I-II, q. 57 a. 1
Ob die Habitus des spekulativen Intellekts Tugenden sind?
Quaestio 57 · Von den Verstandestugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die Habitus des spekulativen Intellekts keine Tugenden sind. Denn die Tugend ist ein operativer Habitus, wie wir oben gesagt haben (Frage [55], Artikel [2]). Die spekulativen Habitus aber sind nicht operativ; denn die spekulative Materie ist verschieden von der praktischen, d. h. der operativen Materie. Also sind die Habitus des spekulativen Intellekts keine Tugenden.
Einwand 2: Ferner bezieht sich die Tugend auf jene Dinge, durch welche der Mensch glücklich oder selig gemacht wird; denn „das Glück ist der Lohn der Tugend“ (Ethic. i, 9). Nun betrachten die intellektuellen Habitus nicht die menschlichen Handlungen oder andere menschliche Güter, durch welche der Mensch das Glück erlangt, sondern vielmehr Dinge, die zur Natur oder zu Gott gehören. Daher können derartige Habitus nicht Tugenden genannt werden.
Einwand 3: Ferner ist die Wissenschaft ein spekulativer Habitus. Aber Wissenschaft und Tugend sind voneinander verschieden wie Gattungen, die nicht untergeordnet sind, wie der Philosoph in Topic. iv beweist. Also sind die spekulativen Habitus keine Tugenden.
Dagegen spricht, dass die spekulativen Habitus allein notwendige Dinge betrachten, die nicht anders sein können, als sie sind. Nun verlegt der Philosoph (Ethic. vi, 1) gewisse intellektuelle Tugenden in jenen Teil der Seele, der die notwendigen Dinge betrachtet, die nicht anders sein können, als sie sind. Also sind die Habitus des spekulativen Intellekts Tugenden.
Ich antworte darauf, dass, da jede Tugend auf ein Gut hingeordnet ist, wie oben gesagt wurde (Frage [55], Artikel [3]), ein Habitus, wie wir bereits bemerkt haben (Frage [56], Artikel [3]), aus zwei Gründen eine Tugend genannt werden kann: erstens, weil er die Befähigung verleiht, Gutes zu tun; zweitens, weil er neben der Befähigung auch den rechten Gebrauch derselben verleiht. Die letztere Bedingung gehört, wie oben gesagt (Frage [55], Artikel [3]), allein jenen Habitus an, die den strebenden Teil der Seele betreffen: denn es ist die strebende Kraft der Seele, die alle Kräfte und Habitus zu ihrem jeweiligen Gebrauch bringt.
Da also die Habitus des spekulativen Intellekts den strebenden Teil weder vervollkommnen noch ihn in irgendeiner Weise betreffen, sondern nur den intellektiven Teil, können sie zwar insofern Tugenden genannt werden, als sie die Befähigung zu einem guten Werk verleihen, nämlich zur Betrachtung der Wahrheit (da dies das gute Werk des Intellekts ist): doch werden sie nicht auf die zweite Weise Tugenden genannt, als ob sie den rechten Gebrauch einer Kraft oder eines Habitus verliehen. Denn wenn ein Mensch einen Habitus der spekulativen Wissenschaft besitzt, folgt daraus nicht, dass er geneigt ist, davon Gebrauch zu machen, sondern er wird befähigt, die Wahrheit in jenen Dingen zu betrachten, von denen er wissenschaftliche Kenntnis hat: dass er aber von der Erkenntnis, die er hat, Gebrauch macht, ist der Bewegung seines Willens zuzuschreiben. Folglich verleiht eine Tugend, die den Willen vervollkommnet, wie die Liebe oder die Gerechtigkeit, den rechten Gebrauch dieser spekulativen Habitus. Und auf diese Weise kann auch in den Akten dieser Habitus ein Verdienst liegen, wenn sie aus Liebe geschehen: so sagt Gregor (Moral. vi), dass das „kontemplative Leben größeres Verdienst hat als das aktive Leben.“
Antwort auf Einwand 1: Das Werk ist zweifacher Art: äußeres und inneres. Dementsprechend befasst sich das praktische oder aktive Vermögen, das dem spekulativen Vermögen gegenübergestellt wird, mit dem äußeren Werk, auf welches der spekulative Habitus nicht hingeordnet ist. Doch ist er auf den inneren Akt des Intellekts hingeordnet, welcher darin besteht, die Wahrheit zu betrachten. Und auf diese Weise ist er ein operativer Habitus.
Antwort auf Einwand 2: Die Tugend bezieht sich auf gewisse Dinge in zweifacher Weise. Erstens bezieht sich eine Tugend auf ihren Gegenstand. Und so beziehen sich diese spekulativen Tugenden nicht auf jene Dinge, durch welche der Mensch glücklich gemacht wird; außer vielleicht insofern, als das Wort „wodurch“ die Wirkursache oder den Gegenstand des vollkommenen Glücks anzeigt, d. h. Gott, der der höchste Gegenstand der Kontemplation ist. Zweitens sagt man, eine Tugend beziehe sich auf ihre Akte: und in diesem Sinne beziehen sich die intellektuellen Tugenden auf jene Dinge, durch welche ein Mensch glücklich gemacht wird; sowohl weil die Akte dieser Tugenden verdienstvoll sein können, wie oben gesagt, als auch weil sie eine Art Anfang der vollkommenen Seligkeit sind, die in der Betrachtung der Wahrheit besteht, wie wir bereits dargelegt haben (Frage [3], Artikel [7]).
Antwort auf Einwand 3: Die Wissenschaft wird der Tugend im zweiten Sinne gegenübergestellt, in welchem sie zum strebenden Vermögen gehört.