I-II, q. 57 a. 3
Ob der intellektuelle Habitus, die Kunst, eine Tugend ist?
Quaestio 57 · Von den Verstandestugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die Kunst keine intellektuelle Tugend ist. Denn Augustinus sagt (De Lib. Arb. ii, 18,19), dass „niemand von der Tugend schlechten Gebrauch macht.“ Aber man kann von der Kunst schlechten Gebrauch machen: denn ein Handwerker kann gemäß der Kenntnis seiner Kunst schlecht arbeiten. Also ist die Kunst keine Tugend.
Einwand 2: Ferner gibt es keine Tugend einer Tugend. Aber „es gibt eine Tugend der Kunst“, gemäß dem Philosophen (Ethic. vi, 5). Also ist die Kunst keine Tugend.
Einwand 3: Ferner übertreffen die freien Künste die mechanischen Künste. Aber so wie die mechanischen Künste praktisch sind, so sind die freien Künste spekulativ. Wenn also die Kunst eine intellektuelle Tugend wäre, müsste sie unter die spekulativen Tugenden gerechnet werden.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (Ethic. vi, 3,4) sagt, die Kunst sei eine Tugend; und doch rechnet er sie nicht unter die spekulativen Tugenden, welche gemäß ihm im wissenschaftlichen Teil der Seele ihren Sitz haben.
Ich antworte darauf, Die Kunst ist nichts anderes als „die rechte Vernunft in Bezug auf bestimmte herzustellende Werke“. Und doch hängt das Gut dieser Dinge nicht davon ab, dass das strebende Vermögen des Menschen auf diese oder jene Weise affiziert ist, sondern von der Güte des ausgeführten Werkes. Denn ein Handwerker ist als solcher lobenswert nicht wegen des Willens, mit dem er ein Werk verrichtet, sondern wegen der Qualität des Werkes. Die Kunst ist daher, eigentlich gesprochen, ein operativer Habitus. Und doch hat sie etwas mit den spekulativen Habitus gemeinsam: da die Qualität des von letzteren betrachteten Gegenstandes auch für sie von Belang ist, nicht aber, wie das menschliche Streben gegenüber diesem Gegenstand affiziert sein mag. Denn solange der Geometer die Wahrheit beweist, spielt es keine Rolle, wie sein strebendes Vermögen affiziert sein mag, ob er freudig oder zornig ist: ebenso wie dies auch bei einem Handwerker keine Rolle spielt, wie wir bemerkt haben. Und so hat die Kunst die Natur einer Tugend auf dieselbe Weise wie die spekulativen Habitus, insofern nämlich weder die Kunst noch der spekulative Habitus ein gutes Werk bewirkt hinsichtlich des Gebrauchs des Habitus, was die Eigenschaft einer Tugend ist, die das Streben vervollkommnet, sondern nur hinsichtlich der Befähigung, gut zu arbeiten.
Antwort auf Einwand 1: Wenn jemand, der mit einer Kunst begabt ist, schlechte Arbeit hervorbringt, so ist dies nicht das Werk jener Kunst, tatsächlich ist es der Kunst entgegengesetzt: ebenso wie wenn ein Mensch lügt, während er die Wahrheit kennt, seine Worte nicht in Übereinstimmung mit seinem Wissen sind, sondern diesem entgegengesetzt. Weshalb, so wie die Wissenschaft immer eine Beziehung zum Guten hat, wie oben gesagt (Artikel [2], zu 3), so verhält es sich auch mit der Kunst: und aus diesem Grund wird sie eine Tugend genannt. Und doch verfehlt sie es, eine vollkommene Tugend zu sein, weil sie ihren Besitzer nicht dazu bringt, sie gut zu gebrauchen; wozu etwas Weiteres erforderlich ist: wenngleich es keinen guten Gebrauch ohne die Kunst geben kann.
Antwort auf Einwand 2: Damit der Mensch von der Kunst, die er hat, guten Gebrauch mache, bedarf er eines guten Willens, der durch die moralische Tugend vervollkommnet wird; und aus diesem Grund sagt der Philosoph, dass es eine Tugend der Kunst gibt; nämlich eine moralische Tugend, insofern der gute Gebrauch der Kunst eine moralische Tugend erfordert. Denn es ist offensichtlich, dass ein Handwerker durch die Gerechtigkeit, die seinen Willen berichtigt, dazu geneigt wird, seine Arbeit treu zu verrichten.
Antwort auf Einwand 3: Auch in spekulativen Dingen gibt es etwas nach Art eines Werkes: z. B. das Bilden eines Syllogismus oder einer passenden Rede, oder das Werk des Zählens oder Messens. Daher werden alle Habitus, die auf derartige Werke der spekulativen Vernunft hingeordnet sind, durch eine Art Vergleich zwar Künste genannt, aber „freie“ Künste, um sie von jenen Künsten zu unterscheiden, die auf Werke hingeordnet sind, die durch den Körper verrichtet werden, welche Künste gewissermaßen knechtisch sind, insofern der Körper in knechtischer Unterwerfung unter die Seele steht und der Mensch hinsichtlich seiner Seele frei [liber] ist. Andererseits werden jene Wissenschaften, die nicht auf irgendein derartiges Werk hingeordnet sind, schlechthin Wissenschaften genannt und nicht Künste. Auch folgt daraus, dass die freien Künste vorzüglicher sind, nicht, dass der Begriff der Kunst auf sie eher anwendbar wäre.