I-II, q. 57 a. 4
Ob die Klugheit eine von der Kunst verschiedene Tugend ist?
Quaestio 57 · Von den Verstandestugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit keine von der Kunst verschiedene Tugend ist. Denn Kunst ist die rechte Vernunft in Bezug auf bestimmte Werke. Aber die Verschiedenheit der Werke bewirkt nicht, dass ein Habitus aufhört, eine Kunst zu sein; da es verschiedene Künste über weit unterschiedliche Werke gibt. Da also auch die Klugheit rechte Vernunft in Bezug auf Werke ist, scheint es, dass auch sie als eine Kunst gerechnet werden sollte.
Einwand 2: Ferner hat die Klugheit mehr mit der Kunst gemeinsam als die spekulativen Habitus; denn beide sind „über kontingente Dinge, die anders sein können, als sie sind“ (Ethic. vi, 4,5). Nun werden einige spekulative Habitus Künste genannt. Viel mehr sollte daher die Klugheit eine Kunst genannt werden.
Einwand 3: Ferner gehört es zur Klugheit, „wohlberaten zu sein“ (Ethic. vi, 5). Aber Beratung findet auch in gewissen Künsten statt, wie in Ethic. iii, 3 gesagt wird, z. B. in den Künsten der Kriegsführung, der Seefahrt und der Medizin. Also ist die Klugheit nicht von der Kunst verschieden.
Dagegen spricht, dass der Philosoph die Klugheit von der Kunst unterscheidet (Ethic. vi, 5).
Ich antworte darauf, Wo die Natur der Tugend differiert, da gibt es eine andere Art von Tugend. Nun wurde oben gesagt (Artikel [1]; Frage [56], Artikel [3]), dass einige Habitus die Natur der Tugend haben, indem sie bloß die Befähigung zu einem guten Werk verleihen: während einige Habitus Tugenden sind, nicht nur durch das Verleihen der Befähigung zu einem guten Werk, sondern auch durch das Verleihen des Gebrauchs. Die Kunst aber verleiht die bloße Befähigung zu gutem Werk; da sie das Streben nicht berücksichtigt; wohingegen die Klugheit nicht nur die Befähigung zu einem guten Werk verleiht, sondern auch den Gebrauch: denn sie berücksichtigt das Streben, da sie dessen Richtigsein voraussetzt.
Der Grund für diesen Unterschied ist, dass die Kunst die „rechte Vernunft der herzustellenden Dinge“ ist; wohingegen die Klugheit die „rechte Vernunft der zu handelnden Dinge“ ist. Nun unterscheiden sich „Herstellen“ und „Handeln“, wie in Metaph. ix, text. 16 gesagt wird, dadurch, dass „Herstellen“ eine Handlung ist, die in äußere Materie übergeht, z. B. „bauen“, „sägen“ und dergleichen; wohingegen „Handeln“ eine Handlung ist, die im Handelnden verbleibt, z. B. „sehen“, „wollen“ und Ähnliches. Dementsprechend steht die Klugheit in derselben Beziehung zu solchen menschlichen Handlungen, die im Gebrauch von Kräften und Habitus bestehen, wie die Kunst zum äußeren Herstellen: da jede die vollkommene Vernunft über die Dinge ist, mit denen sie befasst ist. Aber die Vollkommenheit und Richtigkeit der Vernunft in spekulativen Dingen hängen von den Prinzipien ab, von denen die Vernunft her argumentiert; so wie wir oben gesagt haben (Artikel [2], zu 2), dass die Wissenschaft vom Verstand abhängt und ihn voraussetzt, welcher der Habitus der Prinzipien ist. Nun ist in menschlichen Handlungen das Ziel das, was die Prinzipien in spekulativen Dingen sind, wie in Ethic. vii, 8 gesagt wird. Folglich ist es für die Klugheit, welche die rechte Vernunft über die zu handelnden Dinge ist, erforderlich, dass der Mensch in Bezug auf die Ziele gut disponiert sei: und dies hängt von der Richtigkeit seines Strebens ab. Weshalb für die Klugheit eine moralische Tugend vonnöten ist, welche das Streben berichtigt. Andererseits ist das Gute der Dinge, die durch Kunst hergestellt werden, nicht das Gut des menschlichen Strebens, sondern das Gut jener Dinge selbst: weshalb die Kunst nicht die Richtigkeit des Strebens voraussetzt. Die Folge ist, dass einem Handwerker, der willentlich einen Fehler macht, mehr Lob zuteilwird als einem, der es unwillentlich tut; wohingegen es der Klugheit mehr entgegensteht, willentlich zu sündigen als unwillentlich, da die Richtigkeit des Willens wesentlich für die Klugheit ist, nicht aber für die Kunst. Dementsprechend ist es offensichtlich, dass die Klugheit eine von der Kunst verschiedene Tugend ist.
Antwort auf Einwand 1: Die verschiedenen Arten von Dingen, die durch Kunst hergestellt werden, sind alle äußerlich zum Menschen: daher verursachen sie keine andere Art von Tugend. Aber die Klugheit ist rechte Vernunft über die menschlichen Handlungen selbst: daher ist sie eine eigene Art von Tugend, wie oben gesagt.
Antwort auf Einwand 2: Die Klugheit hat mehr mit der Kunst gemeinsam als ein spekulativer Habitus, wenn wir ihr Subjekt und ihre Materie betrachten: denn beide sind im denkenden Teil der Seele und über Dinge, die anders sein können, als sie sind. Aber wenn wir sie als Tugenden betrachten, dann hat die Kunst mehr mit den spekulativen Habitus gemeinsam, wie aus dem Gesagten klar ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Klugheit ist von gutem Rat über Angelegenheiten, die das gesamte Leben des Menschen und das Ziel des menschlichen Lebens betreffen. Aber in einigen Künsten gibt es Beratung über Angelegenheiten, die die jenen Künsten eigenen Ziele betreffen. Daher werden manche Menschen, insofern sie gute Ratgeber in Angelegenheiten der Kriegsführung oder der Seefahrt sind, kluge Offiziere oder Lotsen genannt, aber nicht schlechthin klug: nur jene sind schlechthin klug, die guten Rat über alle Belange des Lebens geben.