Suppl., q. 82 a. 1
Ob die Leiber der Heiligen nach der Auferstehung leidensunfähig sein werden?
Quaestio 82 · Von der Unleidensfähigkeit der Leiber der Seligen nach der Auferstehung.
Einwand 1: Es scheint, dass die Leiber der Heiligen nach der Auferstehung nicht leidensunfähig sein werden. Denn alles Sterbliche ist leidensfähig. Der Mensch aber wird nach der Auferstehung ein „sterbliches vernunftbegabtes Lebewesen“ sein, denn dies ist die Definition des Menschen, die niemals von ihm getrennt werden wird. Also wird der Leib leidensfähig sein.
Einwand 2: Ferner ist alles, was in Potenz dazu ist, die Form eines anderen Dinges zu haben, im Verhältnis zu etwas anderem leidensfähig; denn dies ist gemeint mit dem „Leiden durch ein anderes Ding“ (De Gener. i). Nun werden die Leiber der Heiligen nach der Auferstehung in Potenz zur Form eines anderen Dinges sein; da die Materie, insofern sie unter einer Form ist, ihre Potenz zu einer anderen Form nicht verliert. Aber die Leiber der Heiligen werden nach der Auferstehung Materie gemeinsam mit den Elementen haben, weil sie aus derselben Materie wiederhergestellt werden, aus der sie jetzt zusammengesetzt sind. Also werden sie in Potenz zu einer anderen Form sein und somit leidensfähig sein.
Einwand 3: Ferner haben gemäß dem Philosophen (De Gener. i) Gegensätze eine natürliche Neigung, gegeneinander aktiv und passiv zu sein. Nun werden die Leiber der Heiligen nach der Auferstehung aus Gegensätzen zusammengesetzt sein, so wie jetzt auch. Also werden sie leidensfähig sein.
Einwand 4: Ferner werden im menschlichen Leib das Blut und die Säfte wieder auferstehen, wie oben dargelegt wurde (Frage [80], Artikel [3],4). Nun entstehen Krankheit und dergleichen Leiden im Leib durch den Widerstreit der Säfte. Also werden die Leiber der Heiligen nach der Auferstehung leidensfähig sein.
Einwand 5: Ferner ist ein tatsächlicher Mangel unvereinbarer mit der Vollkommenheit als ein potenzieller Mangel. Aber Leidensfähigkeit bezeichnet lediglich einen potenziellen Mangel. Da es nun gewisse tatsächliche Mängel in den Leibern der Seligen geben wird, wie die Narben der Wunden bei den Märtyrern, so wie sie in Christus waren, scheint es, dass ihre Vollkommenheit nicht leiden würde, wenn wir zugäben, dass ihre Leiber leidensfähig sind.
Dagegen spricht: Alles Leidensfähige ist vergänglich, weil „eine Zunahme des Leidens zum Verlust der Substanz führt“ [Aristoteles, Topic. vi, 1]. Nun werden die Leiber der Heiligen nach der Auferstehung unvergänglich sein, gemäß 1 Kor 15,42: „Es wird gesät in Verweslichkeit, es wird auferstehen in Unverweslichkeit.“ Also werden sie leidensunfähig sein.
Ferner leidet das Stärkere nicht durch das Schwächere. Aber kein Körper wird stärker sein als die Leiber der Heiligen, von denen geschrieben steht (1 Kor 15,43): „Es wird gesät in Schwachheit, es wird auferstehen in Kraft.“ Also werden sie leidensunfähig sein.
Ich antworte darauf: Wir sprechen auf zwei Weisen davon, dass ein Ding „passiv“ (leidend) ist [vgl. FS, Frage [22], Artikel [1]]. Erstens im weiten Sinne, und so wird jedes Empfangen ein Leiden genannt, ob das Empfangene nun dem Empfänger angemessen ist und ihn vervollkommnet, oder ihm entgegengesetzt ist und ihn verdirbt. Die glorreichen Leiber werden nicht als leidensunfähig bezeichnet durch die Entfernung dieser Art von Leiden, da nichts, was zur Vollkommenheit gehört, von ihnen entfernt werden soll. Auf eine andere Weise gebrauchen wir das Wort „passiv“ im eigentlichen Sinne, und so definiert der Damaszener das Leiden (De Fide Orth. ii, 22) als „eine Bewegung gegen die Natur“. Daher wird eine unmäßige Bewegung des Herzens sein Leiden genannt, eine mäßige Bewegung aber seine Operation. Der Grund hierfür ist, dass alles, was leidet, an die Grenzen des Wirkenden gezogen wird, da das Wirkende das Leidende sich selbst angleicht, so dass daher das Leidende als solches über seine eigenen Grenzen hinausgezogen wird, innerhalb derer es beschränkt war. Nimmt man dementsprechend das Leiden im eigentlichen Sinne, so wird es in den Leibern der Heiligen nach der Auferstehung keine Potenz zum Leiden geben; weshalb sie leidensunfähig genannt werden.
