I, q. 115 a. 4
Ob die Himmelskörper Ursache der menschlichen Handlungen sind?
Quaestio 115 · Vom Wirken der körperlichen Kreatur
Einwand 1: Es scheint, dass die Himmelskörper die Ursache der menschlichen Handlungen sind. Denn da die Himmelskörper von geistigen Substanzen bewegt werden, wie oben dargelegt (Quaestio [110], Artikel [3]), handeln sie kraft derselben als deren Werkzeuge. Aber jene geistigen Substanzen sind unseren Seelen überlegen. Daher scheint es, dass sie Eindrücke auf unsere Seelen verursachen können und dadurch menschliche Handlungen verursachen.
Einwand 2: Ferner ist jedes Vielgestaltige auf ein einheitliches Prinzip zurückführbar. Aber menschliche Handlungen sind verschieden und vielgestaltig. Daher scheint es, dass sie auf die einheitlichen Bewegungen der Himmelskörper als auf ihre Prinzipien zurückführbar sind.
Einwand 3: Ferner sagen Astrologen oft die Wahrheit bezüglich des Ausgangs von Kriegen und anderen menschlichen Handlungen voraus, von denen der Intellekt und der Wille die Prinzipien sind. Aber sie könnten dies nicht mittels der Himmelskörper tun, wenn diese nicht die Ursache der menschlichen Handlungen wären. Daher sind die Himmelskörper die Ursache der menschlichen Handlungen.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 7), dass „die Himmelskörper keineswegs die Ursache menschlicher Handlungen sind.“
Ich antworte darauf, dass die Himmelskörper direkt und aus sich selbst heraus auf Körper wirken können, wie oben dargelegt (Artikel [3]). Sie können zwar direkt auf jene Kräfte der Seele wirken, die die Akte körperlicher Organe sind, aber akzidentell: weil die Akte solcher Kräfte notwendigerweise durch Hindernisse in den Organen behindert werden; so kann ein Auge, wenn es gestört ist, nicht gut sehen. Wenn daher der Intellekt und der Wille Kräfte wären, die an körperliche Organe gebunden sind, wie einige behaupteten, die vertraten, dass der Intellekt sich nicht vom Sinn unterscheidet; würde notwendigerweise folgen, dass die Himmelskörper die Ursache der menschlichen Wahl und Handlung sind. Es würde auch folgen, dass der Mensch durch natürlichen Instinkt zu seinen Handlungen geführt wird, genau wie andere Tiere, in denen es andere Kräfte gibt als jene, die an körperliche Organe gebunden sind: denn was immer hier unten kraft der Wirkung von Himmelskörpern geschieht, geschieht natürlich. Es würde daher folgen, dass der Mensch keinen freien Willen hat und dass er determinierte Handlungen hätte, wie andere natürliche Dinge. All dies ist offensichtlich falsch und dem menschlichen Verhalten entgegengesetzt. Es muss jedoch beachtet werden, dass indirekt und akzidentell die Eindrücke der Himmelskörper den Intellekt und den Willen erreichen können, insofern nämlich sowohl Intellekt als auch Wille etwas von den unteren Kräften empfangen, die an körperliche Organe gebunden sind. Aber hierin sind Intellekt und Wille unterschiedlich situiert. Denn der Intellekt empfängt notwendigerweise von den unteren apprehensiven Kräften: weshalb, wenn die Einbildungskraft, die Denkkraft oder das Gedächtnis gestört sind, notwendigerweise auch die Handlung des Intellekts gestört ist. Der Wille hingegen folgt nicht notwendigerweise der Neigung des unteren Appetits; denn obwohl die Leidenschaften im Irasciblen und Konkupisziblen eine gewisse Kraft haben, den Willen zu neigen; behält der Wille dennoch die Macht, den Leidenschaften zu folgen oder sie zu unterdrücken. Daher haben die Eindrücke der Himmelskörper, kraft derer die unteren Kräfte verändert werden können, weniger Einfluss auf den Willen, welcher die nächste Ursache der menschlichen Handlungen ist, als auf den Intellekt.
Zu behaupten daher, dass Himmelskörper die Ursache menschlicher Handlungen sind, ist jenen eigen, die vertreten, dass der Intellekt sich nicht vom Sinn unterscheidet. Weshalb einige von diesen sagten, dass „so der Wille der Menschen ist, wie der Tag, den der Vater der Menschen und der Götter heraufführt“ (Odyssee xviii 135). Da es also offensichtlich ist, dass Intellekt und Wille keine Akte körperlicher Organe sind, ist es unmöglich, dass Himmelskörper die Ursache menschlicher Handlungen sind.
Antwort auf Einwand 1: Die geistigen Substanzen, die die Himmelskörper bewegen, wirken zwar mittels der Himmelskörper auf körperliche Dinge; aber sie wirken unmittelbar auf den menschlichen Intellekt, indem sie ihn erleuchten. Andererseits können sie den Willen nicht zwingen, wie oben dargelegt (Quaestio [111], Artikel [2]).
Antwort auf Einwand 2: So wie die Vielgestaltigkeit der körperlichen Bewegungen auf die Einheitlichkeit der Himmelsbewegung als auf ihre Ursache zurückführbar ist: so wird die Vielgestaltigkeit der Handlungen, die aus dem Intellekt und dem Willen hervorgehen, auf ein einheitliches Prinzip zurückgeführt, welches der göttliche Intellekt und Wille ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Mehrheit der Menschen folgt ihren Leidenschaften, welche Bewegungen des sinnlichen Appetits sind, bei welchen Bewegungen die Himmelskörper mitwirken können: aber wenige sind weise genug, diesen Leidenschaften zu widerstehen. Folglich sind die Astrologen in der Lage, die Wahrheit in der Mehrheit der Fälle vorherzusagen, besonders in allgemeiner Weise. Aber nicht in Einzelfällen; denn nichts hindert den Menschen daran, seinen Leidenschaften durch seinen freien Willen zu widerstehen. Weshalb die Astrologen selbst zu sagen pflegen, dass „der Weise stärker ist als die Sterne“ [*Ptolemäus, Centiloquium, prop. 5], insofern er nämlich seine Leidenschaften besiegt.