I, q. 48 a. 1
Ob das Übel eine Natur ist?
Quaestio 48 · Die Unterscheidung der Dinge im Besonderen
Einwand 1: Es scheint, dass das Übel eine Natur ist. Denn jede Gattung ist eine Natur. Das Übel aber ist eine Gattung; denn der Philosoph sagt (Praedic. x), dass „Gut und Böse nicht in einer Gattung sind, sondern Gattungen anderer Dinge sind.“ Also ist das Übel eine Natur.
Einwand 2: Ferner ist jeder Unterschied, der eine Art konstituiert, eine Natur. Das Übel aber ist ein Unterschied, der eine Art der Sittlichkeit konstituiert; denn ein schlechter Habitus unterscheidet sich der Art nach von einem guten Habitus, wie Freigebigkeit von Geiz. Also bezeichnet das Übel eine Natur.
Einwand 3: Ferner ist jedes Extrem zweier Gegensätze eine Natur. Das Übel und das Gute aber sind nicht entgegengesetzt wie Beraubung und Habitus, sondern wie Gegensätze, wie der Philosoph (Praedic. x) durch die Tatsache zeigt, dass es zwischen Gut und Böse ein Mittleres gibt und dass es vom Übel eine Rückkehr zum Guten geben kann. Also bezeichnet das Übel eine Natur.
Einwand 4: Ferner wirkt das nicht, was nicht ist. Das Übel aber wirkt, denn es verdirbt das Gute. Also ist das Übel ein Seiendes und eine Natur.
Einwand 5: Ferner gehört zur Vollkommenheit des Universums nichts außer dem, was ein Seiendes und eine Natur ist. Das Übel aber gehört zur Vollkommenheit des Universums der Dinge; denn Augustinus sagt (Enchir. 10,11), dass die „bewundernswerte Schönheit des Universums aus allen Dingen besteht. In ihr ist selbst das, was Übel genannt wird, wenn es wohlgeordnet und an seinem Platz ist, die hervorragende Empfehlung dessen, was gut ist.“ Also ist das Übel eine Natur.
Dagegen spricht, was Dionysius sagt (Div. Nom. iv): „Das Übel ist weder ein Seiendes noch ein Gutes.“
Ich antworte darauf, dass ein Gegensatz durch den anderen erkannt wird, wie die Finsternis durch das Licht erkannt wird. Daher muss auch das, was das Übel ist, aus der Natur des Guten erkannt werden. Nun haben wir oben gesagt, dass das Gute alles Begehrenswerte ist; und da somit jede Natur ihr eigenes Sein und ihre eigene Vollkommenheit begehrt, muss auch gesagt werden, dass das Sein und die Vollkommenheit jeder Natur gut ist. Daher kann es nicht sein, dass das Übel ein Sein oder irgendeine Form oder Natur bezeichnet. Deshalb muss es sein, dass mit dem Namen des Übels die Abwesenheit des Guten bezeichnet wird. Und dies ist gemeint, wenn gesagt wird: „Das Übel ist weder ein Seiendes noch ein Gutes.“ Denn da das Seiende als solches gut ist, impliziert die Abwesenheit des einen die Abwesenheit des anderen.
Antwort auf Einwand 1: Aristoteles spricht dort gemäß der Meinung der Pythagoreer, die dachten, das Übel sei eine Art Natur; und deshalb behaupteten sie die Existenz der Gattung des Guten und des Bösen. Denn Aristoteles, besonders in seinen logischen Werken, führt Beispiele an, die zu seiner Zeit nach der Meinung einiger Philosophen wahrscheinlich waren. Oder es kann gesagt werden, dass, wie der Philosoph sagt (Metaph. iv, Text 6), „die erste Art der Gegensätzlichkeit Habitus und Beraubung ist“, da dies in allen Gegensätzen verifiziert wird; denn ein Gegensatz ist immer unvollkommen im Verhältnis zum anderen, wie Schwarz im Verhältnis zu Weiß und Bitter im Verhältnis zu Süß. Und auf diese Weise werden Gut und Böse nicht schlechthin als Gattungen bezeichnet, sondern in Bezug auf Gegensätze; weil, wie jede Form die Natur des Guten hat, so jede Beraubung als solche die Natur des Übels hat.