Der Grund dieser Leidensunfähigkeit wird jedoch von verschiedenen Personen unterschiedlich angegeben. Einige schreiben sie der Beschaffenheit der Elemente zu, die dann anders sein wird als jetzt. Denn sie sagen, dass die Elemente dann zwar der Substanz nach bleiben werden, aber ihrer aktiven und passiven Qualitäten beraubt sein werden. Dies scheint jedoch nicht wahr zu sein: weil die aktiven und passiven Qualitäten zur Vollkommenheit der Elemente gehören, so dass, wenn die Elemente ohne sie im Leib des auferstehenden Menschen wiederhergestellt würden, sie weniger vollkommen wären als jetzt. Da ferner diese Qualitäten die eigentümlichen Akzidenzien der Elemente sind, die durch ihre Form und Materie verursacht werden, erschiene es höchst absurd, dass die Ursache bleibt und die Wirkung entfernt wird. Weshalb andere sagen, dass die Qualitäten bleiben werden, aber beraubt ihrer eigentümlichen Tätigkeiten, indem die göttliche Macht dies zur Erhaltung des menschlichen Leibes bewirkt. Dies scheint jedoch unhaltbar, da das Handeln und Leiden der aktiven und passiven Qualitäten für die Mischung (der Elemente) notwendig ist, und je nachdem, ob das eine oder das andere überwiegt, unterscheiden sich die gemischten (Körper) in ihrer jeweiligen Komplexion; und dies muss auch für die Leiber derer gelten, die auferstehen, denn sie werden Fleisch und Knochen und ähnliche Teile enthalten, die alle unterschiedliche Komplexionen erfordern. Überdies könnte gemäß diesem Ansatz die Leidensunfähigkeit nicht eine ihrer Gaben sein, weil sie keine Disposition in der leidensunfähigen Substanz implizieren würde, sondern lediglich ein äußeres Hindernis für das Leiden, nämlich die Macht Gottes, die denselben Effekt in einem menschlichen Leib sogar in diesem Lebenszustand hervorrufen könnte. Folglich sagen andere, dass im Leib selbst etwas sein wird, das das Leiden eines verklärten Leibes verhindert, nämlich die Natur eines fünften Körpers [Quintessenz] oder Himmelskörpers, von dem sie behaupten, er gehe in die Zusammensetzung eines menschlichen Leibes ein, mit der Wirkung, die Elemente in Harmonie zu vermischen, so dass sie eine angemessene Materie für die vernunftbegabte Seele sind; dass aber in diesem Lebenszustand aufgrund des Überwiegens der elementaren Natur der menschliche Leib wie andere Elemente leidensfähig ist, wohingegen in der Auferstehung die Natur des fünften Körpers vorherrschen wird, so dass der menschliche Leib in Ähnlichkeit zum Himmelskörper leidensunfähig gemacht wird. Aber dies kann keinen Bestand haben, weil der fünfte Körper nicht materiell in die Zusammensetzung eines menschlichen Leibes eingeht, wie oben bewiesen wurde (Sent. ii, D, 12, Q. 1, Artikel [1]). Überdies ist es absurd zu sagen, dass eine natürliche Kraft, wie die Kraft eines Himmelskörpers, den menschlichen Leib mit einer Eigenschaft der Herrlichkeit ausstatten sollte, wie der Leidensunfähigkeit eines verklärten Leibes, da der Apostel die Umgestaltung des menschlichen Leibes der Macht Christi zuschreibt, weil „wie der Himmlische beschaffen ist, so sind auch die Himmlischen“ (1 Kor 15,48), und „Er wird den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten, dass er gleichförmig werde dem Leib seiner Herrlichkeit, gemäß der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann“ (Phil 3,21). Und wiederum kann eine himmlische Natur keine solche Macht über den menschlichen Leib ausüben, dass sie ihm seine elementare Natur nimmt, die aufgrund ihrer wesentlichen Bestandteile leidensfähig ist. Folglich müssen wir anders sagen, dass alles Leiden daraus resultiert, dass das Wirkende das Leidende überwindet, sonst würde es dieses nicht zu seinen eigenen Grenzen ziehen. Nun ist es unmöglich, dass das Wirkende das Leidende überwindet, außer durch die Schwächung des Halts, den die Form des Leidenden über seine Materie hat, wenn wir von dem Leiden sprechen, das gegen die Natur ist, denn von Leiden in diesem Sinne sprechen wir jetzt: denn die Materie ist nicht einem von zwei Gegensätzen unterworfen, außer durch das Aufhören oder zumindest die Verminderung des Halts, den der andere Gegensatz auf sie hat. Nun werden der menschliche Leib und alles, was er enthält, der vernunftbegabten Seele vollkommen unterworfen sein, so wie die Seele Gott vollkommen unterworfen sein wird. Daher wird es unmöglich sein, dass der verklärte Leib irgendeiner Veränderung unterworfen ist, die der Disposition entgegensteht, durch die er von der Seele vervollkommnet wird; und folglich werden jene Leiber leidensunfähig sein.
