I, q. 48 a. 4
Ob das Übel das ganze Gute verdirbt?
Quaestio 48 · Die Unterscheidung der Dinge im Besonderen
Einwand 1: Es scheint, dass das Übel das ganze Gute verdirbt. Denn ein Gegensatz wird durch den anderen gänzlich verdorben. Aber Gut und Böse sind Gegensätze. Daher verdirbt das Übel das ganze Gute.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (Enchiridion 12), dass „das Übel insofern schadet, als es das Gute wegnimmt“. Aber das Gute ist ganz aus einem Stück und einheitlich. Daher wird es durch das Übel gänzlich weggenommen.
Einwand 3: Ferner schadet das Übel, solange es andauert, und nimmt das Gute weg. Aber das, wovon immer etwas entfernt wird, wird irgendwann verzehrt, es sei denn, es ist unendlich, was von keinem geschaffenen Gut gesagt werden kann. Daher verzehrt das Übel das Gute gänzlich.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (Enchiridion 12), dass „das Übel das Gute nicht gänzlich verzehren kann“.
Ich antworte darauf: Das Übel kann das Gute nicht gänzlich verzehren. Um dies zu beweisen, müssen wir bedenken, dass das Gute dreifach ist. Eine Art von Gutem wird durch das Übel gänzlich zerstört, und dies ist das Gute, das dem Übel entgegengesetzt ist, wie das Licht durch die Finsternis gänzlich zerstört wird und das Sehen durch die Blindheit. Eine andere Art von Gutem wird durch das Übel weder gänzlich zerstört noch vermindert, und das ist das Gute, das das Subjekt des Übels ist; denn durch die Finsternis wird die Substanz der Luft nicht verletzt. Und es gibt auch eine Art von Gutem, das durch das Übel vermindert, aber nicht gänzlich weggenommen wird; und dieses Gute ist die Eignung eines Subjekts zu einer Wirklichkeit.
Die Verminderung dieser Art von Gutem ist jedoch nicht im Wege der Subtraktion zu betrachten, wie die Verminderung in der Quantität, sondern eher im Wege des Nachlassens (remissio), wie die Verminderung in Qualitäten und Formen. Das Nachlassen dieser Habitude ist ebenfalls als gegensätzlich zu ihrer Intensität zu nehmen. Denn diese Art von Eignung empfängt ihre Intensität durch die Dispositionen, wodurch die Materie für die Wirklichkeit vorbereitet wird; je mehr diese im Subjekt vermehrt werden, desto geeigneter ist es, seine Vollkommenheit und Form zu empfangen; und im Gegenteil empfängt es sein Nachlassen durch entgegengesetzte Dispositionen, die, je mehr sie in der Materie vermehrt und je mehr sie intensiviert werden, desto mehr die Potenz in Bezug auf die Wirklichkeit nachlassen lassen.
Wenn daher entgegengesetzte Dispositionen nicht bis ins Unendliche vermehrt und intensiviert werden können, sondern nur bis zu einer gewissen Grenze, so wird auch die besagte Eignung nicht unendlich vermindert oder nachgelassen, wie es bei den aktiven und passiven Qualitäten der Elemente erscheint; denn Kälte und Feuchtigkeit, wodurch die Eignung der Materie zur Form des Feuers vermindert oder nachgelassen wird, können nicht unendlich vermehrt werden. Wenn aber die entgegengesetzten Dispositionen unendlich vermehrt werden können, wird auch die besagte Eignung unendlich vermindert oder nachgelassen; dennoch wird sie niemals gänzlich weggenommen, weil ihre Wurzel immer bleibt, welche die Substanz des Subjekts ist. So würde, wenn undurchsichtige Körper bis ins Unendliche zwischen die Sonne und die Luft geschoben würden, die Eignung der Luft zum Licht unendlich vermindert, aber dennoch würde sie niemals gänzlich entfernt, solange die Luft bliebe, die ihrer Natur nach transparent ist. Ebenso kann bei der Sünde eine Hinzufügung bis ins Unendliche gemacht werden, wodurch die Eignung der Seele zur Gnade mehr und mehr verringert wird; und diese Sünden sind in der Tat wie Hindernisse, die zwischen uns und Gott geschoben sind, gemäß Jes 59,2: „Eure Sünden haben eine Scheidung gemacht zwischen euch und Gott.“ Doch wird die besagte Eignung der Seele nicht gänzlich weggenommen, denn sie gehört zu ihrer Natur selbst.
Antwort auf Einwand 1: Das Gute, das dem Übel entgegengesetzt ist, wird gänzlich weggenommen; aber andere Güter werden nicht gänzlich entfernt, wie oben gesagt.
Antwort auf Einwand 2: Die besagte Eignung ist ein Mittleres zwischen Subjekt und Akt. Daher wird sie dort, wo sie den Akt berührt, durch das Übel vermindert; aber dort, wo sie das Subjekt berührt, bleibt sie, wie sie war. Daher wird das Gute, obwohl es sich selbst gleich ist, aufgrund seiner Beziehung zu verschiedenen Dingen nicht gänzlich, sondern nur teilweise weggenommen.
Antwort auf Einwand 3: Einige, die sich vorstellten, die Verminderung dieser Art von Gutem sei wie die Verminderung einer Quantität, sagten, dass so wie das Kontinuierliche unendlich teilbar ist, wenn die Teilung in einem immer gleichen Verhältnis erfolgt (zum Beispiel die Hälfte der Hälfte oder ein Drittel eines Drittels), so sei es auch im vorliegenden Fall. Aber diese Erklärung nützt hier nichts. Denn wenn wir bei einer Teilung das gleiche Verhältnis beibehalten, subtrahieren wir immer weniger; denn die Hälfte der Hälfte ist weniger als die Hälfte des Ganzen. Aber eine zweite Sünde vermindert die oben genannte Eignung nicht notwendigerweise weniger als eine vorangegangene Sünde, sondern vielleicht entweder gleichermaßen oder mehr.
Deshalb muss gesagt werden, dass, obwohl diese Eignung ein endliches Ding ist, sie dennoch unendlich vermindert werden kann, nicht „per se“, sondern akzidentell; insofern die entgegengesetzten Dispositionen ebenfalls unendlich vermehrt werden, wie oben erklärt.