III, q. 50 a. 2
Ob die Gottheit vom Fleisch getrennt wurde, als Christus starb?
Quaestio 50 · Vom Tode Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Gottheit vom Fleisch getrennt wurde, als Christus starb. Denn wie Matthäus berichtet (27,46), schrie unser Herr, als er am Kreuz hing: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese Worte erklärt Ambrosius im Kommentar zu Lk 23,46 wie folgt: „Der Mensch schrie, als er im Begriff war zu verscheiden, durch die Trennung von der Gottheit; denn da die Gottheit frei vom Tod ist, konnte der Tod gewiss nicht dort sein, es sei denn, das Leben wich, denn die Gottheit ist das Leben.“ Und so scheint es, dass, als Christus starb, die Gottheit von seinem Fleisch getrennt wurde.
Einwand 2: Ferner werden die Extreme getrennt, wenn das Mittelglied entfernt wird. Die Seele aber war das Mittelglied, durch welches die Gottheit mit dem Fleisch vereint war, wie oben dargelegt (Frage [6], Artikel [1]). Da also die Seele durch den Tod vom Fleisch getrennt wurde, scheint es, dass infolgedessen auch seine Gottheit von ihm getrennt wurde.
Einwand 3: Ferner ist die lebensspendende Kraft Gottes größer als die der Seele. Der Leib aber könnte nicht sterben, wenn nicht die Seele ihn verließ. Daher könnte er noch viel weniger sterben, wenn nicht die Gottheit wiche.
Dagegen spricht, Wie oben dargelegt (Frage [16], Artikel [4],5), werden die Attribute der menschlichen Natur vom Sohn Gottes nur aufgrund der Union ausgesagt. Was aber dem Leib Christi nach dem Tod zukommt, wird vom Sohn Gottes ausgesagt – nämlich begraben zu sein: wie aus dem Glaubensbekenntnis ersichtlich ist, in dem es heißt, dass der Sohn Gottes „empfangen und geboren aus der Jungfrau, gelitten, gestorben und begraben wurde.“ Daher wurde die Gottheit Christi nicht vom Fleisch getrennt, als er starb.
Ich antworte darauf, Was durch Gottes Gnade verliehen wird, wird niemals entzogen außer durch Schuld. Daher steht geschrieben (Röm 11,29): „Gottes Gaben und Berufung sind ohne Reue.“ Die Gnade der Union aber, durch welche die Gottheit mit dem Fleisch in der Person Christi vereint wurde, ist größer als die Gnade der Kindschaft, durch die andere geheiligt werden: auch ist sie aus sich heraus dauerhafter, weil diese Gnade auf die personale Union hingeordnet ist, wohingegen die Gnade der Kindschaft sich auf eine gewisse affektive Union bezieht. Und doch sehen wir, dass die Gnade der Kindschaft niemals ohne Schuld verloren geht. Da es also in Christus keine Sünde gab, war es unmöglich, dass die Union der Gottheit mit dem Fleisch aufgelöst wurde. Folglich blieb das Fleisch Christi, so wie es vor dem Tod personal und hypostatisch mit dem Wort Gottes vereint war, auch nach seinem Tod so vereint, so dass die Hypostase des Wortes Gottes nicht verschieden war von der des Fleisches Christi nach dem Tod, wie Damascener sagt (De Fide Orth. iii).
Antwort auf Einwand 1: Jenes Verlassen bezieht sich nicht auf die Auflösung der personalen Union, sondern darauf, dass Gott der Vater ihn der Passion überließ: daher bedeutet „verlassen“ dort einfach, ihn nicht vor den Verfolgern zu schützen. Oder er sagt dort, dass er verlassen sei, mit Bezug auf das Gebet, das er gesprochen hatte: „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“, wie Augustinus es erklärt (De Gratia Novi Test.).
Antwort auf Einwand 2: Das Wort Gottes wird als mit dem Fleisch vereint bezeichnet durch das Medium der Seele, insofern das Fleisch durch die Seele zur menschlichen Natur gehört, welche der Sohn Gottes anzunehmen beabsichtigte; aber nicht so, als ob die Seele das Mittelglied wäre, das sie verbindet. Es liegt aber an der Seele, dass das Fleisch menschlich ist, selbst nachdem die Seele von ihm getrennt wurde – nämlich insofern durch Gottes Anordnung im toten Fleisch eine gewisse Beziehung zur Auferstehung verbleibt. Und deshalb wird die Union der Gottheit mit dem Fleisch nicht aufgehoben.
Antwort auf Einwand 3: Die Seele besitzt die lebensspendende Kraft formal, und deshalb muss der Körper notwendigerweise ein lebendiger sein, solange sie anwesend und formal vereint ist; die Gottheit aber hat die lebensspendende Kraft nicht formal, sondern effektiv; weil sie nicht die Form des Körpers sein kann: und deshalb ist es nicht notwendig, dass das Fleisch lebt, solange die Union der Gottheit mit dem Fleisch bestehen bleibt, da Gott nicht aus Notwendigkeit handelt, sondern aus seinem eigenen Willen.