Suppl., q. 81 a. 4
Ob alle zum tierischen Leben auferstehen werden, um die Funktionen der Ernährung und Zeugung auszuüben?
Quaestio 81 · Von der Beschaffenheit der Auferstehenden
Einwand 1: Es scheint, dass sie zum tierischen Leben auferstehen werden, oder mit anderen Worten, dass sie von den Akten der nutritiven und generativen Kräfte Gebrauch machen werden. Denn unsere Auferstehung wird der Christi gleichgestaltet sein. Von Christus aber wird gesagt, dass er nach seiner Auferstehung gegessen hat (Joh 21; Lk 24). Deshalb werden die Menschen nach der Auferstehung essen und in gleicher Weise zeugen.
Einwand 2: Ferner ist die Unterscheidung der Geschlechter auf die Zeugung ausgerichtet; und in gleicher Weise sind die Werkzeuge, die der nutritiven Kraft dienen, auf das Essen ausgerichtet. Nun wird der Mensch mit all diesen auferstehen. Deshalb wird er die Akte der generativen und nutritiven Kräfte ausüben.
Einwand 3: Ferner wird der ganze Mensch beseligt sein, sowohl an der Seele als auch am Leib. Nun besteht die Seligkeit oder das Glück, gemäß dem Philosophen (Ethic. i, 7), in einer vollkommenen Tätigkeit. Deshalb ist es notwendig, dass alle Kräfte der Seele und alle Glieder nach der Auferstehung ihre jeweiligen Akte haben. Und so folgt die gleiche Schlussfolgerung wie oben.
Einwand 4: Ferner wird es nach der Auferstehung vollkommene Freude bei den Seligen geben. Nun schließt eine solche Freude alle Genüsse ein, da „Glückseligkeit“ nach Boethius „ein durch die Anhäufung aller Güter vollkommener Zustand“ ist (De Consol. iii), und das Vollkommene ist das, dem nichts fehlt. Da es also viel Genuss im Akt der generativen und nutritiven Kräfte gibt, scheint es, dass solche Akte, die zum tierischen Leben gehören, in den Seligen sein werden, und noch viel mehr in den anderen, die weniger geistige Körper haben werden.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Mt 22,30): „In der Auferstehung werden sie weder heiraten noch verheiratet werden.“
Ferner ist die Zeugung darauf ausgerichtet, den Mangel zu beheben, der aus dem Tod resultiert, und auf die Vermehrung des Menschengeschlechts: und das Essen ist darauf ausgerichtet, den Verbrauch auszugleichen und die Quantität zu vermehren. Aber im Zustand der Auferstehung wird das Menschengeschlecht bereits die von Gott vorherbestimmte Anzahl von Individuen haben, da die Zeugung bis zu jenem Punkt andauern wird. In gleicher Weise wird jeder Mensch in der gebührenden Quantität auferstehen; weder wird der Tod mehr sein, noch irgendein Verbrauch die Teile des Menschen betreffen. Deshalb wären die Akte der generativen und nutritiven Kräfte zwecklos.
Ich antworte darauf, dass die Auferstehung für den Menschen nicht wegen seiner primären Vollkommenheit notwendig sein wird, welche in der Integrität jener Dinge besteht, die zu seiner Natur gehören, da der Mensch diese in seinem gegenwärtigen Lebenszustand durch das Wirken natürlicher Ursachen erlangen kann; sondern die Notwendigkeit der Auferstehung betrifft die Erlangung seiner letzten Vollkommenheit, welche darin besteht, dass er sein letztes Ziel erreicht. Folglich werden jene natürlichen Operationen, die darauf ausgerichtet sind, die primäre Vollkommenheit der menschlichen Natur zu verursachen oder zu bewahren, nicht in der Auferstehung sein: solche sind die Handlungen des tierischen Lebens im Menschen, die Einwirkung der Elemente aufeinander und die Bewegung der Himmel; weshalb all diese bei der Auferstehung aufhören werden. Und da essen, trinken, schlafen, zeugen zum tierischen Leben gehören, da sie auf die primäre Vollkommenheit der Natur ausgerichtet sind, folgt, dass sie nicht in der Auferstehung sein werden.
Antwort auf Einwand 1: Als Christus an jenem Mahl teilnahm, war sein Essen ein Akt, nicht der Notwendigkeit, als ob die menschliche Natur nach der Auferstehung Nahrung benötigte, sondern der Macht, um zu beweisen, dass Er die wahre menschliche Natur wiederangenommen hatte, die Er in jenem Zustand hatte, in dem Er mit seinen Jüngern aß und trank. Es wird bei der allgemeinen Auferstehung keinen Bedarf für einen solchen Beweis geben, da es allen offensichtlich sein wird. Daher sagt man, Christus habe durch Dispensation gegessen, in dem Sinne, wie Juristen sagen, dass eine „Dispensation eine Lockerung des allgemeinen Gesetzes ist“: weil Christus eine Ausnahme von dem machte, was denen gemeinsam ist, die auferstehen (nämlich keine Nahrung zu sich zu nehmen), aus dem vorgenannten Beweggrund. Daher beweist das Argument nichts.
Antwort auf Einwand 2: Die Unterscheidung der Geschlechter und der Unterschied der Glieder werden zur Wiederherstellung der Vollkommenheit der menschlichen Natur sowohl in der Spezies als auch im Individuum sein. Daher folgt nicht, dass sie zwecklos sind, obwohl ihnen ihre tierischen Operationen fehlen.
Antwort auf Einwand 3: Die vorgenannten Operationen gehören nicht zum Menschen als Menschen, wie auch der Philosoph feststellt (Ethic. x, 7), weshalb das Glück des menschlichen Körpers nicht darin besteht. Sondern der menschliche Körper wird verherrlicht werden durch einen Überfluss von der Vernunft, wodurch der Mensch Mensch ist, insofern der Körper der Vernunft unterworfen sein wird.
Antwort auf Einwand 4: Wie der Philosoph sagt (Ethic. vii, 12, x, 5), sind die Genüsse des Körpers medizinisch, weil sie dem Menschen zur Beseitigung von Müdigkeit zugeführt werden; oder wiederum sind sie ungesund, insofern der Mensch sich diesen Genüssen ungeordnet hingibt, als ob sie wirkliche Genüsse wären: so wie ein Mensch, dessen Geschmack verdorben ist, sich an Dingen erfreut, die für den Gesunden nicht erfreulich sind. Folglich folgt nicht, dass solche Genüsse wie diese zur Vollkommenheit der Seligkeit gehören, wie die Juden und Türken behaupten, und gewisse Häretiker, bekannt als die Chiliasten, versicherten; die überdies, gemäß der Lehre des Philosophen, einen ungesunden Appetit zu haben scheinen, da ihm zufolge nur geistige Genüsse schlechthin Genüsse sind und um ihrer selbst willen gesucht werden sollen: weshalb diese allein für die Seligkeit erforderlich sind.