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Wer durch die Sünde von der Gnade abgefallen ist, der kann durch die Gnade wieder aufgerichtet werden
Hieraus ist aber offensichtlich, daß ein Mensch, auch wenn er nicht im Guten verharrt hat, sondern in Sünde gefallen ist, durch die Hilfe der Gnade zum Guten wieder aufgerichtet werden kann.
Es liegt nämlich in ein und derselben Kraft, das Heil eines Dinges aufrechtzuerhalten und ein gestörtes Heil wiederherzustellen: denn wie durch natürliche Kraft die Gesundheit im Körper aufrechterhalten wird, so wird durch dieselbe natürliche Kraft die gestörte Gesundheit wiederhergestellt. Der Mensch verharrt aber im Guten durch die Hilfe der göttlichen Gnade, wie dargelegt wurde (III 155). Also wird er, wenn er durch Sünde gestrauchelt ist, durch die Hilfe derselben Gnade wiederhergestellt werden können.
Zudem. Eine Ursache, die keiner Anlage im Gegenstand ihres Tuns bedarf, kann ihre Wirkung auf jeden wie auch immer angelegten Gegenstand ausüben: und deshalb kann Gott, der in seinem Tun einer Anlage im Gegenstand nicht bedarf, eine natürliche Form ohne Anlage des Gegenstands dazu verleihen, wenn er z. B. einen Blinden sehend macht, einen Toten lebendig usw. Aber wie er im körperlichen Gegenstand seines Tuns keiner natürlichen Anlage bedarf, so bedarf er, um Gnade zu erweisen, keines Verdienstes im Willen des Betreffenden: denn gegeben wird ohne Verdienste, wie dargelegt wurde (III 149). Also kann Gott die wohlgefällig machende Gnade, durch die die Sünden getilgt werden, einem Menschen auch erweisen, nachdem er durch Sünde von der Gnade abgefallen ist.
Weiter. Der Mensch kann nur den Verlust desjenigen nicht wiedergewinnen, was ihm von Zeugung an zukommt, z. B. die natürlichen Fähigkeiten und Glieder: denn der Mensch kann nicht ein zweites Mal gezeugt werden (III 144). Die Hilfe der Gnade aber wird dem Menschen nicht bei der Zeugung gegeben, sondern erst, nachdem er existiert. Also kann er nach dem Verlust der Gnade durch die Sünde wiederhergestellt werden, um die Sünden zu tilgen.
Ebenso. Die Gnade ist in gewisser Weise eine habituelle Anlage in der Seele, wie dargelegt wurde (III 150). Ein Habitus aber, der durch eine Handlung erworben wurde, kann, wenn er verloren wird, wieder durch die Handlung neu erworben werden, durch die er erworben wurde. Viel eher also kann die mit Gott verbindende und von der Sünde befreiende Gnade, wenn sie verloren wird, durch göttliche Tätigkeit wiederhergestellt werden.
Außerdem. In Gottes Werken ist nichts vergeblich, so wenig wie in den Werken der Natur: denn auch die Natur hat es von Gott. Es würde aber etwas vergeblich bewegt, wenn die Bewegung nicht zum Ziel gelangen könnte. Also ist es notwendig, daß dasjenige, was von Natur aus darauf angelegt ist, zu einem Ziel bewegt zu werden, auch in der Lage ist, dieses Ziel zu erreichen. Nachdem nun ein Mensch in Sünde gefallen ist, verbleibt doch in ihm die Fähigkeit, sich wieder zum Guten zu bewegen, solange sein gegenwärtiges Leben andauert: Anzeichen dafür sind das Verlangen nach dem Guten und der Schmerz über das Böse, die auch nach der Sünde im Menschen weiter verbleiben. Es ist also möglich, daß der Mensch nach der Sünde wieder zum Guten zurückkehrt, weil die Gnade im Menschen tätig ist.
Anschlussartikel
Vom Autor festgelegte Folgetexte in Lesereihenfolge — zum Weiterlesen und zur inhaltlichen Einordnung.
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