I, q. 42 a. 1
Ob in Gott Gleichheit ist?
Quaestio 42 · Von der Gleichheit und Ähnlichkeit der göttlichen Personen
Einwand 1: Es scheint, dass den göttlichen Personen keine Gleichheit zukommt. Denn Gleichheit bezieht sich auf Dinge, die in der Quantität eins sind, wie der Philosoph sagt (Metaph. v, text 20). In den göttlichen Personen aber gibt es keine Quantität; weder eine kontinuierliche innere Quantität, die wir Größe nennen, noch eine kontinuierliche äußere Quantität, die wir Ort und Zeit nennen. Auch kann es keine Gleichheit aufgrund diskreter Quantität geben, da zwei Personen mehr sind als eine. Daher kommt den göttlichen Personen keine Gleichheit zu.
Einwand 2: Ferner sind die göttlichen Personen von einer Wesenheit, wie wir gesagt haben (Frage [39], Artikel [2]). Nun wird Wesenheit nach Art der Form bezeichnet. Übereinstimmung in der Form aber macht die Dinge ähnlich, nicht gleich. Daher können wir bei den göttlichen Personen von Ähnlichkeit sprechen, aber nicht von Gleichheit.
Einwand 3: Ferner sind Dinge, bei denen Gleichheit zu finden ist, einander gleich, denn Gleichheit ist wechselseitig. Die göttlichen Personen aber können nicht als einander gleich bezeichnet werden. Denn wie Augustinus sagt (De Trin. vi, 10): „Wenn ein Bild dem vollkommen entspricht, dessen Bild es ist, so kann es ihm gleich genannt werden; aber das, was es darstellt, kann nicht dem Bild gleich genannt werden.“ Der Sohn aber ist das Bild des Vaters; und so ist der Vater dem Sohn nicht gleich. Daher ist unter den göttlichen Personen keine Gleichheit zu finden.
Einwand 4: Ferner ist Gleichheit eine Relation. Aber keine Relation ist den drei Personen gemeinsam; denn die Personen unterscheiden sich aufgrund der Relationen. Daher kommt den göttlichen Personen keine Gleichheit zu.
Dagegen spricht, dass Athanasius sagt: „Die drei Personen sind co-ewig und einander co-gleich.“
Ich antworte darauf: Man muss notwendigerweise Gleichheit unter den göttlichen Personen annehmen. Denn gemäß dem Philosophen (Metaph. x, text 15, 16, 17) bezeichnet Gleichheit die Verneinung von Mehr oder Weniger. Nun können wir in den göttlichen Personen nichts Größeres oder Kleineres zulassen; denn wie Boethius sagt (De Trin. i): „Diejenigen müssen notwendigerweise einen Unterschied [nämlich der Gottheit] zulassen, die von Zunahme oder Abnahme sprechen, wie es die Arianer tun, welche die Dreifaltigkeit zerreißen, indem sie Abstufungen wie bei Zahlen unterscheiden und so eine Vielheit hineinbringen.“ Der Grund hierfür ist, dass ungleiche Dinge nicht dieselbe Quantität haben können. Quantität aber ist in Gott nichts anderes als seine Wesenheit. Daraus folgt: Wenn es irgendeine Ungleichheit in den göttlichen Personen gäbe, hätten sie nicht dieselbe Wesenheit; und so wären die drei Personen nicht ein Gott, was unmöglich ist. Wir müssen daher Gleichheit unter den göttlichen Personen annehmen.
