I-II, q. 14 a. 6
Ob der Vorgang der Beratung ins Unendliche geht?
Quaestio 14 · Vom Rat, der der Wahl vorangeht.
1. Einwand: Es scheint, dass der Vorgang der Beratung ins Unendliche geht. Denn Beratung ist eine Untersuchung über die einzelnen Dinge, mit denen sich das Handeln befasst. Einzeldinge aber sind unendlich. Also ist der Vorgang der Beratung unendlich.
2. Einwand: Ferner muss die Untersuchung der Beratung nicht nur betrachten, was zu tun ist, sondern wie Hindernisse vermieden werden können. Aber jede menschliche Handlung kann behindert werden, und ein Hindernis kann durch irgendeine menschliche Vernunft beseitigt werden. Also kann die Untersuchung über die Beseitigung von Hindernissen ins Unendliche gehen.
3. Einwand: Ferner geht die Untersuchung der beweisenden Wissenschaft nicht ins Unendliche, weil man zu Prinzipien gelangen kann, die an sich evident sind, welche absolut gewiss sind. Aber eine derartige Gewissheit ist in kontingenten Einzeldingen nicht zu haben, die veränderlich und ungewiss sind. Also geht die Untersuchung der Beratung ins Unendliche.
Dagegen spricht: „Niemand wird zu dem bewegt, was er unmöglich erreichen kann“ (De Coelo i, 7). Es ist aber unmöglich, das Unendliche zu durchschreiten. Wenn also die Untersuchung der Beratung unendlich wäre, würde niemand beginnen, Rat zu halten. Was offensichtlich unwahr ist.
Ich antworte darauf, dass die Untersuchung der Beratung tatsächlich auf beiden Seiten begrenzt ist, auf der ihres Prinzips und auf der ihres Endpunktes. Denn ein zweifaches Prinzip steht in der Untersuchung der Beratung zur Verfügung. Eines ist ihr eigen und gehört zur Gattung der Dinge, die das Handeln betreffen: dies ist das Ziel, welches nicht Materie der Beratung ist, sondern als ihr Prinzip vorausgesetzt wird, wie oben gesagt (Artikel [2]). Das andere Prinzip ist sozusagen aus einer anderen Gattung genommen; so wie in beweisenden Wissenschaften eine Wissenschaft gewisse Dinge von einer anderen postuliert, ohne sie zu untersuchen. Nun sind diese Prinzipien, die in der Untersuchung der Beratung vorausgesetzt werden, jegliche Fakten, die durch die Sinne empfangen werden – zum Beispiel, dass dies Brot oder Eisen ist: und auch jegliche allgemeinen Aussagen, die entweder durch spekulative oder durch praktische Wissenschaft bekannt sind; zum Beispiel, dass Ehebruch von Gott verboten ist, oder dass der Mensch nicht ohne angemessene Nahrung leben kann. Über solche Dinge stellt die Beratung keine Untersuchung an. Der Endpunkt der Untersuchung aber ist das, was wir sofort zu tun vermögen. Denn so wie das Ziel im Licht eines Prinzips betrachtet wird, so werden die Mittel im Licht einer Schlussfolgerung betrachtet. Weshalb das, was sich als erstes zu Tuendes darbietet, die Position einer letzten Schlussfolgerung einnimmt, woran die Untersuchung zu einem Ende kommt. Nichts hindert jedoch, dass die Beratung potenziell unendlich ist, insofern sich eine unendliche Anzahl von Dingen darbieten kann, die mittels Beratung untersucht werden müssen.
Antwort auf den 1. Einwand: Einzeldinge sind unendlich; nicht aktuell, sondern nur potenziell.
Antwort auf den 2. Einwand: Obwohl menschliches Handeln behindert werden kann, ist das Hindernis nicht immer zur Hand. Folglich ist es nicht immer notwendig, Rat über die Beseitigung des Hindernisses zu halten.
Antwort auf den 3. Einwand: In kontingenten Einzeldingen kann etwas als gewiss angenommen werden, zwar nicht schlechthin, aber für die jeweilige Zeit, und soweit es das zu verrichtende Werk betrifft. So ist es keine notwendige Aussage, dass Sokrates sitzt; aber dass er sitzt, solange er weiterhin sitzt, ist notwendig; und dies kann als eine gewisse Tatsache angenommen werden.