I, q. 5 a. 1
Ob das Gute sich real vom Seienden unterscheidet?
Quaestio 5 · Vom Guten im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass das Gute sich real vom Seienden unterscheidet. Denn Boethius sagt (De Hebdom.): „Ich sehe ein, dass in der Natur der Dinge die Tatsache, dass sie gut sind, das eine ist, und dass sie sind, das andere.“ Daher sind das Gute und das Seiende real verschieden.
Einwand 2: Ferner kann nichts seine eigene Form sein. „Aber das wird gut genannt, was die Form des Seins hat“, gemäß dem Kommentar zu De Causis. Daher unterscheidet sich das Gute real vom Seienden.
Einwand 3: Ferner kann das Gute ein Mehr oder Weniger zulassen. Das Sein aber kann kein Mehr oder Weniger zulassen. Daher unterscheidet sich das Gute real vom Seienden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Doctr. Christ. i, 42): „Insofern wir sind, sind wir gut.“
Ich antworte darauf, dass das Gute und das Seiende in der Wirklichkeit dasselbe sind und sich nur dem Begriff nach unterscheiden; was aus folgendem Argument klar wird. Das Wesen des Guten besteht darin, dass es in irgendeiner Weise begehrenswert ist. Daher sagt der Philosoph (Ethic. i): „Das Gute ist das, was alle begehren.“ Nun ist es klar, dass ein Ding nur insoweit begehrenswert ist, als es vollkommen ist; denn alle begehren ihre eigene Vollkommenheit. Aber alles ist insoweit vollkommen, als es aktuell ist. Daher ist es klar, dass ein Ding insoweit vollkommen ist, als es existiert; denn es ist das Dasein, das alle Dinge aktuell macht, wie aus dem Vorhergehenden klar ist (Frage [3], Artikel [4]; Frage [4], Artikel [1]). Daher ist es klar, dass das Gute und das Seiende real dasselbe sind. Aber das Gute weist den Aspekt der Begehrenswertigkeit auf, den das Seiende nicht aufweist.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl das Gute und das Seiende real dasselbe sind, werden sie dennoch, da sie sich im Gedanken unterscheiden, nicht auf absolut gleiche Weise von einem Ding ausgesagt. Da das Sein eigentlich bezeichnet, dass etwas aktuell ist, und Aktualität eigentlich mit Potentialität korreliert, wird von einem Ding folglich gesagt, dass es schlechthin Sein hat, insofern es primär von dem unterschieden ist, was nur in Potenz ist; und dies ist genau das substantielle Sein eines jeden Dinges. Daher wird von jedem Ding durch sein substantielles Sein gesagt, dass es schlechthin Sein hat; aber durch jede weitere Aktualität wird gesagt, dass es Sein in gewisser Hinsicht hat. So impliziert das Weiß-Sein ein relatives Sein, denn weiß zu sein nimmt ein Ding nicht aus dem bloßen potentiellen Sein heraus; weil nur ein Ding, das aktuell Sein hat, diese Weise des Seins empfangen kann. Aber das Gute bezeichnet Vollkommenheit, die begehrenswert ist, und folglich die letzte Vollkommenheit. Daher wird von dem, was die letzte Vollkommenheit hat, gesagt, es sei schlechthin gut; aber von dem, was nicht die letzte Vollkommenheit hat, die es haben sollte (obwohl es, insofern es überhaupt aktuell ist, eine gewisse Vollkommenheit hat), wird nicht gesagt, es sei schlechthin vollkommen noch schlechthin gut, sondern nur in gewisser Hinsicht. Auf diese Weise also wird ein Ding, betrachtet in seinem ersten (d. h. substantiellen) Sein, als schlechthin seiend und als gut in gewisser Hinsicht (d. h. insofern es Sein hat) bezeichnet; betrachtet aber in seiner vollständigen Aktualität, wird ein Ding als seiend in gewisser Hinsicht und als gut schlechthin bezeichnet. Daher ist der Ausspruch des Boethius (De Hebdom.), „Ich sehe ein, dass in der Natur der Dinge die Tatsache, dass sie gut sind, das eine ist, und dass sie sind, das andere“, auf das Gutsein eines Dinges schlechthin und das Haben von Sein schlechthin zu beziehen. Denn betrachtet in seiner ersten Aktualität, existiert ein Ding schlechthin; und betrachtet in seiner vollständigen Aktualität, ist es gut schlechthin – derart, dass es sogar in seiner ersten Aktualität in gewisser Weise gut ist, und sogar in seiner vollständigen Aktualität in gewisser Weise Sein hat.
Antwort auf Einwand 2: Das Gute ist eine Form, insofern das absolute Gute die vollständige Aktualität bezeichnet.
Antwort auf Einwand 3: Wiederum wird vom Guten als mehr oder weniger gesprochen gemäß der hinzukommenden Aktualität eines Dinges, zum Beispiel hinsichtlich Wissen oder Tugend.