I-II, q. 14 a. 1
Ob die Beratung eine Untersuchung ist?
Quaestio 14 · Vom Rat, der der Wahl vorangeht.
1. Einwand: Es scheint, dass die Beratung keine Untersuchung ist. Denn Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 22), die Beratung sei „ein Akt des Begehrens“. Die Untersuchung aber ist kein Akt des Begehrens. Also ist die Beratung keine Untersuchung.
2. Einwand: Ferner ist die Untersuchung ein diskursiver Akt des Verstandes; weshalb sie sich nicht in Gott findet, dessen Wissen nicht diskursiv ist, wie wir im Ersten Teil gezeigt haben (Quaestio [14], Artikel [7]). Der Rat aber wird Gott zugeschrieben; denn es steht geschrieben (Eph 1,11), dass er „alles wirkt nach dem Rat seines Willens“. Also ist die Beratung keine Untersuchung.
3. Einwand: Ferner bezieht sich die Untersuchung auf zweifelhafte Dinge. Rat aber wird in Dingen gegeben, die sicher gut sind; so sagt der Apostel (1 Kor 7,25): „Über die Jungfrauen habe ich kein Gebot des Herrn; ich gebe aber einen Rat.“ Also ist die Beratung keine Untersuchung.
Dagegen spricht, dass Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Nat. Hom. xxxiv.] sagt: „Jede Beratung ist eine Untersuchung; aber nicht jede Untersuchung ist eine Beratung.“
Ich antworte darauf, dass die Wahl, wie oben dargelegt (Quaestio [13], Artikel [1], ad 2; Artikel [3]), dem Urteil der Vernunft über das zu Tuende folgt. Nun herrscht in den Dingen, die zu tun sind, viel Ungewissheit; denn Handlungen betreffen kontingente Einzeldinge, die aufgrund ihrer Veränderlichkeit ungewiss sind. In zweifelhaften und ungewissen Dingen aber fällt die Vernunft kein Urteil ohne vorherige Untersuchung. Daher muss die Vernunft notwendigerweise eine Untersuchung anstellen, bevor sie über die Gegenstände der Wahl entscheidet; und diese Untersuchung wird Beratung genannt. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iii, 2), die Wahl sei das „Begehren dessen, was bereits beraten wurde“.
Antwort auf den 1. Einwand: Wenn die Akte zweier Vermögen aufeinander hingeordnet sind, findet sich in jedem von ihnen etwas, das zum anderen Vermögen gehört: folglich kann jeder Akt nach dem einen oder anderen Vermögen benannt werden. Nun ist es offensichtlich, dass der Akt der Vernunft, die Anweisung hinsichtlich der Mittel gibt, und der Akt des Willens, der gemäß der Anweisung der Vernunft zu diesen Mitteln strebt, aufeinander hingeordnet sind. Folglich findet sich etwas von der Vernunft, nämlich die Ordnung, in jenem Akt des Willens, welcher die Wahl ist; und in der Beratung, die ein Akt der Vernunft ist, findet sich etwas vom Willen – sowohl als Materie (da die Beratung das betrifft, was der Mensch tun will) – als auch als Beweggrund (weil der Mensch aus dem Wollen des Ziels dazu bewegt wird, Rat hinsichtlich der Mittel zu pflegen). Und deshalb, so wie der Philosoph sagt (Ethic. vi, 2), dass die Wahl „vom Begehren beeinflusster Verstand“ ist, womit er andeutet, dass beide im Akt des Wählens zusammenwirken; so sagt Damascenus (De Fide Orth. ii, 22), dass die Beratung ein „auf Untersuchung beruhendes Begehren“ ist, um zu zeigen, dass die Beratung in gewisser Weise sowohl zum Willen gehört, in dessen Auftrag und durch dessen Antrieb die Untersuchung gemacht wird, als auch zur Vernunft, welche die Untersuchung ausführt.
Antwort auf den 2. Einwand: Was wir von Gott aussagen, muss ohne jene Mängel verstanden werden, die sich in uns finden: so ist in uns Wissenschaft das Wissen um Schlussfolgerungen, die durch Überlegung von Ursachen zu Wirkungen abgeleitet werden; wenn aber von Gott Wissenschaft ausgesagt wird, bedeutet dies sichere Kenntnis aller Wirkungen in der Ersten Ursache, ohne irgendeinen Prozess des Überlegens. In gleicher Weise schreiben wir Gott Rat zu hinsichtlich der Gewissheit seines Wissens oder Urteils, welche Gewissheit in uns aus der Untersuchung der Beratung entsteht. Eine solche Untersuchung aber hat keinen Platz in Gott; weshalb sie ihm in dieser Hinsicht nicht zugeschrieben wird: in diesem Sinne sagt Damascenus (De Fide Orth. ii, 22): „Gott hält keinen Rat: nur jene halten Rat, denen es an Wissen mangelt.“
Antwort auf den 3. Einwand: Es kann geschehen, dass Dinge, die nach Meinung weiser und geistlicher Männer ganz sicher gut sind, nach Meinung vieler, oder zumindest fleischlich gesinnter Menschen, nicht sicher gut sind. Folglich kann in solchen Dingen Rat gegeben werden.