Antwort auf Einwand 1: Gemäß Anselm (Cur Deus Homo ii, 11) ist „sterblich in der Definition des Menschen der Philosophen enthalten, weil sie nicht glaubten, dass der ganze Mensch jemals unsterblich sein könnte, denn sie hatten keine Erfahrung vom Menschen außer in diesem Zustand der Sterblichkeit.“ Oder wir können sagen, dass wir, da uns gemäß dem Philosophen (Metaph. vi, 12) die wesentlichen Unterschiede unbekannt sind, manchmal akzidentelle Unterschiede verwenden, um wesentliche Unterschiede zu bezeichnen, aus denen die akzidentellen Unterschiede resultieren. Daher wird „sterblich“ in die Definition des Menschen gesetzt, nicht als ob die Sterblichkeit für den Menschen wesentlich wäre, sondern weil das, was Leidensfähigkeit und Sterblichkeit im gegenwärtigen Lebenszustand verursacht, nämlich die Zusammensetzung aus Gegensätzen, für den Menschen wesentlich ist; aber es wird dies dann nicht verursachen, aufgrund des Triumphs der Seele über den Leib.
Antwort auf Einwand 2: Die Potenz ist zweifach: gebunden und frei; und dies gilt nicht nur für die aktive, sondern auch für die passive Potenz. Denn die Form bindet die Potenz der Materie, indem sie sie auf eine Sache festlegt, und auf diese Weise überwindet sie sie. Und da in vergänglichen Dingen die Form die Materie nicht vollkommen überwindet, kann sie sie nicht vollständig binden, um zu verhindern, dass sie manchmal durch irgendein Leiden eine der Form entgegengesetzte Disposition empfängt. Aber bei den Heiligen nach der Auferstehung wird die Seele die vollständige Herrschaft über den Leib haben, und es wird für sie gänzlich unmöglich sein, diese Herrschaft zu verlieren, weil sie unveränderlich Gott unterworfen sein wird, was im Zustand der Unschuld nicht der Fall war. Folglich werden jene Leiber substanziell dieselbe Potenz behalten, die sie jetzt zu einer anderen Form haben; doch wird jene Potenz durch den Triumph der Seele über den Leib gebunden bleiben, so dass sie niemals durch tatsächliches Leiden verwirklicht wird.
Antwort auf Einwand 3: Die elementaren Qualitäten sind die Werkzeuge der Seele, wie in De Anima ii, Text 38 ff. dargelegt, denn die Hitze des Feuers im Leib eines Tieres wird im Akt der Ernährung durch die Kraft der Seele gelenkt. Wenn jedoch das hauptsächliche Agens vollkommen ist und kein Mangel im Werkzeug vorliegt, geht keine Handlung vom Werkzeug aus, außer in Übereinstimmung mit der Disposition des hauptsächlichen Agens. Folglich wird in den Leibern der Heiligen nach der Auferstehung keine Handlung oder kein Leiden aus den elementaren Qualitäten resultieren, das der Disposition der Seele entgegensteht, welche die Erhaltung des Leibes im Blick hat.
Antwort auf Einwand 4: Gemäß Augustinus (Ep. ad Consent. cxlvi) „vermag die göttliche Macht“ jedwede Qualitäten, die Er will, „von diesem sichtbaren und greifbaren Leib zu entfernen, während andere Qualitäten bleiben.“ Daher, so wie Er in gewisser Hinsicht „den Flammen des Ofens der Chaldäer die Kraft zu brennen nahm, da die Leiber der Kinder ohne Schaden bewahrt wurden, während in anderer Hinsicht jene Kraft blieb, da jene Flammen das Holz verzehrten, so wird Er die Leidensfähigkeit von den Säften entfernen, während Er ihre Natur unverändert lässt.“ Es wurde im Artikel erklärt, wie dies zustande kommt.
Antwort auf Einwand 5: Die Narben der Wunden werden nicht in den Heiligen sein, noch waren sie in Christus, insofern sie einen Mangel implizieren, sondern als Zeichen der standhaftesten Tugend, durch welche die Heiligen um der Gerechtigkeit und des Glaubens willen litten: so dass dies ihre eigene Freude und die der anderen mehren wird (vgl. TP, Frage [54], Artikel [4], ad 3). Daher sagt Augustinus (De Civ. Dei xxii, 19): „Wir empfinden eine unbeschreibliche Liebe zu den seligen Märtyrern, so dass wir begehren, in jenem Königreich die Narben der Wunden an ihren Leibern zu sehen, die sie für den Namen Christi trugen. Vielleicht werden wir sie tatsächlich sehen, denn dies wird sie nicht weniger anmutig, sondern glorreicher machen. Eine gewisse Schönheit wird in ihnen leuchten, eine Schönheit zwar im Leibe, doch nicht des Leibes, sondern der Tugend.“ Dennoch werden jene Märtyrer, die verstümmelt und ihrer Glieder beraubt wurden, bei der Auferstehung der Toten nicht ohne jene Glieder sein, denn zu ihnen ist gesagt (Lk 21,18): „Kein Haar von eurem Haupt wird verloren gehen.“