rat darüber einholt, was zu tun ist; da menschliche Handlungen über Dinge sind, die anders sein können, als sie sind. Daher steht geschrieben (Weish. 9,14): „Die Gedanken der sterblichen Menschen sind ängstlich, und unsere Ratschläge unsicher.“ Daher scheint es, dass die Klugheit nicht als eine intellektuelle Tugend gerechnet werden sollte.
Dagegen spricht, dass sie mit anderen für das menschliche Leben notwendigen Tugenden aufgezählt wird, wenn über die Göttliche Weisheit geschrieben steht (Weish. 8,7): „Sie lehrt Mäßigkeit und Klugheit und Gerechtigkeit und Stärke, welche solche Dinge sind, dass die Menschen im Leben nichts Nützlicheres haben können.“
Ich antworte darauf, Die Klugheit ist eine für das menschliche Leben höchst notwendige Tugend. Denn ein gutes Leben besteht in guten Taten. Um nun gute Taten zu vollbringen, kommt es nicht nur darauf an, was ein Mensch tut, sondern auch wie er es tut; nämlich dass er es aus rechter Wahl tut und nicht bloß aus Impuls oder Leidenschaft. Und da die Wahl sich auf Dinge in Bezug auf das Ziel richtet, erfordert die Richtigkeit der Wahl zwei Dinge: nämlich das gebührende Ziel und etwas, das passend auf jenes gebührende Ziel hingeordnet ist. Nun wird der Mensch passend auf sein gebührendes Ziel ausgerichtet durch eine Tugend, die die Seele im strebenden Teil vervollkommnet, dessen Gegenstand das Gute und das Ziel ist. Und zu dem, was passend auf das gebührende Ziel hingeordnet ist, muss der Mensch recht disponiert sein durch einen Habitus in seiner Vernunft, weil Beratung und Wahl, die über Dinge sind, die auf das Ziel hingeordnet sind, Akte der Vernunft sind. Folglich ist eine intellektuelle Tugend in der Vernunft nötig, um die Vernunft zu vervollkommnen und sie passend gegenüber den Dingen zu affizieren, die auf das Ziel hingeordnet sind; und diese Tugend ist die Klugheit. Folglich ist die Klugheit eine Tugend, die notwendig ist, um ein gutes Leben zu führen.
Antwort auf Einwand 1: Das Gute einer Kunst ist nicht im Handwerker zu finden, sondern im Produkt der Kunst, da die Kunst rechte Vernunft über herzustellende Dinge ist: denn da das Herstellen eines Dinges in äußere Materie übergeht, ist es eine Vervollkommnung nicht des Herstellers, sondern des hergestellten Dinges, so wie die Bewegung der Akt des Bewegten ist: und die Kunst befasst sich mit dem Herstellen von Dingen. Andererseits liegt das Gute der Klugheit im aktiven Prinzip, dessen Tätigkeit seine Vervollkommnung ist: denn die Klugheit ist rechte Vernunft über zu handelnde Dinge, wie oben gesagt (Artikel [4]). Folglich verlangt die Kunst vom Handwerker nicht, dass sein Akt ein guter Akt sei, sondern dass sein Werk gut sei. Vielmehr wäre es notwendig, dass das hergestellte Ding gut agiert (z. B. dass ein Messer gut schneidet oder dass eine Säge gut sägt), wenn es solchen Dingen eigen wäre zu agieren, statt dass an ihnen gehandelt wird, weil sie keine Herrschaft über ihre Handlungen haben. Weshalb der Handwerker die Kunst braucht, nicht damit er gut lebe, sondern damit er ein gutes Kunstwerk hervorbringe und es gut instand halte: wohingegen die Klugheit für den Menschen notwendig ist, damit er ein gutes Leben führe, und nicht bloß, damit er ein guter Mensch sei.
Antwort auf Einwand 2: Wenn ein Mensch eine gute Tat vollbringt, nicht aus eigenem Rat, sondern bewegt durch den eines anderen, so ist seine Tat noch nicht ganz vollkommen, was seine Vernunft bei der Lenkung und sein Streben bei der Bewegung betrifft. Weshalb, wenn er eine gute Tat vollbringt, er nicht schlechthin gut handelt; und doch ist dies erforderlich, damit er ein gutes Leben führe.
Antwort auf Einwand 3: Wie in Ethic. vi, 2 gesagt wird, ist die Wahrheit für den praktischen Intellekt nicht dieselbe wie für den spekulativen. Weil die Wahrheit des spekulativen Intellekts von der Übereinstimmung zwischen dem Intellekt und dem Ding abhängt. Und da der Intellekt in kontingenten Dingen nicht unfehlbar in Übereinstimmung mit den Dingen sein kann, sondern nur in notwendigen Dingen, ist daher kein spekulativer Habitus über kontingente Dinge eine intellektuelle Tugend, sondern nur ein solcher, der über notwendige Dinge ist. Andererseits hängt die Wahrheit des praktischen Intellekts von der Übereinstimmung mit dem rechten Streben ab. Diese Übereinstimmung hat keinen Platz in notwendigen Dingen, die nicht durch den menschlichen Willen beeinflusst werden; sondern nur in kontingenten Dingen, die durch uns bewirkt werden können, seien es Angelegenheiten innerer Handlung oder die Produkte äußerer Arbeit. Daher wird nur über kontingente Dinge dem praktischen Intellekt eine intellektuelle Tugend zugewiesen, nämlich die Kunst hinsichtlich der herzustellenden Dinge und die Klugheit hinsichtlich der zu handelnden Dinge.