I-II, q. 28 a. 2
Ist das gegenseitige Innewohnen eine Wirkung der Liebe?
Quaestio 28 · Von den Wirkungen der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe kein gegenseitiges Innewohnen bewirkt, so dass der Liebende im Geliebten ist und umgekehrt. Denn das, was in einem anderen ist, ist in ihm enthalten. Aber dasselbe kann nicht Behälter und Inhalt sein. Also kann die Liebe kein gegenseitiges Innewohnen bewirken, so dass der Liebende im Geliebten ist und umgekehrt.
Einwand 2: Ferner kann nichts in das Innere eines Ganzen eindringen, außer durch eine Teilung des Ganzen. Aber es ist die Funktion der Vernunft, nicht des Begehrens, wo die Liebe ihren Sitz hat, Dinge zu teilen, die real vereint sind. Also ist das gegenseitige Innewohnen keine Wirkung der Liebe.
Einwand 3: Ferner, wenn die Liebe beinhaltet, dass der Liebende im Geliebten ist und umgekehrt, folgt daraus, dass der Geliebte mit dem Liebenden auf dieselbe Weise vereinigt ist, wie der Liebende mit dem Geliebten vereinigt ist. Aber die Vereinigung selbst ist die Liebe, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Also folgt daraus, dass der Liebende immer vom Gegenstand seiner Liebe geliebt wird; was offensichtlich falsch ist. Also ist das gegenseitige Innewohnen keine Wirkung der Liebe.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (1 Joh 4,16): „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Nun ist die Caritas die Liebe zu Gott. Also bewirkt aus demselben Grund jede Liebe, dass der Geliebte im Liebenden ist und umgekehrt.
Ich antworte darauf, dass diese Wirkung des gegenseitigen Innewohnens sowohl in Bezug auf das Erkenntnisvermögen als auch auf das Begehrungsvermögen verstanden werden kann. Denn was das Erkenntnisvermögen betrifft, so sagt man, der Geliebte sei im Liebenden, insofern der Geliebte in der Auffassung des Liebenden verbleibt, gemäß Phil 1,7: „Denn ich habe euch in meinem Herzen“; während man sagt, der Liebende sei im Geliebten gemäß der Auffassung, insofern der Liebende sich nicht mit einer oberflächlichen Auffassung des Geliebten begnügt, sondern danach strebt, eine intime Kenntnis von allem zu erlangen, was den Geliebten betrifft, um so bis in seine Seele einzudringen. So steht über den Heiligen Geist geschrieben, der Gottes Liebe ist, dass er „alles erforscht, auch die Tiefen der Gottheit“ (1 Kor 2,10).
Was das Begehrungsvermögen betrifft, so sagt man, der geliebte Gegenstand sei im Liebenden, insofern er in dessen Zuneigung ist durch eine Art von Wohlgefallen: was bewirkt, dass er entweder an ihm oder an seinem Gut Vergnügen findet, wenn er anwesend ist; oder, bei Abwesenheit des geliebten Gegenstandes, durch sein Verlangen zu ihm hin tendiert mit der Liebe der Begierde, oder zu dem Gut, das er dem Geliebten will, mit der Liebe der Freundschaft: und zwar nicht aus irgendeiner äußeren Ursache (wie wenn wir eine Sache wegen einer anderen begehren oder einem anderen Gutes wünschen wegen etwas anderem), sondern weil das Wohlgefallen am Geliebten im Herzen des Liebenden verwurzelt ist. Aus diesem Grund sprechen wir davon, dass die Liebe „intim“ ist; und von den „Eingeweiden der Nächstenliebe“. Andererseits ist der Liebende im Geliebten durch die Liebe der Begierde und durch die Liebe der Freundschaft, aber nicht auf dieselbe Weise. Denn die Liebe der Begierde begnügt sich nicht mit irgendeinem äußeren oder oberflächlichen Besitz oder Genuss des Geliebten, sondern sucht den Geliebten vollkommen zu besitzen, indem sie gleichsam in sein Herz eindringt. In der Liebe der Freundschaft hingegen ist der Liebende im Geliebten, insofern er das, was seinem Freund gut oder böse ist, als so für sich selbst erachtet; und den Willen seines Freundes als seinen eigenen, so dass es scheint, als ob er das Gute fühle oder das Böse erleide in der Person seines Freundes. Daher ist es Freunden eigen, „dasselbe zu wollen und über dasselbe Schmerz und Freude zu empfinden“, wie der Philosoph sagt (Ethic. ix, 3 und Rhet. ii, 4). Folglich scheint der Liebende, insofern er das, was seinen Freund betrifft, als sich selbst betreffend erachtet, im Geliebten zu sein, als ob er eins mit ihm geworden wäre: insofern er aber andererseits um seines Freundes willen wie um seiner selbst willen will und handelt, indem er seinen Freund als mit sich selbst identifiziert ansieht, so ist der Geliebte im Liebenden.
Auf noch eine dritte Weise kann das gegenseitige Innewohnen in der Liebe der Freundschaft im Hinblick auf die wechselseitige Liebe verstanden werden: insofern Freunde Liebe für Liebe erwidern und beide einander Gutes wünschen und tun.
Antwort auf Einwand 1: Der Geliebte ist im Liebenden enthalten, indem er seinem Herzen eingeprägt ist und so zum Gegenstand seines Wohlgefallens wird. Andererseits ist der Liebende im Geliebten enthalten, insofern der Liebende sozusagen in den Geliebten eindringt. Denn nichts hindert ein Ding daran, auf verschiedene Weisen sowohl Behälter als auch Inhalt zu sein: so wie eine Gattung in ihrer Art enthalten ist und umgekehrt.
Antwort auf Einwand 2: Die Auffassung der Vernunft geht der Bewegung der Liebe voraus. Folglich dringt die Bewegung der Liebe, so wie die Vernunft teilt, in den Geliebten ein, wie oben erklärt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument trifft auf die dritte Art des gegenseitigen Innewohnens zu, die nicht in jeder Art von Liebe zu finden ist.