I-II, q. 14 a. 5
Ob der Vorgang der Beratung ein analytischer ist?
Quaestio 14 · Vom Rat, der der Wahl vorangeht.
1. Einwand: Es scheint, dass der Vorgang der Beratung kein analytischer ist (kein Weg der Auflösung). Denn Beratung bezieht sich auf Dinge, die wir tun. Der Vorgang unserer Handlungen ist aber kein analytischer, sondern eher ein synthetischer (Weg der Zusammensetzung), nämlich vom Einfachen zum Zusammengesetzten. Also verfährt die Beratung nicht immer auf dem Weg der Analyse.
2. Einwand: Ferner ist die Beratung eine Untersuchung der Vernunft. Die Vernunft aber schreitet von Dingen, die vorausgehen, zu Dingen fort, die folgen, gemäß der angemesseneren Ordnung. Da also die Vergangenheit der Gegenwart vorausgeht und die Gegenwart der Zukunft, scheint es, dass man bei der Beratung von der Vergangenheit und Gegenwart zur Zukunft fortschreiten sollte: was kein analytischer Prozess ist. Also ist der Vorgang der Beratung kein analytischer.
3. Einwand: Ferner bezieht sich die Beratung nur auf solche Dinge, die uns möglich sind, gemäß Ethic. iii, 3. Aber die Frage, ob eine bestimmte Sache uns möglich ist, hängt davon ab, was wir zu tun oder nicht zu tun vermögen, um ein solches und solches Ziel zu erreichen. Also sollte die Untersuchung der Beratung bei den gegenwärtigen Dingen beginnen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iii, 3): „Wer Rat hält, scheint zu untersuchen und zu analysieren.“
Ich antworte darauf, dass man bei jeder Untersuchung von irgendeinem Prinzip ausgehen muss. Und wenn dieses Prinzip sowohl in der Erkenntnis als auch im Sein vorausgeht, ist der Prozess nicht analytisch, sondern synthetisch: denn von der Ursache zur Wirkung fortzuschreiten, heißt synthetisch fortzuschreiten, da Ursachen einfacher sind als Wirkungen. Wenn aber das, was in der Erkenntnis vorausgeht, in der Ordnung des Seins später ist, ist der Prozess ein analytischer, wie wenn unser Urteil sich mit Wirkungen befasst, die wir durch Analyse auf ihre einfachen Ursachen zurückführen. Nun ist das Prinzip in der Untersuchung der Beratung das Ziel, welches zwar in der Absicht vorausgeht, aber in der Ausführung nachher kommt. Daher muss die Untersuchung der Beratung notwendigerweise eine analytische sein, die nämlich bei dem beginnt, was in der Zukunft beabsichtigt ist, und fortfährt, bis sie bei dem anlangt, was sofort zu tun ist.
Antwort auf den 1. Einwand: Die Beratung bezieht sich zwar auf das Handeln. Aber Handlungen nehmen ihren Grund vom Ziel; und folglich ist die Ordnung des Überlegens über Handlungen entgegengesetzt zur Ordnung der Handlungen.
Antwort auf den 2. Einwand: Die Vernunft beginnt mit dem, was der Vernunft nach das Erste ist; aber nicht immer mit dem, was zeitlich das Erste ist.
Antwort auf den 3. Einwand: Wir würden nicht wissen wollen, ob etwas, das für ein Ziel zu tun ist, möglich sei, wenn es nicht geeignet wäre, jenes Ziel zu erreichen. Daher müssen wir zuerst untersuchen, ob es dem Ziel dienlich ist, bevor wir betrachten, ob es möglich ist.