I, q. 5 a. 4
Ob das Gute den Charakter der Zweckursache hat?
Quaestio 5 · Vom Guten im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass das Gute nicht den Charakter einer Zweckursache hat, sondern eher den der anderen Ursachen. Denn wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv): „Das Gute wird als das Schöne gepriesen.“ Aber das Schöne hat den Charakter einer Formalursache. Daher hat das Gute den Charakter einer Formalursache.
Einwand 2: Ferner ist das Gute sich selbst mitteilend; denn Dionysius sagt (Div. Nom. iv), dass das Gute das ist, wodurch alle Dinge subsistieren und sind. Aber sich selbst gebend zu sein, impliziert den Charakter einer Wirkursache. Daher hat das Gute den Charakter einer Wirkursache.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (De Doctr. Christ. i, 31), dass „wir existieren, weil Gott gut ist.“ Aber wir verdanken unsere Existenz Gott als der Wirkursache. Daher impliziert das Gute den Charakter einer Wirkursache.
Dagegen spricht, Der Philosoph sagt (Phys. ii), dass „das als der Zweck und das Gute der anderen Dinge zu betrachten ist, um dessentwillen etwas ist.“ Daher hat das Gute den Charakter einer Zweckursache.
Ich antworte darauf, Da das Gute das ist, was alle Dinge begehren, und da dies den Charakter eines Zwecks hat, ist es klar, dass das Gute den Charakter eines Zwecks impliziert. Dennoch setzt der Begriff des Guten den Begriff einer Wirkursache voraus, und auch den einer Formalursache. Denn wir sehen, dass das, was im Verursachen das Erste ist, im verursachten Ding das Letzte ist. Feuer z. B. wärmt zuerst, bevor es die Form des Feuers reproduziert; obwohl die Hitze im Feuer aus seiner substantiellen Form folgt. Nun kommen im Verursachen das Gute und der Zweck zuerst, welche beide das Agens zum Handeln bewegen; zweitens die Handlung des Agens, das zur Form bewegt; drittens kommt die Form. Daher muss in dem, was verursacht ist, das Umgekehrte stattfinden, so dass zuerst die Form da ist, durch die es ein Seiendes ist; zweitens betrachten wir in ihm seine wirkende Kraft, durch die es vollkommen im Sein ist, denn ein Ding ist vollkommen, wenn es seinesgleichen reproduzieren kann, wie der Philosoph sagt (Meteor. iv); drittens folgt die Formalität des Guten, welche das Grundprinzip seiner Vollkommenheit ist.
Antwort auf Einwand 1: Das Schöne und das Gute sind in einem Ding fundamental identisch; denn sie basieren auf demselben Ding, nämlich der Form; und folglich wird das Gute als das Schöne gepriesen. Aber sie unterscheiden sich begrifflich, denn das Gute bezieht sich eigentlich auf das Begehren (wobei das Gute das ist, was alle Dinge begehren); und daher hat es den Charakter eines Zwecks (da das Begehren eine Art Bewegung auf ein Ding hin ist). Andererseits bezieht sich das Schöne auf das Erkenntnisvermögen; denn schöne Dinge sind jene, die gefallen, wenn sie gesehen werden. Daher besteht Schönheit in gehöriger Proportion; denn die Sinne erfreuen sich an Dingen, die gehörig proportioniert sind, als an etwas ihrer eigenen Art Entsprechendem – weil auch der Sinn eine Art Vernunft ist, ebenso wie jedes Erkenntnisvermögen. Da nun Erkenntnis durch Assimilation geschieht und Ähnlichkeit sich auf die Form bezieht, gehört Schönheit eigentlich zur Natur einer Formalursache.
Antwort auf Einwand 2: Das Gute wird als sich selbst mitteilend beschrieben in dem Sinne, dass von einem Zweck gesagt wird, er bewege.
Antwort auf Einwand 3: Wer einen Willen hat, wird gut genannt, insofern er einen guten Willen hat; weil wir durch unseren Willen jedwede Kräfte gebrauchen, die wir haben mögen. Daher wird ein Mensch gut genannt, nicht durch seinen guten Verstand, sondern durch seinen guten Willen. Nun bezieht sich der Wille auf den Zweck als auf seinen eigentümlichen Gegenstand. So hat der Ausspruch „wir existieren, weil Gott gut ist“ Bezug auf die Zweckursache.