III, q. 50 a. 5
Ob der Leib Christi lebend und tot identisch derselbe war?
Quaestio 50 · Vom Tode Christi
Einwand 1: Es scheint, dass der Leib Christi lebend und tot nicht identisch derselbe war. Denn Christus starb wahrhaftig, so wie andere Menschen auch. Aber der Leib jedes anderen ist nicht schlechthin identisch derselbe, tot und lebend, weil es einen wesentlichen Unterschied zwischen ihnen gibt. Daher ist auch der Leib Christi nicht identisch derselbe, tot und lebend.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Metaph. v, text. 12), dass Dinge, die spezifisch verschieden sind, auch numerisch verschieden sind. Aber der Leib Christi, lebend und tot, war spezifisch verschieden: weil das Auge oder Fleisch eines Toten nur äquivok so genannt wird, wie aus dem Philosophen (De Anima ii, text. 9; Metaph. vii) ersichtlich ist. Daher war der Leib Christi nicht schlechthin identisch derselbe, lebend und tot.
Einwand 3: Ferner ist der Tod eine Art von Verderbnis. Was aber durch substantielle Verderbnis verdorben wird, existiert nicht mehr, nachdem es verdorben ist, da Verderbnis eine Veränderung vom Sein zum Nichtsein ist. Daher blieb der Leib Christi, nachdem er tot war, nicht identisch derselbe, weil der Tod eine substantielle Verderbnis ist.
Dagegen spricht, Athanasius sagt (Epist. ad Epict.): „In jenem Leib, der beschnitten und getragen wurde, der aß und sich mühte und an das Holz genagelt wurde, war das leidensunfähige und unkörperliche Wort Gottes: derselbe wurde in das Grab gelegt.“ Aber der lebende Leib Christi wurde beschnitten und an das Holz genagelt; und der tote Leib Christi wurde in das Grab gelegt. Daher war es derselbe Leib, lebend und tot.
Ich antworte darauf, Der Ausdruck „schlechthin“ (simpliciter) kann in zwei Sinnen genommen werden. Im ersten Fall, indem man „schlechthin“ als gleichbedeutend mit „absolut“ nimmt; so „wird das schlechthin gesagt, was ohne Zusatz gesagt wird“, wie der Philosoph es ausdrückte (Topic. ii): und auf diese Weise war der tote und lebende Leib Christi schlechthin identisch derselbe: da ein Ding aufgrund der Identität des Subjekts „schlechthin“ identisch dasselbe genannt wird. Der Leib Christi aber, lebend und tot, war identisch in seinem Suppositum, weil er lebend und tot keinen anderen [Träger] hatte außer dem Wort Gottes, wie oben dargelegt wurde (Artikel [2]). Und in diesem Sinne spricht Athanasius in der zitierten Passage.
Auf eine andere Weise ist „schlechthin“ dasselbe wie „gänzlich“ oder „total“: in welchem Sinne der Leib Christi, tot und lebendig, nicht „schlechthin“ identisch derselbe war, weil er nicht „total“ derselbe war, da das Leben zum Wesen eines lebenden Körpers gehört; denn es ist ein essentielles und kein akzidentelles Prädikat: daher folgt, dass ein Körper, der aufhört lebend zu sein, nicht total derselbe bleibt. Wenn man überdies sagen würde, dass der tote Leib Christi „total“ derselbe blieb, würde folgen, dass er nicht verdorben wurde – ich meine, durch die Verderbnis des Todes: was die Häresie der Gaianiten ist, wie Isidor sagt (Etym. viii), und in den Dekretalen (xxiv, qu. iii) zu finden ist. Und Damascener sagt (De Fide Orth. iii), dass „der Begriff ‚Verderbnis‘ (corruptio) zwei Dinge bezeichnet: auf eine Weise ist es die Trennung der Seele vom Leib und andere Dinge dieser Art; auf eine andere Weise die vollständige Auflösung in die Elemente. Folglich ist es gottlos, mit Julian und Gaian zu sagen, dass der Leib des Herrn nach der ersten Art der Verderbnis vor der Auferstehung unverweslich war: weil der Leib Christi nicht wesensgleich mit uns wäre, noch wahrhaft tot, noch wären wir in voller Wahrheit gerettet worden. Aber auf die zweite Weise war der Leib Christi unverweslich.“
Antwort auf Einwand 1: Der tote Leib jedes anderen bleibt nicht mit einer bleibenden Hypostase vereint, wie es der tote Leib Christi tat; folglich ist der tote Leib jedes anderen nicht „schlechthin“ derselbe, sondern nur in gewisser Hinsicht: weil er derselbe ist hinsichtlich seiner Materie, aber nicht derselbe hinsichtlich seiner Form. Aber der Leib Christi bleibt schlechthin derselbe, aufgrund der Identität des Suppositums, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Da ein Ding identisch genannt wird gemäß dem Suppositum, aber spezifisch gleich gemäß der Form: wo immer das Suppositum in nur einer Natur subsistiert, folgt notwendigerweise, dass, wenn die Einheit der Spezies weggenommen wird, auch die Einheit der Identität weggenommen wird. Aber die Hypostase des Wortes Gottes subsistiert in zwei Naturen; und folglich, obwohl bei anderen der Leib nicht derselbe bleibt gemäß der Spezies der menschlichen Natur, bleibt er dennoch in Christus identisch derselbe gemäß dem Suppositum des Wortes Gottes.
Antwort auf Einwand 3: Verderbnis und Tod kommen Christus nicht aufgrund des Suppositums zu, aus welchem Suppositum die Einheit der Identität folgt; sondern aufgrund der menschlichen Natur, gemäß welcher der Unterschied von Tod und Leben im Leib Christi gefunden wird.