I, q. 115 a. 2
Ob in der körperlichen Materie Samenkräfte sind?
Quaestio 115 · Vom Wirken der körperlichen Kreatur
Einwand 1: Es scheint, dass es keine Samenkräfte (rationes seminales) in der körperlichen Materie gibt. Denn der Begriff „Kraft“ [ratio] impliziert etwas von geistiger Ordnung. Aber in der körperlichen Materie existiert nichts geistig, sondern nur materiell, das heißt, gemäß der Weise dessen, worin es ist. Daher gibt es keine Samenkräfte in der körperlichen Materie.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Trin. iii, 8,9), dass Dämonen gewisse Ergebnisse hervorbringen, indem sie mit einer verborgenen Bewegung gewisse Samen verwenden, von denen sie wissen, dass sie in der Materie existieren. Aber Körper, nicht Kräfte (rationes), können mit lokaler Bewegung verwendet werden. Daher ist es unvernünftig zu sagen, dass es Samenkräfte in der körperlichen Materie gibt.
Einwand 3: Ferner sind Samen aktive Prinzipien. Aber es gibt keine aktiven Prinzipien in der körperlichen Materie; da, wie wir oben gesagt haben, die Materie nicht fähig ist zu handeln (Artikel [1], ad 2,4). Daher gibt es keine Samenkräfte in der körperlichen Materie.
Einwand 4: Ferner sagt man, es gebe gewisse „Kausalgründe“ (rationes causales) (Augustinus, De Gen. ad lit. v, 4), die für die Hervorbringung der Dinge auszureichen scheinen. Aber Samenkräfte sind keine Kausalgründe: denn Wunder liegen außerhalb des Bereichs der Samenkräfte, aber nicht der Kausalgründe. Daher ist es unvernünftig zu sagen, dass es Samenkräfte in der körperlichen Materie gibt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. iii, 8): „Von allen Dingen, die auf körperliche und sichtbare Weise erzeugt werden, liegen gewisse Samen in den körperlichen Dingen dieser Welt verborgen.“
Ich antworte darauf, dass es üblich ist, Dinge nach dem zu benennen, was vollkommener ist, wie der Philosoph sagt (De Anima ii, 4). Nun sind in der gesamten körperlichen Natur die lebenden Körper die vollkommensten: weshalb das Wort „Natur“ von den lebenden Dingen auf alle natürlichen Dinge übertragen wurde. Denn das Wort selbst, „Natur“, wie der Philosoph sagt (Metaph. v, Did. iv, 4), wurde zuerst verwendet, um die Erzeugung lebender Dinge zu bezeichnen, welche „Geburt“ (nativitas) genannt wird: und weil lebende Dinge aus einem Prinzip erzeugt werden, das mit ihnen vereint ist, wie die Frucht vom Baum und der Nachkomme von der Mutter, mit der er vereint ist, wurde folglich das Wort „Natur“ auf jedes Prinzip der Bewegung angewandt, das in dem existiert, was bewegt wird. Nun ist es offensichtlich, dass die aktiven und passiven Prinzipien der Erzeugung lebender Dinge die Samen sind, aus denen lebende Dinge erzeugt werden. Daher gab Augustinus passenderweise all jenen aktiven und passiven Kräften, welche die Prinzipien der natürlichen Erzeugung und Bewegung sind, den Namen „Samenkräfte“ [seminales rationes].
Diese aktiven und passiven Kräfte können in mehreren Ordnungen betrachtet werden. Denn erstens, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. vi, 10), sind sie prinzipiell und ursprünglich im Wort Gottes, als „Ideengründe“ (rationes ideales). Zweitens sind sie in den Elementen der Welt, wo sie ganz zu Anfang hervorgebracht wurden, als in „Universalursachen“. Drittens sind sie in jenen Dingen, die im Laufe der Zeit durch Universalursachen hervorgebracht werden, zum Beispiel in dieser Pflanze und in jenem Tier, als in „Partikularursachen“. Viertens sind sie in den „Samen“, die von Tieren und Pflanzen hervorgebracht werden. Und diese wiederum werden mit weiteren partikularen Wirkungen verglichen, wie die ursprünglichen Universalursachen mit den ersten hervorgebrachten Wirkungen.
Antwort auf Einwand 1: Diese aktiven und passiven Kräfte der natürlichen Dinge, obwohl sie nicht „Gründe“ [rationes] genannt werden aufgrund ihres Seins in der körperlichen Materie, können dennoch so genannt werden in Bezug auf ihren Ursprung, insofern sie die Wirkung der Ideengründe [rationes ideales] sind.
Antwort auf Einwand 2: Diese aktiven und passiven Kräfte sind in gewissen Teilen der körperlichen Dinge: und wenn sie mit lokaler Bewegung zur Hervorbringung gewisser Ergebnisse verwendet werden, sprechen wir davon, dass die Dämonen Samen verwenden.
Antwort auf Einwand 3: Der Samen des Männchens ist das aktive Prinzip bei der Zeugung eines Tieres. Aber auch das kann Samen genannt werden, was das Weibchen als passives Prinzip beisteuert. Und so deckt das Wort „Samen“ sowohl aktive als auch passive Prinzipien ab.
Antwort auf Einwand 4: Aus den Worten des Augustinus, wenn er von diesen Samenkräften spricht, ist leicht zu entnehmen, dass sie auch Kausalgründe sind, so wie der Samen eine Art Ursache ist: denn er sagt (De Trin. iii, 9), dass, „wie eine Mutter schwanger ist mit dem ungeborenen Nachwuchs, so ist die Welt selbst schwanger mit den Ursachen der ungeborenen Dinge.“ Dennoch können die „Ideengründe“ „Kausalgründe“ genannt werden, aber nicht, streng genommen, „Samenkräfte“, weil der Samen kein getrenntes Prinzip ist; und weil Wunder nicht außerhalb des Bereichs der Kausalgründe gewirkt werden. Ebenso werden Wunder auch nicht außerhalb des Bereichs der passiven Kräfte gewirkt, die so in das Geschöpf eingepflanzt sind, dass letzteres zu jedem Zweck verwendet werden kann, den Gott befiehlt. Aber Wunder werden, so sagt man, außerhalb des Bereichs der natürlichen aktiven Kräfte gewirkt, und der passiven Potenzen, die auf solche aktiven Kräfte hingeordnet sind, und dies ist gemeint, wenn wir sagen, dass sie außerhalb des Bereichs der Samenkräfte gewirkt werden.