Suppl., q. 95 a. 2
Ob die Mitgift dasselbe ist wie die Seligkeit?
Quaestio 95 · Von den Mitgiften der Seligen
Einwand 1: Es scheint, dass die Mitgift dasselbe ist wie die Seligkeit. Denn wie aus der Definition der Mitgift (Artikel [1]) hervorgeht, ist die Mitgift „der ewige Schmuck von Leib und Seele in ewiger Glückseligkeit“. Nun ist die Glückseligkeit der Seele ein Schmuck derselben. Daher ist die Seligkeit eine Mitgift.
Einwand 2: Ferner bezeichnet eine Mitgift etwas, wodurch die Vereinigung von Braut und Bräutigam genussreich gemacht wird. Nun ist die Seligkeit in der geistlichen Ehe von solcher Art. Daher ist die Seligkeit eine Mitgift.
Einwand 3: Ferner ist nach Augustinus (In Ps. 92) die Schau „das ganze Wesen der Seligkeit“. Nun wird die Schau zu den Mitgiften gezählt. Daher ist die Seligkeit eine Mitgift.
Einwand 4: Ferner verleiht der Genuss (fruitio) Glückseligkeit. Nun ist der Genuss eine Mitgift. Daher verleiht eine Mitgift Glückseligkeit, und somit ist die Seligkeit eine Mitgift.
Einwand 5: Ferner sagt Boethius (De Consol. iii): „Seligkeit ist ein Zustand, der durch die Ansammlung aller Güter vollkommen gemacht ist.“ Nun wird der Zustand der Seligen durch die Mitgiften vervollkommnet. Daher sind die Mitgiften Teil der Seligkeit.
Dagegen spricht, dass die Mitgiften ohne Verdienste gegeben werden; während die Seligkeit nicht gegeben, sondern als Lohn für Verdienste zuerkannt wird. Daher ist die Seligkeit keine Mitgift.
Ferner ist die Seligkeit nur eine einzige, während die Mitgiften mehrere sind. Daher ist die Seligkeit keine Mitgift.
Ferner ist die Seligkeit im Menschen gemäß dem, was das Vornehmste in ihm ist (Ethic. x, 7); während eine Mitgift auch für den Leib bestimmt ist. Daher sind Mitgift und Seligkeit nicht dasselbe.
Ich antworte darauf, dass es zu dieser Frage zwei Meinungen gibt. Denn einige sagen, dass Seligkeit und Mitgift in der Realität dasselbe sind, sich aber im Aspekt unterscheiden: weil die Mitgift die geistliche Ehe zwischen Christus und der Seele betrifft, die Seligkeit hingegen nicht. Aber dies scheint keinen Bestand zu haben, da die Seligkeit in einer Tätigkeit besteht, während eine Mitgift keine Tätigkeit ist, sondern eine Qualität oder Disposition. Daher muss man nach anderen sagen, dass Seligkeit und Mitgift sich sogar in der Realität unterscheiden, wobei die Seligkeit die vollkommene Tätigkeit selbst ist, durch welche die Seele mit Gott vereint wird, während die Mitgiften Habitus oder Dispositionen oder irgendwelche anderen Qualitäten sind, die auf diese selbe vollkommene Tätigkeit hingeordnet sind, so dass sie auf die Seligkeit hingeordnet sind, anstatt als Teile in ihr zu sein.
Antwort auf Einwand 1: Die Seligkeit ist eigentlich kein Schmuck der Seele, sondern etwas, das aus dem Schmuck der Seele resultiert; da sie eine Tätigkeit ist, während ihr Schmuck eine gewisse Schönheit der Seligen selbst ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Seligkeit ist nicht auf die Vereinigung hingeordnet, sondern ist die Vereinigung der Seele mit Christus selbst. Diese Vereinigung geschieht durch eine Tätigkeit, während die Mitgiften Gaben sind, die zu eben dieser Vereinigung disponieren.
Antwort auf Einwand 3: Die Schau kann auf zwei Arten verstanden werden. Erstens aktuell, d.h. für den Akt des Sehens selbst; und so ist die Schau keine Mitgift, sondern die Seligkeit selbst. Zweitens kann sie habituell verstanden werden, d.h. für den Habitus, durch den dieser Akt hervorgebracht wird, nämlich die Klarheit der Herrlichkeit, durch welche die Seele von oben erleuchtet wird, um Gott zu sehen: und so ist sie eine Mitgift und das Prinzip der Seligkeit, aber nicht die Seligkeit selbst. Die gleiche Antwort gilt für Einwand 4.
Antwort auf Einwand 5: Die Seligkeit ist die Summe aller Güter, nicht als ob sie wesentliche Teile der Seligkeit wären, sondern als in gewisser Weise auf die Seligkeit hingeordnet, wie oben gesagt wurde.