I-II, q. 28 a. 5
Ist die Liebe eine Leidenschaft, die den Liebenden verwundet?
Quaestio 28 · Von den Wirkungen der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe den Liebenden verwundet. Denn Schmachten bezeichnet eine Verletzung in dem, der schmachtet. Aber Liebe verursacht Schmachten: denn es steht geschrieben (Hld 2,5): „Stärkt mich mit Blumen, umgebt mich mit Äpfeln; denn ich schmachte vor Liebe.“ Also ist Liebe eine verwundende Leidenschaft.
Einwand 2: Ferner ist Schmelzen eine Art Auflösung. Aber Liebe schmilzt das, worin sie ist: denn es steht geschrieben (Hld 5,6): „Meine Seele schmolz, als mein Geliebter sprach.“ Also ist Liebe ein Auflösungsmittel: daher ist sie eine verderbliche und verwundende Leidenschaft.
Einwand 3: Ferner bezeichnet Inbrunst ein gewisses Übermaß an Hitze; welches Übermaß eine verderbliche Wirkung hat. Aber Liebe verursacht Inbrunst: denn Dionysius (Coel. Hier. vii) zählt bei der Aufzählung der Eigenschaften, die zur Liebe der Seraphim gehören, „heiß“ und „durchdringend“ und „höchst inbrünstig“ auf. Überdies wird von der Liebe gesagt (Hld 8,6), dass „ihre Lampen Feuer und Flammen sind“. Also ist Liebe eine verwundende und verderbliche Leidenschaft.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. iv), dass „alles sich selbst mit einer Liebe liebt, die es zusammenhält“, d.h. die es bewahrt. Also ist Liebe keine verwundende Leidenschaft, sondern vielmehr eine, die bewahrt und vervollkommnet.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Frage [26], Artikel [1],2; Frage [27], Artikel [1]), Liebe eine gewisse Anpassung des Begehrungsvermögens an ein Gut bezeichnet. Nun wird nichts dadurch verletzt, dass es an das angepasst wird, was ihm angemessen ist; vielmehr wird es, wenn möglich, vervollkommnet und verbessert. Wenn aber ein Ding an das angepasst wird, was ihm nicht angemessen ist, wird es dadurch verletzt und verschlechtert. Folglich vervollkommnet und verbessert die Liebe zu einem angemessenen Gut den Liebenden; aber die Liebe zu einem Gut, das dem Liebenden unangemessen ist, verwundet und verschlechtert ihn. Weshalb der Mensch hauptsächlich durch die Liebe zu Gott vervollkommnet und verbessert wird: aber durch die Liebe zur Sünde verwundet und verschlechtert wird, gemäß Hosea 9,10: „Sie wurden abscheulich wie jene Dinge, die sie liebten.“
Und dies sei so verstanden, dass es auf die Liebe hinsichtlich ihres formalen Elements zutrifft, d.h. in Bezug auf das Begehren. Aber hinsichtlich des materiellen Elements in der Leidenschaft der Liebe, d.h. einer gewissen körperlichen Veränderung, geschieht es, dass Liebe schädlich ist, aufgrund dessen, dass diese Veränderung übermäßig ist: so wie es in den Sinnen geschieht und in jedem Akt eines Vermögens der Seele, der durch die Veränderung eines körperlichen Organs ausgeübt wird.
Als Antwort auf die Einwände ist zu bemerken, dass der Liebe vier unmittelbare Wirkungen zugeschrieben werden können: nämlich Schmelzen, Genuss, Schmachten und Inbrunst. Von diesen ist das erste das „Schmelzen“, welches dem Gefrieren entgegengesetzt ist. Denn Dinge, die gefroren sind, sind fest miteinander verbunden, so dass sie schwer zu durchdringen sind. Aber es gehört zur Liebe, dass das Begehren geeignet gemacht wird, das Gut zu empfangen, das geliebt wird, insofern der geliebte Gegenstand im Liebenden ist, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Folglich ist das Gefrieren oder Verhärten des Herzens eine Disposition, die mit der Liebe unvereinbar ist: während Schmelzen eine Erweichung des Herzens bezeichnet, wodurch das Herz sich bereit zeigt für den Einzug des Geliebten. Wenn dann der Geliebte anwesend ist und besessen wird, folgt Vergnügen oder Genuss. Wenn aber der Geliebte abwesend ist, entstehen zwei Leidenschaften; nämlich Traurigkeit über seine Abwesenheit, was durch „Schmachten“ bezeichnet wird (daher wendet Cicero in De Tusc. Quaest. iii, 11 den Begriff „Krankheit“ hauptsächlich auf Traurigkeit an); und ein intensives Verlangen, den Geliebten zu besitzen, was durch „Inbrunst“ bezeichnet wird. Und dies sind die Wirkungen der Liebe, formal betrachtet, gemäß der Beziehung des Begehrungsvermögens zu seinem Gegenstand. Aber in der Leidenschaft der Liebe folgen andere Wirkungen, die den obigen proportional sind, hinsichtlich einer Veränderung im Organ.