Suppl., q. 95 a. 4
Ob die Engel die Mitgiften empfangen?
Quaestio 95 · Von den Mitgiften der Seligen
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel Mitgiften empfangen. Denn eine Glosse zum Hohelied 6,8, „Eine ist meine Taube“, sagt: „Eine ist die Kirche unter Menschen und Engeln.“ Aber die Kirche ist die Braut, weshalb es für die Glieder der Kirche angemessen ist, die Mitgiften zu haben. Daher haben die Engel die Mitgiften.
Einwand 2: Ferner sagt eine Glosse zu Lk 12,36, „Und ihr sollt Menschen gleichen, die auf ihren Herrn warten, wenn er von der Hochzeit zurückkehrt“: „Unser Herr ging zur Hochzeit, als der neue Mensch nach Seiner Auferstehung die Engelschar sich vermählte.“ Daher sind die Engelscharen die Braut Christi, und folglich ist es angemessen, dass sie die Mitgiften haben.
Einwand 3: Ferner besteht die geistliche Ehe in einer geistlichen Einheit. Nun ist die geistliche Einheit zwischen den Engeln und Gott nicht geringer als zwischen den beseligten Menschen und Gott. Da also die Mitgiften, von denen wir jetzt handeln, aufgrund einer geistlichen Ehe zugewiesen werden, scheint es, dass sie den Engeln zukommen.
Einwand 4: Ferner verlangt eine geistliche Ehe einen geistlichen Bräutigam und eine geistliche Braut. Nun sind die Engel Christus als dem höchsten Geist von Natur aus gleichförmiger als die Menschen. Daher ist eine geistliche Ehe zwischen den Engeln und Christus eher möglich als zwischen Menschen und Christus.
Einwand 5: Ferner ist eine größere Gleichförmigkeit zwischen Haupt und Gliedern erforderlich als zwischen Bräutigam und Braut. Nun genügt die Gleichförmigkeit zwischen Christus und den Engeln, damit Christus das Haupt der Engel genannt wird. Daher genügt sie aus demselben Grund, damit Er ihr Bräutigam genannt wird.
Dagegen spricht, dass Origenes zu Beginn des Prologs zu seinem Kommentar zum Hohelied vier Personen unterscheidet, nämlich „den Bräutigam mit der Braut, die jungen Mädchen und die Gefährten des Bräutigams“: und er sagt, dass „die Engel die Gefährten des Bräutigams sind“. Da also die Mitgift nur der Braut gebührt, scheint es, dass die Mitgiften den Engeln nicht zukommen.
Ferner hat Christus die Kirche durch Seine Menschwerdung und Sein Leiden geehelicht: weshalb dies in den Worten (Ex 4,25) vorausgeschattet ist: „Ein Blutbräutigam bist du mir.“ Nun wurde Christus durch Seine Menschwerdung und Sein Leiden mit den Engeln nicht anders vereint als zuvor. Daher gehören die Engel nicht zur Kirche, wenn wir die Kirche als Braut betrachten. Daher kommen die Mitgiften den Engeln nicht zu.
Ich antworte darauf, dass ohne jeden Zweifel alles, was zu den Ausstattungen der Seele gehört, den Engeln ebenso zukommt wie den Menschen. Aber unter dem Aspekt der Mitgift betrachtet, kommen sie den Engeln nicht so angemessen zu wie den Menschen, weil der Charakter der Braut den Engeln nicht so eigentlich zukommt wie den Menschen. Denn es ist eine Gleichheit der Natur zwischen Bräutigam und Braut erforderlich, nämlich dass sie von derselben Spezies sein sollten. Nun sind die Menschen Christus auf diese Weise gleichförmig, da Er die menschliche Natur annahm und dadurch allen Menschen in der spezifischen Natur des Menschen gleichförmig wurde. Andererseits ist Er den Engeln nicht in der Einheit der Spezies gleichförmig, weder hinsichtlich Seiner göttlichen noch hinsichtlich Seiner menschlichen Natur. Folglich kommt der Begriff der Mitgift den Engeln nicht so eigentlich zu wie den Menschen. Da es jedoch in metaphorischen Ausdrücken nicht notwendig ist, eine Ähnlichkeit in jeder Hinsicht zu haben, dürfen wir nicht argumentieren, dass eine Sache von einer anderen metaphorisch nicht ausgesagt werden darf wegen irgendeines Mangels an Ähnlichkeit; und folglich beweist das Argument, das wir angeführt haben, nicht, dass die Mitgiften den Engeln schlechthin unziemlich sind, sondern nur, dass sie den Engeln nicht so eigentlich zukommen wie den Menschen, wegen des besagten Mangels an Ähnlichkeit.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl die Engel in der Einheit der Kirche eingeschlossen sind, sind sie keine Glieder der Kirche gemäß der Gleichheit der Natur, wenn wir die Kirche als Braut betrachten: und so ist es für sie nicht eigentlich passend, die Mitgiften zu haben.
Antwort auf Einwand 2: Vermählung wird dort in einem weiten Sinne verstanden, für eine Vereinigung ohne Gleichheit der spezifischen Natur: und in diesem Sinne hindert nichts daran zu sagen, dass die Engel die Mitgiften haben, wenn man diese in einem weiten Sinne nimmt.
Antwort auf Einwand 3: In der geistlichen Ehe sollten, obwohl es keine andere als eine geistliche Einheit gibt, diejenigen, deren Vereinigung der Vorstellung einer vollkommenen Ehe entspricht, in der spezifischen Natur übereinstimmen. Daher kommt die Vermählung den Engeln nicht eigentlich zu.
Antwort auf Einwand 4: Die Gleichförmigkeit zwischen den Engeln und Christus als Gott ist nicht von solcher Art, dass sie für den Begriff einer vollkommenen Ehe ausreicht, da sie so weit davon entfernt sind, in der Spezies übereinzustimmen, dass immer noch ein unendlicher Abstand zwischen ihnen besteht.
Antwort auf Einwand 5: Nicht einmal wird Christus eigentlich das Haupt der Engel genannt, wenn wir das Haupt so betrachten, dass es Gleichheit der Natur mit den Gliedern erfordert. Wir müssen jedoch beachten, dass, obwohl das Haupt und die anderen Glieder Teile eines Individuums einer Spezies sind, wenn wir jedes für sich betrachten, es nicht von derselben Spezies ist wie ein anderes Glied, denn eine Hand ist ein anderer spezifischer Teil als der Kopf. Daher ist, wenn man von den Gliedern an sich spricht, die einzige unter ihnen erforderliche Gleichförmigkeit eine der Proportion, so dass eines vom anderen empfängt und eines dem anderen dient. Folglich genügt die Gleichförmigkeit zwischen Gott und den Engeln eher für den Begriff des Hauptes als für den des Bräutigams.