I, q. 5 a. 3
Ob jedes Seiende gut ist?
Quaestio 5 · Vom Guten im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass nicht jedes Seiende gut ist. Denn das Gute ist etwas zum Sein Hinzugefügtes, wie aus Artikel [1] klar ist. Aber was immer zum Sein hinzugefügt wird, begrenzt es; wie Substanz, Quantität, Qualität usw. Daher begrenzt das Gute das Sein. Daher ist nicht jedes Seiende gut.
Einwand 2: Ferner ist kein Übel gut: „Wehe euch, die ihr das Böse gut nennt und das Gute böse“ (Jes 5,20). Aber manche Dinge werden böse genannt. Daher ist nicht jedes Seiende gut.
Einwand 3: Ferner impliziert das Gute Begehrenswertigkeit. Nun impliziert die Urmaterie nicht Begehrenswertigkeit, sondern eher das, was begehrt. Daher enthält die Urmaterie nicht die Formalität des Guten. Daher ist nicht jedes Seiende gut.
Einwand 4: Ferner merkt der Philosoph an (Metaph. iii), dass „in der Mathematik das Gute nicht existiert.“ Aber mathematische Dinge sind Entitäten; sonst gäbe es keine Wissenschaft der Mathematik. Daher ist nicht jedes Seiende gut.
Dagegen spricht, Jedes Seiende, das nicht Gott ist, ist Gottes Geschöpf. Nun ist jedes Geschöpf Gottes gut (1 Tim 4,4): und Gott ist das höchste Gut. Daher ist jedes Seiende gut.
Ich antworte darauf, Jedes Seiende, als Seiendes, ist gut. Denn alles Seiende, als Seiendes, hat Aktualität und ist in irgendeiner Weise vollkommen; da jeder Akt eine gewisse Art von Vollkommenheit impliziert; und Vollkommenheit impliziert Begehrenswertigkeit und Gutsein, wie aus Artikel [1] klar ist. Daher folgt, dass jedes Seiende als solches gut ist.
Antwort auf Einwand 1: Substanz, Quantität, Qualität und alles, was in ihnen enthalten ist, begrenzen das Sein, indem sie es auf irgendeine Essenz oder Natur anwenden. Nun fügt das Gute in diesem Sinne dem Sein nichts hinzu, was über den Aspekt der Begehrenswertigkeit und Vollkommenheit hinausgeht, welcher auch dem Sein eigen ist, welcher Art die Natur auch sein mag. Daher begrenzt das Gute das Sein nicht.
Antwort auf Einwand 2: Von keinem Seienden kann als böse gesprochen werden, formal als Seiendes, sondern nur insofern es an Sein mangelt. So wird ein Mensch böse genannt, weil er einer Tugend ermangelt; und ein Auge wird schlecht genannt, weil ihm die Kraft fehlt, gut zu sehen.
Antwort auf Einwand 3: Da die Urmaterie nur potentielles Sein hat, so ist sie nur potentiell gut. Obwohl gemäß den Platonikern von der Urmaterie aufgrund der ihr anhaftenden Privation gesagt werden mag, sie sei ein Nicht-Seiendes, nimmt sie dennoch in einem gewissen Ausmaß am Guten teil, nämlich durch ihre Beziehung auf oder Eignung für das Gute. Folglich ist es nicht ihre Eigenschaft, begehrenswert zu sein, sondern zu begehren.
Antwort auf Einwand 4: Mathematische Entitäten subsistieren nicht als Realitäten; denn sie wären in gewisser Weise gut, wenn sie subsistierten; aber sie haben nur logische Existenz, insofern sie von Bewegung und Materie abstrahiert sind; so können sie nicht den Aspekt eines Zwecks haben, der selbst den Aspekt hat, ein anderes zu bewegen. Noch ist es widersprüchlich, dass es in irgendeiner logischen Entität weder Gutsein noch die Form des Guten geben sollte; da der Begriff des Seins früher ist als der Begriff des Guten, wie im vorhergehenden Artikel gesagt wurde.