I, q. 10 a. 1
Ob dies eine gute Definition der Ewigkeit ist: „Der zugleich ganze und vollkommene Besitz unbegrenzbaren Lebens“?
Quaestio 10 · Die Ewigkeit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass die von Boethius (De Consol. v) gegebene Definition der Ewigkeit keine gute ist: „Ewigkeit ist der zugleich ganze und vollkommene Besitz unbegrenzbaren Lebens.“ Denn das Wort „unbegrenzbar“ ist ein negatives Wort. Die Verneinung aber gehört nur zu dem, was mangelhaft ist, und dies kommt der Ewigkeit nicht zu. Daher sollte in der Definition der Ewigkeit das Wort „unbegrenzbar“ nicht zu finden sein.
Einwand 2: Ferner bezeichnet Ewigkeit eine gewisse Art von Dauer. Dauer aber betrifft eher das Sein als das Leben. Daher sollte das Wort „Leben“ nicht in die Definition der Ewigkeit eingehen, sondern eher das Wort „Sein“.
Einwand 3: Ferner ist ein Ganzes das, was Teile hat. Dies aber ist der Ewigkeit fremd, die einfach ist. Daher wird sie unpassenderweise „ganz“ genannt.
Einwand 4: Viele Tage können nicht zusammen auftreten, noch können viele Zeiten auf einmal existieren. In der Ewigkeit aber stehen Tage und Zeiten im Plural, denn es heißt: „Sein Ausgang ist vom Anfang, von den Tagen der Ewigkeit her“ (Micha 5,1); und ebenso heißt es: „Gemäß der Offenbarung des Geheimnisses, das von Ewigkeit her verborgen war“ (Röm 16,25). Daher ist die Ewigkeit nicht alles zugleich.
Einwand 5: Ferner sind das Ganze und das Vollkommene dasselbe. Angenommen also, dass sie „ganz“ ist, wird sie überflüssigerweise als „vollkommen“ beschrieben.
Einwand 6: Ferner impliziert Dauer keinen „Besitz“. Aber die Ewigkeit ist eine Art Dauer. Daher ist die Ewigkeit kein Besitz.
Ich antworte darauf: Wie wir zur Erkenntnis einfacher Dinge auf dem Weg über zusammengesetzte Dinge gelangen, so müssen wir zur Erkenntnis der Ewigkeit mittels der Zeit gelangen, welche nichts anderes ist als die Zählung der Bewegung nach dem „Vorher“ und „Nachher“. Denn da in jeder Bewegung eine Aufeinanderfolge stattfindet und ein Teil nach dem anderen kommt, lässt uns die Tatsache, dass wir in der Bewegung ein Vorher und Nachher rechnen, die Zeit erfassen, welche nichts anderes ist als das Maß von Vorher und Nachher in der Bewegung. In einem Ding jedoch, das der Bewegung entbehrt und das immer dasselbe ist, gibt es kein Vorher oder Nachher. Wie also der Begriff der Zeit in der Zählung von Vorher und Nachher in der Bewegung besteht, so besteht der Begriff der Ewigkeit in der Erfassung der Gleichförmigkeit dessen, was außerhalb der Bewegung ist.
Ferner sagt man von jenen Dingen, dass sie durch die Zeit gemessen werden, die einen Anfang und ein Ende in der Zeit haben, weil es in allem, was bewegt wird, einen Anfang und ein Ende gibt. Da aber das, was gänzlich unveränderlich ist, keine Aufeinanderfolge haben kann, so hat es keinen Anfang und kein Ende.
So wird die Ewigkeit aus zwei Quellen erkannt: erstens, weil das, was ewig ist, unbegrenzbar ist – das heißt, keinen Anfang noch ein Ende hat (das heißt, keine Grenze in beide Richtungen); zweitens, weil die Ewigkeit keine Aufeinanderfolge hat, da sie zugleich ganz ist.
Antwort auf Einwand 1: Einfache Dinge werden gewöhnlich auf dem Weg der Verneinung definiert; wie „ein Punkt ist das, was keine Teile hat“. Dies ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob die Verneinung zu ihrem Wesen gehörte, sondern weil unser Intellekt, der zuerst zusammengesetzte Dinge erfasst, nicht zur Erkenntnis einfacher Dinge gelangen kann, außer indem er das Gegenteil entfernt.
Antwort auf Einwand 2: Was wahrhaft ewig ist, ist nicht nur seiend, sondern auch lebend; und das Leben erstreckt sich auf die Tätigkeit, was vom Sein nicht gilt. Nun scheint die Ausdehnung der Dauer eher zur Tätigkeit als zum Sein zu gehören; daher ist die Zeit die Zählung der Bewegung.
Antwort auf Einwand 3: Die Ewigkeit wird ganz genannt, nicht weil sie Teile hat, sondern weil es ihr an nichts mangelt.
Antwort auf Einwand 4: Wie Gott, obwohl unkörperlich, in der Schrift metaphorisch mit körperlichen Namen benannt wird, so wird die Ewigkeit, obwohl zugleich ganz, mit Namen bezeichnet, die Zeit und Aufeinanderfolge implizieren.
Antwort auf Einwand 5: Zwei Dinge sind in der Zeit zu betrachten: die Zeit selbst, die aufeinanderfolgend ist; und das „Jetzt“ der Zeit, das unvollkommen ist. Daher wird der Ausdruck „zugleich ganz“ verwendet, um die Vorstellung von Zeit zu entfernen, und das Wort „vollkommen“ wird verwendet, um das „Jetzt“ der Zeit auszuschließen.
Antwort auf Einwand 6: Was immer besessen wird, wird fest und ruhig gehalten; um daher die Unveränderlichkeit und Beständigkeit der Ewigkeit zu bezeichnen, verwenden wir das Wort „Besitz“.