Antwort auf Einwand 1: Die Quantität ist zweifach. Es gibt die Quantität der „Masse“ oder die ausdehnende Quantität, die nur in körperlichen Dingen zu finden ist und daher in Gott keinen Platz hat. Es gibt auch die Quantität der „Kraft“ (virtus), die nach der Vollkommenheit einer Natur oder Form bemessen wird: Auf diese Art von Quantität spielen wir an, wenn wir von etwas sagen, es sei mehr oder weniger heiß, insofern es mehr oder weniger vollkommen in der Hitze ist. Nun wird diese virtuelle Quantität erstens nach ihrem Ursprung bemessen – das heißt, nach der Vollkommenheit jener Form oder Natur: So ist die Größe geistiger Dinge beschaffen, so wie wir von großer Hitze aufgrund ihrer Intensität und Vollkommenheit sprechen. Und so sagt Augustinus (De Trin. vi, 18), dass „in Dingen, die groß sind, aber nicht an Masse, größer sein nichts anderes heißt als besser sein“, denn je vollkommener ein Ding ist, desto besser ist es. Zweitens wird die virtuelle Quantität nach den Wirkungen der Form bemessen. Nun ist die erste Wirkung der Form das Sein, denn alles hat Sein aufgrund seiner Form. Die zweite Wirkung ist das Wirken, denn jedes Agens handelt durch seine Form. Folglich wird die virtuelle Quantität sowohl in Bezug auf das Sein als auch in Bezug auf das Handeln bemessen: in Bezug auf das Sein, insofern Dinge von vollkommenerer Natur von längerer Dauer sind; und in Bezug auf das Handeln, insofern Dinge von vollkommenerer Natur mächtiger im Handeln sind. Und so sagt Augustinus (Fulgentius, De Fide ad Petrum i): „Wir verstehen die Gleichheit im Vater, Sohn und Heiligen Geist so, dass keiner von ihnen entweder in der Ewigkeit vorangeht, oder an Größe überragt, oder an Macht übertrifft.“
Antwort auf Einwand 2: Wo wir Gleichheit in Bezug auf virtuelle Quantität haben, schließt Gleichheit Ähnlichkeit ein und noch etwas dazu, weil sie das Übermaß ausschließt. Denn welche Dinge auch immer eine gemeinsame Form haben, können ähnlich genannt werden, selbst wenn sie an dieser Form nicht gleichermaßen teilhaben, so wie die Luft dem Feuer in der Hitze ähnlich genannt werden kann; aber sie können nicht gleich genannt werden, wenn eines vollkommener an der Form teilhat als das andere. Und weil nicht nur dieselbe Natur sowohl im Vater als auch im Sohn ist, sondern sie auch in beiden in vollkommener Gleichheit ist, sagen wir nicht nur, dass der Sohn dem Vater ähnlich ist, um den Irrtum des Eunomius auszuschließen, sondern auch, dass Er dem Vater gleich ist, um den Irrtum des Arius auszuschließen.
Antwort auf Einwand 3: Gleichheit und Ähnlichkeit in Gott können auf zwei Arten bezeichnet werden – nämlich durch Substantive und durch Verben. Wenn sie durch Substantive bezeichnet werden, ist die Gleichheit in den göttlichen Personen wechselseitig, und ebenso die Ähnlichkeit; denn der Sohn ist dem Vater gleich und ähnlich, und umgekehrt. Dies liegt daran, dass die göttliche Wesenheit nicht mehr dem Vater gehört als dem Sohn. Daher, so wie der Sohn die Größe des Vaters hat und deshalb dem Vater gleich ist, so hat der Vater die Größe des Sohnes und ist deshalb dem Sohn gleich. Aber in Bezug auf Geschöpfe sagt Dionysius (Div. Nom. ix): „Gleichheit und Ähnlichkeit sind nicht wechselseitig.“ Denn Wirkungen werden ihren Ursachen ähnlich genannt, insofern sie die Form ihrer Ursachen haben; aber nicht umgekehrt, denn die Form ist prinzipiell in der Ursache und sekundär in der Wirkung.
Verben aber bezeichnen Gleichheit mit einer Bewegung. Und obwohl Bewegung nicht in Gott ist, gibt es etwas, das empfängt. Da also der Sohn vom Vater empfängt, nämlich dies, dass Er dem Vater gleich ist, und nicht umgekehrt, sagen wir aus diesem Grund, dass der Sohn dem Vater gleichgemacht ist (aequatur), aber nicht umgekehrt.
Antwort auf Einwand 4: In den göttlichen Personen gibt es für uns nichts zu betrachten außer der Wesenheit, die sie gemeinsam haben, und den Relationen, in denen sie unterschieden sind. Nun impliziert Gleichheit beides – nämlich die Unterscheidung der Personen, denn nichts kann sich selbst gleich genannt werden; und die Einheit der Wesenheit, da die Personen aus diesem Grund einander gleich sind, dass sie von derselben Größe und Wesenheit sind. Nun ist klar, dass die Beziehung eines Dinges zu sich selbst keine reale Relation ist. Auch wird eine Relation nicht durch eine weitere Relation auf eine andere bezogen: denn wenn wir sagen, dass Vaterschaft der Sohnschaft entgegengesetzt ist, ist die Entgegensetzung keine Relation, die zwischen Vaterschaft und Sohnschaft vermittelt. Denn in beiden Fällen würde die Relation unendlich vervielfacht. Daher ist Gleichheit und Ähnlichkeit in den göttlichen Personen keine reale Relation, die von den personalen Relationen verschieden ist: sondern in ihrem Begriff schließt sie sowohl die Relationen ein, welche die Personen unterscheiden, als auch die Einheit der Wesenheit. Aus diesem Grund sagt der Magister (Sent. i, D, xxxi), dass in diesen „nur die Begriffe relativ sind“.