I, q. 10 a. 4
Ob sich die Ewigkeit von der Zeit unterscheidet?
Quaestio 10 · Die Ewigkeit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass sich die Ewigkeit nicht von der Zeit unterscheidet. Denn zwei Maße der Dauer können nicht zusammen existieren, es sei denn, eines ist Teil des anderen; zum Beispiel können zwei Tage oder zwei Stunden nicht zusammen sein; dennoch können wir sagen, dass ein Tag oder eine Stunde zusammen sind, wenn wir die Stunde als Teil eines Tages betrachten. Aber Ewigkeit und Zeit treten zusammen auf, von denen jedes ein gewisses Maß an Dauer impliziert. Da also die Ewigkeit kein Teil der Zeit ist, insofern die Ewigkeit die Zeit übertrifft und sie einschließt, scheint es, dass die Zeit ein Teil der Ewigkeit ist und kein von der Ewigkeit verschiedenes Ding.
Einwand 2: Ferner bleibt gemäß dem Philosophen (Phys. iv) das „Jetzt“ der Zeit dasselbe in der gesamten Zeit. Aber die Natur der Ewigkeit scheint zu sein, dass sie dasselbe unteilbare Ding im ganzen Raum der Zeit ist. Daher ist die Ewigkeit das „Jetzt“ der Zeit. Aber das „Jetzt“ der Zeit ist nicht substantiell von der Zeit verschieden. Daher ist die Ewigkeit nicht substantiell von der Zeit verschieden.
Einwand 3: Ferner, da das Maß der ersten Bewegung das Maß jeder Bewegung ist, wie in Phys. iv gesagt wird, so scheint es, dass das Maß des ersten Seins dasjenige jeden Seins ist. Aber die Ewigkeit ist das Maß des ersten Seins – das heißt, des göttlichen Seins. Daher ist die Ewigkeit das Maß jeden Seins. Aber das Sein der vergänglichen Dinge wird durch die Zeit gemessen. Die Zeit ist daher entweder Ewigkeit oder ein Teil der Ewigkeit.
Dagegen spricht: Die Ewigkeit ist zugleich ganz. Aber die Zeit hat ein „Vorher“ und ein „Nachher“. Daher sind Zeit und Ewigkeit nicht dasselbe Ding.
Ich antworte darauf: Es ist offensichtlich, dass Zeit und Ewigkeit nicht dasselbe sind. Einige haben diesen Unterschied auf die Tatsache gegründet, dass die Ewigkeit weder Anfang noch Ende hat, wohingegen die Zeit einen Anfang und ein Ende hat. Dies macht jedoch nur einen akzidentellen und keinen absoluten Unterschied aus, denn angenommen, dass die Zeit immer war und immer sein wird, gemäß der Vorstellung derer, die denken, die Bewegung der Himmel gehe für immer weiter, so bliebe doch ein Unterschied zwischen Ewigkeit und Zeit, wie Boethius sagt (De Consol. v), der aus der Tatsache entsteht, dass die Ewigkeit zugleich ganz ist; was auf die Zeit nicht angewendet werden kann: denn die Ewigkeit ist das Maß eines bleibenden Seins, während die Zeit ein Maß der Bewegung ist. Angenommen jedoch, dass der besagte Unterschied von Seiten der gemessenen Dinge betrachtet wird und nicht in Bezug auf die Maße, dann gibt es einen Grund dafür, insofern jenes allein durch die Zeit gemessen wird, was Anfang und Ende in der Zeit hat. Daher, wenn die Bewegung der Himmel immer andauerte, wäre die Zeit nicht ihr Maß in Bezug auf die Gesamtheit ihrer Dauer, da das Unendliche nicht messbar ist; sondern sie wäre das Maß jenes Teils ihrer Umdrehung, der Anfang und Ende in der Zeit hat.
Ein anderer Grund für dasselbe kann von diesen Maßen an sich genommen werden, wenn wir das Ende und den Anfang als Potenzen betrachten; denn auch angenommen, dass die Zeit immer weitergeht, so ist es doch möglich, in der Zeit sowohl den Anfang als auch das Ende zu bemerken, indem man ihre Teile betrachtet: so sprechen wir vom Anfang und Ende eines Tages oder eines Jahres; was auf die Ewigkeit nicht angewendet werden kann. Dennoch folgen diese Unterschiede auf die wesentlichen und primären Unterschiede, dass die Ewigkeit zugleich ganz ist, die Zeit aber nicht so ist.
Antwort auf Einwand 1: Ein solcher Grund wäre gültig, wenn Zeit und Ewigkeit dieselbe Art von Maß wären; aber dies ist offensichtlich nicht der Fall, wenn wir jene Dinge betrachten, deren jeweilige Maße Zeit und Ewigkeit sind.
Antwort auf Einwand 2: Das „Jetzt“ der Zeit ist dasselbe in Bezug auf sein Subjekt im ganzen Verlauf der Zeit, aber es unterscheidet sich im Aspekt; denn insofern die Zeit der Bewegung entspricht, entspricht ihr „Jetzt“ dem Beweglichen; und das bewegliche Ding hat dasselbe eine Subjekt in aller Zeit, unterscheidet sich aber im Aspekt als hier und dort seiend; und solche Veränderung ist Bewegung. Ebenso ist das Fließen des „Jetzt“ als im Aspekt wechselnd die Zeit. Aber die Ewigkeit bleibt dieselbe sowohl gemäß dem Subjekt als auch dem Aspekt; und daher ist die Ewigkeit nicht dasselbe wie das „Jetzt“ der Zeit.
Antwort auf Einwand 3: Wie die Ewigkeit das eigentliche Maß des bleibenden Seins ist, so ist die Zeit das eigentliche Maß der Bewegung; und daher, insofern irgendein Sein von der Beständigkeit des Seins zurückweicht und dem Wandel unterworfen ist, weicht es von der Ewigkeit zurück und ist der Zeit unterworfen. Daher wird das Sein der vergänglichen Dinge, weil es veränderlich ist, nicht durch die Ewigkeit gemessen, sondern durch die Zeit; denn die Zeit misst nicht nur tatsächlich veränderte Dinge, sondern auch veränderliche Dinge; daher misst sie nicht nur Bewegung, sondern sie misst auch Ruhe, welche zu allem gehört, was von Natur aus beweglich ist, aber nicht aktuell in Bewegung ist.