I-II, q. 28 a. 3
Ist die Ekstase eine Wirkung der Liebe?
Quaestio 28 · Von den Wirkungen der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass Ekstase keine Wirkung der Liebe ist. Denn Ekstase scheint den Verlust der Vernunft zu implizieren. Aber Liebe führt nicht immer zum Verlust der Vernunft: denn Liebende sind zuweilen Herr ihrer selbst. Also verursacht Liebe keine Ekstase.
Einwand 2: Ferner wünscht der Liebende, dass der Geliebte mit ihm vereinigt sei. Daher zieht er den Geliebten eher zu sich, als dass er sich in den Geliebten begibt, indem er gleichsam aus sich selbst herausgeht.
Einwand 3: Ferner vereinigt die Liebe den Geliebten mit dem Liebenden, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Wenn also der Liebende aus sich selbst herausgeht, um sich in den Geliebten zu begeben, folgt daraus, dass der Liebende den Geliebten immer mehr liebt als sich selbst: was offensichtlich falsch ist. Also ist Ekstase keine Wirkung der Liebe.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. iv), die „göttliche Liebe bewirkt Ekstase“, und dass „Gott selbst Ekstase durch die Liebe erlitten hat“. Da also nach demselben Autor (Div. Nom. iv) jede Liebe eine teilhabende Ähnlichkeit der göttlichen Liebe ist, scheint es, dass jede Liebe Ekstase verursacht.
Ich antworte darauf, dass Ekstase erleiden bedeutet, außerhalb seiner selbst gestellt zu werden. Dies geschieht hinsichtlich des Erkenntnisvermögens und hinsichtlich des Begehrungsvermögens. Hinsichtlich des Erkenntnisvermögens sagt man, ein Mensch sei außerhalb seiner selbst gestellt, wenn er außerhalb der ihm eigenen Erkenntnis gestellt wird. Dies kann darauf zurückzuführen sein, dass er zu einer höheren Erkenntnis erhoben wird; so sagt man, ein Mensch erleide Ekstase, insofern er außerhalb der konnaturalen Auffassung seines Sinnes und seiner Vernunft gestellt wird, wenn er emporgehoben wird, um Dinge zu begreifen, die Sinn und Vernunft übersteigen: oder es kann darauf zurückzuführen sein, dass er in einen Zustand der Erniedrigung hinabgeworfen wird; so kann man sagen, ein Mensch erleide Ekstase, wenn er von heftiger Leidenschaft oder Wahnsinn überwältigt wird. Hinsichtlich des Begehrungsvermögens sagt man, ein Mensch erleide Ekstase, wenn dieses Vermögen auf etwas anderes gerichtet ist, so dass es gleichsam aus sich selbst herausgeht.
Die erste dieser Ekstasen wird dispositiv durch die Liebe verursacht, insofern nämlich die Liebe den Liebenden veranlasst, beim Geliebten zu verweilen, wie oben dargelegt (Artikel [2]), und das intensive Verweilen bei einer Sache den Geist von anderen Dingen abzieht. Die zweite Ekstase wird direkt durch die Liebe verursacht; durch die Liebe der Freundschaft schlechthin; durch die Liebe der Begierde nicht schlechthin, sondern in einem eingeschränkten Sinne. Denn in der Liebe der Begierde wird der Liebende in gewissem Sinne aus sich selbst herausgetragen; insofern er nämlich, da er sich nicht damit begnügt, das Gut zu genießen, das er hat, danach sucht, etwas außerhalb seiner selbst zu genießen. Da er aber sucht, dieses äußere Gut für sich selbst zu haben, geht er nicht schlechthin aus sich selbst heraus, und diese Bewegung verbleibt letztlich in ihm. Andererseits geht in der Liebe der Freundschaft die Zuneigung eines Menschen schlechthin aus sich selbst heraus; weil er seinem Freund Gutes wünscht und tut, indem er sich um ihn sorgt und für ihn vorsorgt, um seinetwillen.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument trifft auf die erste Art der Ekstase zu.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument bezieht sich auf die Liebe der Begierde, die, wie oben dargelegt, keine Ekstase schlechthin verursacht.
Antwort auf Einwand 3: Wer liebt, geht aus sich selbst heraus, insofern er das Gute seines Freundes will und dafür arbeitet. Doch will er das Gute seines Freundes nicht mehr als sein eigenes Gut: und so folgt daraus nicht, dass er einen anderen mehr liebt als sich selbst.