I, q. 25 a. 1
Ob in Gott Macht ist?
Quaestio 25 · Die Macht Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass in Gott keine Macht ist. Denn wie sich die erste Materie zur Potenz verhält, so verhält sich Gott, der das erste wirkende Prinzip ist, zum Akt. Die erste Materie aber ist, an sich betrachtet, frei von allem Akt. Also ist das erste wirkende Prinzip – nämlich Gott – frei von Macht.
Einwand 2: Ferner ist nach dem Philosophen (Metaph. vi, 19) der Akt besser als jede Potenz. Denn die Form ist besser als die Materie, und das Handeln besser als die aktive Potenz, da es deren Ziel ist. Aber nichts ist besser als das, was in Gott ist; denn alles, was in Gott ist, ist Gott, wie oben gezeigt wurde (Frage [3], Artikel [3]). Also gibt es keine Macht in Gott.
Einwand 3: Ferner ist Macht das Prinzip des Wirkens. Die göttliche Macht aber ist Gottes Wesen, da es in Gott nichts Akzidentelles gibt: und vom Wesen Gottes gibt es kein Prinzip. Also ist keine Macht in Gott.
Einwand 4: Ferner wurde oben gezeigt (Frage [14], Artikel [8]; Frage [19], Artikel [4]), dass Gottes Wissen und Wille die Ursache der Dinge sind. Ursache und Prinzip eines Dinges sind aber identisch. Man darf Gott daher keine Macht zuschreiben, sondern nur Wissen und Willen.
Dagegen spricht, was gesagt wird: „Du bist mächtig, o Herr, und deine Wahrheit ist um dich her“ (Ps 88,9).
Ich antworte darauf, dass die Macht zweifach ist – nämlich passiv, welche in Gott überhaupt nicht existiert; und aktiv, welche wir Ihm im höchsten Grade zuschreiben müssen. Denn es ist offenkundig, dass alles, insofern es im Akt und vollkommen ist, das aktive Prinzip von etwas ist: wohingegen alles passiv ist, insofern es mangelhaft und unvollkommen ist. Nun wurde oben gezeigt (Frage [3], Artikel [2]; Frage [4], Artikel [1], 2), dass Gott reiner Akt ist, schlechthin und in jeder Weise vollkommen, noch findet in Ihm irgendeine Unvollkommenheit Platz. Daher kommt es Ihm am passendsten zu, ein aktives Prinzip zu sein, und in keiner Weise passiv zu sein. Andererseits stimmt der Begriff des aktiven Prinzips mit der aktiven Macht überein. Denn aktive Macht ist das Prinzip, auf etwas anderes einzuwirken; wohingegen passive Macht das Prinzip ist, von etwas anderem eine Einwirkung zu empfangen, wie der Philosoph sagt (Metaph. v, 17). Es bleibt also dabei, dass in Gott aktive Macht im höchsten Grade ist.
Antwort auf Einwand 1: Aktive Macht steht nicht im Gegensatz zum Akt, sondern gründet auf ihm, denn alles wirkt, insofern es aktuell ist: aber passive Macht ist dem Akt entgegengesetzt; denn ein Ding ist passiv, insofern es potentiell ist. Daher ist diese Potentialität nicht in Gott, sondern nur aktive Macht.
Antwort auf Einwand 2: Wann immer der Akt von der Macht verschieden ist, muss der Akt edler sein als die Macht. Aber Gottes Handeln ist nicht von Seiner Macht verschieden, denn beide sind Sein göttliches Wesen; noch ist Sein Sein von Seinem Wesen verschieden. Daher folgt nicht, dass es in Gott etwas Edleres gäbe als Seine Macht.
Antwort auf Einwand 3: In den Geschöpfen ist die Macht nicht nur Prinzip des Handelns, sondern ebenso des Effekts. So wird in Gott der Begriff der Macht beibehalten, insofern sie das Prinzip eines Effekts ist; nicht jedoch, als ob sie ein Prinzip des Handelns wäre, denn dies ist das göttliche Wesen selbst; außer vielleicht nach unserer Art zu verstehen, insofern das göttliche Wesen, das alle Vollkommenheit, die in geschaffenen Dingen existiert, in sich vor-enthält, entweder unter dem Begriff des Handelns oder unter dem der Macht verstanden werden kann; wie es auch unter dem Begriff des „Suppositums“, das die Natur besitzt, und unter dem der Natur verstanden wird. Demgemäß wird der Begriff der Macht in Gott beibehalten, insofern sie das Prinzip eines Effekts ist.
Antwort auf Einwand 4: Macht wird von Gott nicht als etwas ausgesagt, das real von Seinem Wissen und Willen verschieden ist, sondern als logisch von ihnen verschieden; insofern Macht den Begriff eines Prinzips impliziert, das ausführt, was der Wille befiehlt und was das Wissen lenkt, welche drei Dinge in Gott identisch sind. Oder wir können sagen, dass das Wissen oder der Wille Gottes, insofern es das wirkende Prinzip ist, den Begriff der Macht in sich enthält. Daher geht die Betrachtung des Wissens und Willens Gottes der Betrachtung Seiner Macht voraus, wie die Ursache der Operation und dem Effekt vorausgeht.