Suppl., q. 9 a. 1
Ob der Beichte die Form fehlen kann?
Quaestio 9 · Von der Beschaffenheit der Beichte
Einwand 1: Es scheint, dass der Beichte die Form nicht fehlen kann. Denn es steht geschrieben (Sir 17, 26): „Vom Toten schwindet das Lob [das Bekenntnis] wie ein Nichts.“ Ein Mensch ohne die Liebe aber ist tot, da die Liebe das Leben der Seele ist. Also kann es keine Beichte ohne die Liebe geben.
Einwand 2: Ferner wird die Beichte zusammen mit der Reue und der Genugtuung eingeteilt. Reue und Genugtuung sind aber ohne die Liebe unmöglich. Also ist auch die Beichte ohne die Liebe unmöglich.
Einwand 3: Ferner ist es bei der Beichte notwendig, dass das Wort mit dem Gedanken übereinstimmt, denn schon der Name der Beichte [confessio] verlangt dies. Wenn nun jemand beichtet, während er an der Sünde festhält, stimmt sein Wort nicht mit seinem Gedanken überein, da er im Herzen an der Sünde festhält, während er sie mit den Lippen verurteilt. Deshalb beichtet ein solcher Mensch nicht.
Dagegen spricht: Jeder Mensch ist verpflichtet, seine Todsünden zu beichten. Wenn nun jemand in Todsünde einmal gebeichtet hat, ist er nicht verpflichtet, dieselben Sünden noch einmal zu beichten; da nämlich niemand von sich weiß, ob er die Liebe besitzt, wüsste niemand von sich, dass er gebeichtet hat. Deshalb ist es nicht notwendig, dass die Beichte durch die Liebe belebt ist.
Ich antworte darauf: Die Beichte ist ein Akt der Tugend und Teil eines Sakraments. Insofern sie ein Akt der Tugend ist, hat sie die Eigenschaft, verdienstlich zu sein, und ist daher ohne die Liebe, die das Prinzip des Verdienstes ist, nutzlos. Insofern sie aber Teil eines Sakraments ist, ordnet sie den Büßer dem Priester unter, der die Schlüssel der Kirche innehat und der durch die Beichte das Gewissen des Beichtenden erkennt. Auf diese Weise ist es möglich, dass die Beichte bei jemandem stattfindet, der nicht reuig ist; denn er kann dem Priester seine Sünden bekannt machen und sich den Schlüsseln der Kirche unterwerfen. Und obwohl er dann nicht die Frucht der Lossprechung empfängt, wird er sie doch zu empfangen beginnen, wenn er aufrichtig bereut, wie es auch bei den anderen Sakramenten geschieht. Daher ist er nicht verpflichtet, seine Beichte zu wiederholen, sondern seinen Mangel an Aufrichtigkeit zu beichten.
Antwort auf Einwand 1: Diese Worte müssen so verstanden werden, dass sie sich auf den Empfang der Frucht der Beichte beziehen, die niemand empfangen kann, der nicht im Stand der Liebe ist.
Antwort auf Einwand 2: Reue und Genugtuung werden Gott dargebracht; die Beichte aber geschieht gegenüber dem Menschen. Daher ist es für die Reue und die Genugtuung wesentlich, dass der Mensch durch die Liebe mit Gott vereint ist, nicht aber für die Beichte.
Antwort auf Einwand 3: Wer die Sünden erklärt, die er hat, spricht die Wahrheit; und so stimmt sein Gedanke mit seinen Lippen oder Worten überein, was die Substanz der Beichte betrifft, auch wenn er mit dem Zweck der Beichte nicht übereinstimmt.