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Widerlegung der Faseleien der Ketzer, in welchen sie nicht so fast erwesen als unverschämt behaupten, der Papst sei der Antichrist.
Obgleich dasjenige, was wir bisher über den Antichrist gesagt, hinreichen könnte, da wir schlagend bewiesen, dass keines der Merkmale, welche die göttliche Schrift dem Antichrist beilegt, auf den Papst passt, so will ich doch noch, um keinen Wunsch übrig zu lassen und die Unverschämtheit der Gegner an den Tag zu ziehen, in Kürze dasjenige auseinandersetzen und widerlegen, was Luther, die schmalkaldische Schrift, Calvin, Illyricus, Timann und Chyträus beibringen, um den Papst als den Antichrist hinzustellen.
Zuvorderst nennt Luther den Papst zwar allenthalben den Antichrist, besonders in dem Buche von der babylonischen Gefangenschaft, in der Schrift gegen die fluchwürdige Bulle des Antichrist, in der assertio articulorum und in der Schrift gegen Ambrosius Catharinus. Ich habe jedoch bloß einen Versuch von Beweis für diese Aussagen finden können. In der assertio articulorum 27. sagt er nämlich: „Daniel sagte im achten Abschnitte vorher, der Antichrist werde ein König sein unverschämten Angesichts, d. h., wie es im Hebräischen steht, mächtig an Schein, Pomp und Zeremonien der äußerlichen Werke, während der Geist des Glaubens bei ihm ausgelöscht ist. Die Erfüllung sehen wir in einer solchen Masse von geistlichen Ständen, Orden, Kollegien, Gebräuchen, Kleidern, Gebärden, Gebäuden, Verordnungen, Regeln, Observanzen, dass man kaum die Zahl ihrer Namen aufzählen kann.“ Und eben diese Außenseiten des Antichrist, wie er sagt, zählt er auf und erklärt er aufs Ausführlichste im Buche gegen Ambrosius Catharinus über das Gesicht des Daniel.
Aber dieser Beweis Luthers ist in drei Stücken fehlerhaft. Erstlich im Grunde selbst. Denn die hebräischen Worte bedeuten nach hebräischer Sprachweise einen Menschen ohne Scham, welcher nicht mehr errötet. Denn zuvorderst findet sich diese Übersetzung bei den Siebzig (Dan. 8, 23), ἀναδὴς προσώπῳ, schamlos. So übersetzt Hieronymus. So liest Theodoretus. So erklärt es nach den Regeln der Rabbinen Franz Vatablus. „Stark von Ansehen“, sagt er, „ist derjenige, welcher nicht errötet und sich nicht schämt.“ Endlich lässt sich dasselbe aus den ähnlichen Worten bei Ezechiel 3, 7 f. entnehmen: „Aber das Haus Israel will dich nicht hören; denn sie wollen mich selbst nicht hören; denn das ganze Haus Israel hat eine harte Stirne und ein verstocktes Herz. Doch siehe, ich habe dein Angesicht gemacht als ihr Angesicht und deine Stirne härter als ihre Stirne.“ Hier heißt es im Hebräischen: „Das Haus Israel sind Starke von Stirne und ich habe dein Angesicht stärker gemacht als ihre Stirne.“ Diese Worte haben, nach der richtigen Erklärung des Hieronymus, keinen anderen Sinn als den, jene sind zwar unverschämt, aber du wirst ihrer Unverschämtheit nicht weichen. Und wenn jene keck und ohne Scham Böses tun, so wirst du keck und ohne Scham deinen Tadel aussprechen. Bei dieser Sachlage hat Luther zu befürchten, selbst unverschämt von Angesicht zu sein, wenn er seine Auslegung den Rabbinern, Theodoretus, Hieronymus und den siebzig Dolmetschern, ja dem Ezechiel selbst vorziehen will.

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