III, q. 27 a. 6
Ob es nach Christus der seligen Jungfrau eigentümlich war, im Mutterleib geheiligt zu werden?
Quaestio 27 · Über die Heiligung der seligen Jungfrau
Einwand 1: Es scheint, dass es für die selige Jungfrau eigentümlich war, nach Christus im Mutterleib geheiligt zu werden. Denn es wurde gesagt (Artikel 4), dass die selige Jungfrau im Mutterleib geheiligt wurde, damit sie würdig sei, die Mutter Gottes zu sein. Dies aber ist ihr eigen. Also wurde sie allein im Mutterleib geheiligt.
Einwand 2: Ferner scheinen einige Menschen enger mit Christus verbunden gewesen zu sein als Jeremias und Johannes der Täufer, von denen gesagt wird, sie seien im Mutterleib geheiligt worden. Denn Christus wird speziell Sohn Davids und Abrahams genannt, aufgrund der Verheißung, die ihnen speziell bezüglich Christus gemacht wurde. Auch Isaias prophezeite von Christus in den ausdrücklichsten Begriffen. Und die Apostel waren im Umgang mit Christus selbst. Und doch werden diese nicht als im Mutterleib geheiligt erwähnt. Also ziemte es sich nicht, dass Jeremias oder Johannes der Täufer im Mutterleib geheiligt wurden.
Einwand 3: Ferner sagt Ijob von sich selbst (Ijob 31,18): „Von meiner Kindheit an wuchs das Erbarmen mit mir auf; und es kam mit mir aus dem Schoß [meiner Mutter].“ Dennoch sagen wir aus diesem Grund nicht, dass er im Mutterleib geheiligt wurde. Weder sind wir also verpflichtet zu sagen, dass Jeremias und Johannes der Täufer im Mutterleib geheiligt wurden.
Dagegen spricht, dass von Jeremias geschrieben steht (Jer 1,5): „Ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt.“ Und von Johannes dem Täufer steht geschrieben (Lk 1,15): „Er wird schon im Mutterleib mit dem Heiligen Geist erfüllt sein.“
Ich antworte darauf, dass Augustinus (Ep. ad Dardan.) zweifelnd über ihre (Jeremias' und Johannes des Täufers) Heiligung im Mutterleib zu sprechen scheint. Denn das Hüpfen des Johannes im Mutterleib „könnte“, wie er sagt, „die große Wahrheit bezeichnen“, nämlich dass die Frau die Mutter Gottes war, „die seinen Eltern bekannt gemacht werden sollte, obwohl sie dem Kind noch unbekannt war. Daher steht im Evangelium geschrieben, nicht dass das Kind in ihrem Schoß glaubte, sondern dass es ‚hüpfte‘: und unsere Augen sind Zeugen, dass nicht nur Kinder hüpfen, sondern auch Vieh. Aber dies war ungewohnt, weil es im Mutterleib geschah. Und deshalb, so wie andere Wunder gewöhnlich getan werden, geschah dies göttlich im Kind; nicht menschlich durch das Kind. Vielleicht wurde auch in diesem Kind der Gebrauch von Vernunft und Wille so weit beschleunigt, dass er, während er noch im Mutterleib seiner Mutter war, fähig war zu erkennen, zu glauben und zuzustimmen, wohingegen wir bei anderen Kindern auf diese Dinge warten müssen, bis sie älter werden: dies zähle ich wiederum als ein wunderbares Ergebnis der göttlichen Macht.“
Aber da im Evangelium ausdrücklich (von Johannes) gesagt wird, dass „er schon im Mutterleib mit dem Heiligen Geist erfüllt sein wird“; und von Jeremias: „Ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt“; scheint es, dass wir notwendigerweise behaupten müssen, dass sie im Mutterleib geheiligt wurden, obwohl sie, während sie im Mutterleib waren, nicht den Gebrauch der Vernunft hatten (was der von Augustinus diskutierte Punkt ist); so wie auch Kinder nicht den Gebrauch des freien Willens genießen, sobald sie durch die Taufe geheiligt sind.
Noch sollen wir glauben, dass irgendwelche anderen, die nicht von der Schrift erwähnt werden, im Mutterleib geheiligt wurden. Denn solche Gnadenvorrechte, die einigen außerhalb des allgemeinen Gesetzes verliehen werden, sind zum Heil anderer geordnet, gemäß 1 Kor 12,7: „Die Offenbarung des Geistes wird jedem zum Nutzen gegeben“, was nicht aus der Heiligung von irgendjemandem resultieren würde, wenn es nicht der Kirche bekannt gemacht würde.
Und obwohl es nicht möglich ist, einen Grund für Gottes Urteile anzugeben, zum Beispiel, warum er eine solche Gnade dem einen verleiht und nicht dem anderen, so scheint es doch eine gewisse Angemessenheit zu haben, dass diese beiden im Mutterleib geheiligt wurden, indem sie die Heiligung vorherschatteten, die durch Christus bewirkt werden sollte. Erstens hinsichtlich seines Leidens, gemäß Hebr 13,12: „Jesus, damit er das Volk durch sein eigenes Blut heilige, litt außerhalb des Tores“: welches Leiden Jeremias offen durch Worte und durch Symbole vorhersagte und durch seine eigenen Leiden am klarsten vorherschattete. Zweitens hinsichtlich seiner Taufe (1 Kor 6,11): „Aber ihr seid reingewaschen, aber ihr seid geheiligt“; auf welche Taufe Johannes die Menschen durch seine Taufe vorbereitete.
Antwort auf Einwand 1: Die selige Jungfrau, die von Gott erwählt wurde, seine Mutter zu sein, empfing eine vollere Gnade der Heiligung als Johannes der Täufer und Jeremias, die erwählt waren, auf besondere Weise die durch Christus bewirkte Heiligung vorherzuschatten. Ein Zeichen dafür ist, dass der seligen Jungfrau gewährt wurde, fortan niemals zu sündigen, weder tödlich noch lässlich: wohingegen den anderen, die so geheiligt wurden, gewährt wurde, fortan nicht tödlich zu sündigen, durch den Schutz von Gottes Gnade.
Antwort auf Einwand 2: In anderer Hinsicht mochten diese Heiligen enger mit Christus vereint sein als Jeremias und Johannes der Täufer. Aber letztere waren am engsten mit ihm vereint, indem sie seine Heiligung klar vorherschatteten, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 3: Das Erbarmen, von dem Ijob spricht, ist nicht die eingegossene Tugend; sondern eine gewisse natürliche Neigung zum Akt jener Tugend.