III, q. 50 a. 1
Ob es geziemend war, dass Christus starb?
Quaestio 50 · Vom Tode Christi
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht geziemend war, dass Christus starb. Denn ein erstes Prinzip in einer Ordnung wird durch nichts beeinflusst, was dieser Ordnung entgegengesetzt ist: so kann Feuer, welches das Prinzip der Hitze ist, niemals kalt werden. Der Sohn Gottes aber ist der Urquell und das Prinzip allen Lebens, gemäß Ps 35,10: „Bei dir ist die Quelle des Lebens.“ Daher scheint es für Christus nicht geziemend zu sein, zu sterben.
Einwand 2: Ferner ist der Tod ein größerer Mangel als Krankheit, da man durch Krankheit zum Sterben kommt. Es war aber für Christus nicht geziemend, an Krankheit zu siechen, wie Chrysostomus [*Athanasius, Orat. de Incarn. Verbi] sagt. Folglich war es für Christus auch nicht geziemend, zu sterben.
Einwand 3: Ferner sagte unser Herr (Joh 10,10): „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Ein Gegensatz aber führt nicht zum anderen. Daher scheint es, dass es auch für Christus nicht geziemend war, zu sterben.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Joh 11,50): „Es ist besser für euch, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt... damit nicht das ganze Volk zugrunde geht“: welche Worte Kaiphas prophetisch sprach, wie der Evangelist bezeugt.
Ich antworte darauf, dass es für Christus geziemend war, zu sterben. Erstens, um für das ganze Menschengeschlecht Genugtuung zu leisten, welches wegen der Sünde zum Tode verurteilt war, gemäß Gen 2,17: „An dem Tag, da du davon isst, wirst du des Todes sterben.“ Nun ist es eine angemessene Art, für einen anderen Genugtuung zu leisten, wenn man sich der Strafe unterwirft, die jener verdient hat. Und so beschloss Christus zu sterben, damit er durch sein Sterben für uns sühne, gemäß 1 Petr 3,18: „Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben.“ Zweitens, um die Wirklichkeit des angenommenen Fleisches zu erweisen. Denn wie Eusebius sagt (Orat. de Laud. Constant. xv): „Wenn Christus, nachdem er unter den Menschen gewohnt hatte, plötzlich aus den Augen der Menschen verschwunden wäre, als ob er den Tod miede, dann wäre er von allen Menschen einem Gespenst gleichgesetzt worden.“ Drittens, damit er uns durch sein Sterben von der Furcht vor dem Tod befreie: daher steht geschrieben (Hebr 2,14.15), dass er Anteil bekam „an Fleisch und Blut, damit er durch den Tod den vernichte, der die Herrschaft des Todes hatte, und jene befreie, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren.“ Viertens, damit er uns, indem er dem Leibe nach dem Gleichnis der Sünde – das heißt ihrer Strafe – starb, ein Beispiel gebe, der Sünde geistlich zu sterben. Daher steht geschrieben (Röm 6,10): „Denn sein Sterben war ein Sterben für die Sünde, ein für allemal; sein Leben aber ist ein Leben für Gott. So sollt auch ihr euch als Menschen ansehen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben.“ Fünftens, damit er, indem er von den Toten auferstand und seine Macht offenbarte, durch die er den Tod überwanden hatte, uns die Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten einflöße. Daher sagt der Apostel (1 Kor 15,12): „Wenn aber verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige unter euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht?“
Antwort auf Einwand 1: Christus ist die Quelle des Lebens als Gott, und nicht als Mensch: er starb aber als Mensch, und nicht als Gott. Daher sagt Augustinus [*Vigilius Tapsensis] gegen Felicianus: „Fern sei es von uns anzunehmen, dass Christus den Tod so empfand, dass er sein Leben verlor, insofern er in sich selbst das Leben ist; denn wäre es so, wäre die Quelle des Lebens versiegt. Demnach erfuhr er den Tod durch die Teilhabe an unserem menschlichen Empfinden, das er aus eigenem Antrieb auf sich genommen hatte, aber er verlor nicht die Macht seiner Natur, durch die er allen Dingen Leben gibt.“
Antwort auf Einwand 2: Christus erlitt nicht den Tod, der aus Krankheit entsteht, damit er nicht aus Erschöpfung der Natur notwendigerweise zu sterben schien: sondern er erduldete einen von außen zugefügten Tod, dem er sich willentlich überantwortete, damit gezeigt würde, dass sein Tod ein freiwilliger war.
Antwort auf Einwand 3: Ein Gegensatz führt nicht aus sich selbst zum anderen, wohl aber bisweilen indirekt (per accidens): so ist Kälte manchmal die indirekte Ursache von Hitze: und auf diese Weise brachte uns Christus durch seinen Tod zum Leben zurück, als er durch seinen Tod unseren Tod vernichtete; so wie jener, der die Strafe eines anderen trägt, diese Strafe wegnimmt.