I-II, q. 57 a. 2
Ob es nur drei Habitus des spekulativen Intellekts gibt, nämlich Weisheit, Wissenschaft und Verstand?
Quaestio 57 · Von den Verstandestugenden
Einwand 1: Es scheint unpassend, drei Tugenden des spekulativen Intellekts zu unterscheiden, nämlich Weisheit, Wissenschaft und Verstand. Denn eine Spezies ist eine Art von Wissenschaft, wie in Ethic. vi, 7 gesagt wird. Daher sollte die Weisheit nicht neben der Wissenschaft unter den intellektuellen Tugenden aufgeteilt werden.
Einwand 2: Ferner betrachten wir bei der Unterscheidung von Kräften, Habitus und Akten in Bezug auf ihre Gegenstände hauptsächlich den formalen Aspekt dieser Gegenstände, wie wir bereits erklärt haben (FP, Frage [77], Artikel [3]). Daher wird die Verschiedenheit der Habitus nicht von ihren materiellen Gegenständen genommen, sondern vom formalen Aspekt jener Gegenstände. Nun ist das Prinzip eines Beweises der formale Aspekt, unter dem die Schlussfolgerung erkannt wird. Daher sollte das Verständnis der Prinzipien nicht als ein Habitus oder eine Tugend festgesetzt werden, die von der Erkenntnis der Schlussfolgerungen verschieden ist.
Einwand 3: Ferner ist eine intellektuelle Tugend eine solche, die im wesenhaft rationalen Vermögen ihren Sitz hat. Nun bedient sich auch die spekulative Vernunft des dialektischen Syllogismus um des Argumentierens willen, so wie sie sich des demonstrativen Syllogismus bedient. Wie also die Wissenschaft, die das Ergebnis eines demonstrativen Syllogismus ist, als eine intellektuelle Tugend festgesetzt wird, so sollte es auch die Meinung sein.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (Ethic. vi, 1) allein diese drei als intellektuelle Tugenden rechnet, nämlich Weisheit, Wissenschaft und Verstand.
Ich antworte darauf, Wie bereits gesagt (Artikel [1]), sind die Tugenden des spekulativen Intellekts jene, die den spekulativen Intellekt für die Betrachtung der Wahrheit vervollkommnen: denn dies ist sein gutes Werk. Nun unterliegt eine Wahrheit einer zweifachen Betrachtung – als in sich selbst erkannt und als durch etwas anderes erkannt. Was in sich selbst erkannt wird, ist wie ein „Prinzip“ und wird vom Intellekt sogleich verstanden: weshalb der Habitus, der den Intellekt für die Betrachtung solcher Wahrheit vervollkommnet, „Verstand“ [intellectus] genannt wird, welcher der Habitus der Prinzipien ist.
Andererseits wird eine Wahrheit, die durch etwas anderes erkannt wird, vom Intellekt nicht sogleich verstanden, sondern mittels der Nachforschung der Vernunft, und ist wie ein „Terminus“. Dies kann auf zwei Arten geschehen: erstens so, dass es das Letzte in irgendeiner bestimmten Gattung ist; zweitens so, dass es der letzte Terminus aller menschlichen Erkenntnis ist. Und da „Dinge, die von unserem Standpunkt aus zuletzt erkennbar sind, ihrer Natur nach zuerst und hauptsächlich erkennbar sind“ (Phys. i, text. 2, 3), so ist das, was in Bezug auf alle menschliche Erkenntnis das Letzte ist, jenes, was seiner Natur nach zuerst und hauptsächlich erkennbar ist. Und mit diesen befasst sich die „Weisheit“, welche die höchsten Ursachen betrachtet, wie in Metaph. i, 1,2 gesagt wird. Weshalb sie zu Recht über alle Dinge urteilt und sie ordnet, weil es kein vollkommenes und universales Urteil geben kann, das nicht auf den ersten Ursachen beruht. In Bezug auf das aber, was in dieser oder jener Gattung erkennbarer Materie das Letzte ist, ist es die „Wissenschaft“, die den Intellekt vervollkommnet. Weshalb es gemäß den verschiedenen Arten erkennbarer Materie verschiedene Habitus wissenschaftlicher Erkenntnis gibt; wohingegen es nur eine Weisheit gibt.
Antwort auf Einwand 1: Die Weisheit ist eine Art von Wissenschaft, insofern sie das hat, was allen Wissenschaften gemeinsam ist; nämlich Schlussfolgerungen aus Prinzipien zu beweisen. Da sie aber etwas ihr Eigenes über die anderen Wissenschaften hinaus hat, insofern sie über sie alle urteilt, nicht nur hinsichtlich ihrer Schlussfolgerungen, sondern auch hinsichtlich ihrer ersten Prinzipien, ist sie daher eine vollkommenere Tugend als die Wissenschaft.
Antwort auf Einwand 2: Wenn der formale Aspekt des Gegenstandes durch einen einzigen Akt auf eine Kraft oder einen Habitus bezogen wird, gibt es keine Unterscheidung von Habitus oder Kraft hinsichtlich des formalen Aspekts und des materiellen Gegenstandes: so gehört es zur selben Sehkraft, sowohl die Farbe als auch das Licht zu sehen, welches der formale Aspekt ist, unter dem die Farbe gesehen wird, und das zur gleichen Zeit wie die Farbe gesehen wird. Andererseits können die Prinzipien eines Beweises gesondert betrachtet werden, ohne dass die Schlussfolgerung überhaupt betrachtet wird. Wiederum können sie zusammen mit den Schlussfolgerungen betrachtet werden, da die Schlussfolgerungen aus ihnen abgeleitet werden können. Dementsprechend gehört es zur Wissenschaft, die Prinzipien auf diese zweite Weise zu betrachten, da sie auch die Schlussfolgerungen betrachtet: während die Prinzipien in sich selbst zu betrachten zum Verstand gehört.
Folglich sind diese drei Tugenden, wenn wir den Punkt recht betrachten, unterschieden, nicht als ob sie auf gleicher Stufe stünden, sondern in einer gewissen Ordnung. Dasselbe ist bei potentiellen Ganzen zu beobachten, worin ein Teil vollkommener ist als ein anderer; zum Beispiel ist die rationale Seele vollkommener als die sensitive Seele, und die sensitive als die vegetative. Denn so hängt die Wissenschaft vom Verstand ab als von einer Tugend höheren Grades: und beide hängen von der Weisheit ab, da sie den höchsten Platz einnimmt und sowohl den Verstand als auch die Wissenschaft unter sich enthält, indem sie sowohl über die Schlussfolgerungen der Wissenschaft als auch über die Prinzipien urteilt, auf denen sie beruhen.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben gesagt (Frage [55], Artikel [3],4), hat ein tugendhafter Habitus eine feste Beziehung zum Guten und ist in keiner Weise auf das Böse beziehbar. Nun ist das Gut des Intellekts die Wahrheit, und die Falschheit ist sein Übel. Weshalb jene Habitus allein intellektuelle Tugenden genannt werden, durch welche wir die Wahrheit sagen und niemals eine Unwahrheit. Aber Meinung und Verdacht können sich sowohl auf Wahrheit als auch auf Falschheit beziehen: und so sind sie, wie in Ethic. vi, 3 gesagt wird, keine intellektuellen Tugenden.