Antwort auf Einwand 2: Gut und Böse sind keine konstitutiven Unterschiede außer im Sittlichen, das seine Art vom Ziel empfängt, welches Gegenstand des Willens ist, der Quelle aller Sittlichkeit. Und weil das Gute die Natur eines Ziels hat, deshalb sind Gut und Böse spezifische Unterschiede in sittlichen Dingen; das Gute an sich, das Böse aber als die Abwesenheit des geschuldeten Ziels. Doch konstituiert die Abwesenheit des geschuldeten Ziels für sich allein keine sittliche Art, außer insofern sie mit dem ungeschuldeten Ziel verbunden ist; so wie wir die Beraubung der substantiellen Form in natürlichen Dingen nicht finden, es sei denn, sie ist mit einer anderen Form verbunden. So ist also das Übel, das ein konstitutiver Unterschied im Sittlichen ist, ein gewisses Gut, verbunden mit der Beraubung eines anderen Gutes; wie das vom Unmäßigen vorgesetzte Ziel nicht die Beraubung des Gutes der Vernunft ist, sondern das Vergnügen der Sinne ohne die Ordnung der Vernunft. Daher ist das Übel kein konstitutiver Unterschied als solcher, sondern aufgrund des Guten, das damit verbunden ist.
Antwort auf Einwand 3: Dies erhellt aus dem oben Gesagten. Denn der Philosoph spricht dort von Gut und Böse im Sittlichen. Weil es in dieser Hinsicht zwischen Gut und Böse ein Mittleres gibt, insofern das Gute als etwas richtig Geordnetes betrachtet wird und das Böse als ein Ding, das nicht nur aus der richtigen Ordnung gefallen ist, sondern auch als schädlich für einen anderen. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, i), dass ein „verschwenderischer Mann töricht ist, aber nicht böse“. Und von diesem Übel im Sittlichen kann es eine Rückkehr zum Guten geben, aber nicht von jeder Art von Übel, denn von der Blindheit gibt es keine Rückkehr zum Sehen, obwohl Blindheit ein Übel ist.
Antwort auf Einwand 4: Man sagt auf dreifache Weise, dass ein Ding wirkt. Auf eine Weise formal, wie wenn wir sagen, dass die Weiße weiß macht; und in diesem Sinne wird gesagt, dass das Übel, selbst als Beraubung betrachtet, das Gute verdirbt, insofern es selbst eine Verderbnis oder Beraubung des Guten ist. In einem anderen Sinne wird gesagt, dass ein Ding effektiv wirkt, wie wenn ein Maler eine Wand weiß macht. Drittens wird es im Sinne der Zielursache gesagt, wie das Ziel gesagt wird zu wirken, indem es die Wirkursache bewegt. Aber auf diese zwei Weisen bewirkt das Übel nichts aus sich selbst, das heißt als Beraubung, sondern kraft des Guten, das mit ihm verbunden ist. Denn jede Handlung kommt von irgendeiner Form; und alles, was als Ziel begehrt wird, ist eine Vollkommenheit. Und deshalb sagt Dionysius (Div. Nom. iv): „Das Übel wirkt nicht, noch wird es begehrt, außer kraft irgendeines Guten, das mit ihm verbunden ist: während es aus sich selbst nichts Bestimmtes ist und außerhalb des Bereichs unseres Willens und unserer Absicht liegt.“
Antwort auf Einwand 5: Wie oben gesagt wurde, sind die Teile des Universums aufeinander hingeordnet, insofern das eine auf das andere wirkt und insofern das eine das Ziel und Vorbild des anderen ist. Aber, wie oben gesagt wurde, kann dies dem Übel nur zukommen, insofern es mit irgendeinem Gut verbunden ist. Daher gehört das Übel weder zur Vollkommenheit des Universums, noch fällt es unter dessen Ordnung, außer akzidentell, das heißt aufgrund irgendeines Guten, das mit ihm verbunden ist.