I, q. 5 a. 2
Ob das Gute dem Begriff nach früher ist als das Seiende?
Quaestio 5 · Vom Guten im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass das Gute dem Begriff nach früher ist als das Seiende. Denn Namen sind gemäß der Ordnung der Dinge angeordnet, die durch die Namen bezeichnet werden. Aber Dionysius (Div. Nom. iii) wies dem ersten Platz unter den anderen Namen Gottes eher Seiner Güte zu als Seinem Sein. Daher ist das Gute dem Begriff nach früher als das Seiende.
Einwand 2: Ferner ist das, was umfassender ist, dem Begriff nach früher. Aber das Gute ist umfassender als das Seiende, weil, wie Dionysius anmerkt (Div. Nom. v), „das Gute sich sowohl auf existierende als auch auf nicht-existierende Dinge erstreckt; wohingegen das Dasein sich allein auf existierende Dinge erstreckt.“ Daher ist das Gute dem Begriff nach früher als das Seiende.
Einwand 3: Ferner ist das, was allgemeiner ist, dem Begriff nach früher. Aber das Gute scheint allgemeiner zu sein als das Seiende, da das Gute den Aspekt des Begehrenswerten hat; wohingegen für manche das Nicht-Sein begehrenswert ist; denn es wird von Judas gesagt: „Es wäre besser für ihn, wenn dieser Mensch nicht geboren wäre“ (Mt 26,24). Daher ist das Gute dem Begriff nach früher als das Seiende.
Einwand 4: Ferner ist nicht nur das Dasein begehrenswert, sondern auch Leben, Wissen und viele andere Dinge außerdem. So scheint es, dass das Dasein ein partikuläres Begehrenswertes ist und das Gute ein universales Begehrenswertes. Daher ist das Gute absolut gesehen dem Begriff nach früher als das Seiende.
Dagegen spricht, dass von Aristoteles (De Causis) gesagt wird, dass „das erste der geschaffenen Dinge das Sein ist.“
Ich antworte darauf, dass das Seiende dem Begriff nach früher ist als das Gute. Denn die Bedeutung, die durch den Namen eines Dinges bezeichnet wird, ist das, was der Geist von dem Ding begreift und durch das Wort beabsichtigt, das dafür steht. Daher ist dasjenige dem Begriff nach früher, was zuerst vom Intellekt begriffen wird. Nun ist das erste, was vom Intellekt begriffen wird, das Seiende; weil alles nur insofern erkennbar ist, als es in Aktualität ist. Daher ist das Seiende der eigentümliche Gegenstand des Intellekts und ist primär intelligibel; wie der Ton das ist, was primär hörbar ist. Daher ist das Seiende dem Begriff nach früher als das Gute.
Antwort auf Einwand 1: Dionysius erörtert die Göttlichen Namen (Div. Nom. i, iii) so, dass sie eine gewisse kausale Beziehung in Gott implizieren; denn wir benennen Gott, wie er sagt, von den Geschöpfen her, wie eine Ursache von ihren Wirkungen her. Aber das Gute, da es den Aspekt des Begehrenswerten hat, impliziert den Begriff einer Zweckursache, deren Kausalität die erste unter den Ursachen ist, da ein Agens nicht handelt außer um eines Zweckes willen; und durch ein Agens wird die Materie zu ihrer Form bewegt. Daher wird der Zweck die Ursache der Ursachen genannt. So ist das Gute als Ursache früher als das Seiende, wie der Zweck früher ist als die Form. Daher geht unter den Namen, die die göttliche Kausalität bezeichnen, das Gute dem Seienden voraus. Wiederum wird gemäß den Platonikern, die, da sie die Urmaterie nicht von der Privation unterschieden, sagten, dass die Materie Nicht-Sein sei, am Guten umfassender teilgenommen als am Seienden; denn die Urmaterie nimmt am Guten teil, indem sie danach strebt, denn alle suchen ihresgleichen; aber sie nimmt nicht am Sein teil, da angenommen wird, dass sie Nicht-Sein ist. Daher sagt Dionysius, dass „das Gute sich auf das Nicht-Existieren erstreckt“ (Div. Nom. v).
Antwort auf Einwand 2: Dieselbe Lösung wird auf diesen Einwand angewandt. Oder es kann gesagt werden, dass das Gute sich auf existierende und nicht-existierende Dinge erstreckt, nicht insofern es von ihnen ausgesagt werden kann, sondern insofern es sie verursachen kann – wenn wir in der Tat unter Nicht-Existenz nicht schlechthin jene Dinge verstehen, die nicht existieren, sondern jene, die potentiell und nicht aktuell sind. Denn das Gute hat den Aspekt des Zwecks, in dem nicht nur aktuelle Dinge ihre Vollendung finden, sondern auf den auch jene Dinge hinstreben, die nicht aktuell, sondern bloß potentiell sind. Nun impliziert das Sein nur das Verhältnis einer Formalursache, entweder inhärierend oder exemplarisch; und seine Kausalität erstreckt sich nur auf jene Dinge, die aktuell sind.
Antwort auf Einwand 3: Nicht-Sein ist nicht aus sich selbst heraus begehrenswert, sondern nur relativ – d. h. insofern die Beseitigung eines Übels, das nur durch Nicht-Sein beseitigt werden kann, begehrenswert ist. Nun kann die Beseitigung eines Übels nicht begehrenswert sein, außer insofern dieses Übel ein Ding irgendeines Seins beraubt. Daher ist das Sein aus sich selbst heraus begehrenswert; und das Nicht-Sein nur relativ, insofern man irgendeine Weise des Seins sucht, deren Beraubung man nicht ertragen kann; so kann sogar vom Nicht-Sein als relativ gut gesprochen werden.
Antwort auf Einwand 4: Leben, Weisheit und dergleichen sind nur insofern begehrenswert, als sie aktuell sind. Daher wird in jedem von ihnen eine gewisse Art von Sein begehrt. Und so kann nichts begehrt werden außer dem Sein; und folglich ist nichts gut außer dem Sein.