Suppl., q. 82 a. 3
Ob die Leidensunfähigkeit die tatsächliche Sinnesempfindung aus den verklärten Leibern ausschließt?
Quaestio 82 · Von der Unleidensfähigkeit der Leiber der Seligen nach der Auferstehung.
Einwand 1: Es scheint, dass die Leidensunfähigkeit die tatsächliche Sinnesempfindung aus den verklärten Leibern ausschließt. Denn gemäß dem Philosophen (De Anima ii, 11) ist „Empfindung eine Art von Leiden“. Aber die verklärten Leiber werden leidensunfähig sein. Also werden sie keine tatsächliche Sinnesempfindung haben.
Einwand 2: Ferner geht die natürliche Veränderung der geistigen* Veränderung voraus, so wie das natürliche Sein dem intentionalen Sein vorausgeht. Nun werden die verklärten Leiber aufgrund ihrer Leidensunfähigkeit keiner natürlichen Veränderung unterworfen sein. [*„Animalem“, als ob es von „animus“ – dem Geist – abgeleitet wäre. Vgl. FS, Frage [50], Artikel [1], 3m; FS, Frage [52], Artikel [1], 3m.] Also werden sie nicht der geistigen Veränderung unterworfen sein, die für die Empfindung erforderlich ist.
Einwand 3: Ferner gibt es, wann immer eine tatsächliche Empfindung auf einer neuen Wahrnehmung beruht, ein neues Urteil. Aber in jenem Zustand wird es kein neues Urteil geben, weil „unsere Gedanken dann nicht unbeständig sein werden“, wie Augustinus sagt (De Trin. xv, 16). Also wird es keine tatsächliche Sinnesempfindung geben.
Einwand 4: Ferner, wenn der Akt einer der Seelenkräfte intensiv ist, sind die Akte der anderen Kräfte nachlässig. Nun wird die Seele im Akt der kontemplativen Kraft bei der Betrachtung Gottes höchst intensiv sein. Also wird die Seele überhaupt keine tatsächliche Sinnesempfindung haben.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Offb 1,7): „Jedes Auge wird Ihn sehen.“ Also wird es tatsächliche Sinnesempfindung geben.
Ferner unterscheidet sich gemäß dem Philosophen (De Anima i, 2) „das Beseelte vom Unbeseelten durch Empfindung und Bewegung“. Nun wird es dort tatsächliche Bewegung geben, da sie „hin und her laufen werden wie Funken im Schilf“ (Weish 3,7). Also wird es dort auch tatsächliche Sinnesempfindung geben.
Ich antworte darauf: Alle stimmen darin überein, dass es in den Leibern der Seligen irgendeine Empfindung gibt: sonst wäre das leibliche Leben der Heiligen nach der Auferstehung eher dem Schlaf als dem Wachen vergleichbar. Dies aber ziemt jener Vollkommenheit nicht, weil im Schlaf ein sinnbegabter Körper nicht im ultimativen Akt des Lebens ist, weshalb der Schlaf als halbes Leben beschrieben wird. [Dies sagt Aristoteles: „Die Guten und die Schlechten sind im Schlaf am wenigsten zu unterscheiden: daher sagt man, dass es für die Hälfte ihres Lebens keinen Unterschied zwischen den Glücklichen und den Unglücklichen gibt“ (Ethic. i, 13)]. Aber es gibt eine Meinungsverschiedenheit über die Art der Empfindung.
Denn einige sagen, dass die verklärten Leiber leidensunfähig sein werden und folglich „nicht empfänglich für Eindrücke von außen“ [vgl. Frage [74], Artikel [4], Dagegen spricht] und noch viel weniger als die Himmelskörper, weil sie tatsächliche Empfindungen haben werden, nicht durch das Empfangen von Spezies von sinnlichen Dingen, sondern durch die Aussendung von Spezies. Aber dies ist unmöglich, da in der Auferstehung die spezifische Natur im Menschen und in all seinen Teilen dieselbe bleiben wird. Nun ist es die Natur des Sinnes, eine passive Kraft zu sein, wie der Philosoph beweist (De Anima ii, Text 51, 54). Wenn also die Heiligen in der Auferstehung Empfindungen hätten, indem sie Spezies aussenden und nicht empfangen, wäre der Sinn in ihnen keine passive, sondern eine aktive Kraft, und so wäre er spezifisch nicht derselbe Sinn wie jetzt, sondern wäre irgendeine andere Kraft, die ihnen verliehen wurde; denn so wie Materie niemals Form wird, so wird eine passive Kraft niemals aktiv. Folglich sagen andere, dass die Sinne durch das Empfangen von Spezies aktualisiert werden, zwar nicht von äußeren sinnlichen Dingen, sondern durch einen Ausfluss von den höheren Kräften, so dass, wie jetzt die höheren Kräfte von den niederen empfangen, im Gegenteil dann die niederen Kräfte von den höheren empfangen werden. Aber diese Art des Empfangens führt nicht zu einer wirklichen Empfindung, weil jede passive Kraft gemäß ihrer spezifischen Natur auf ein spezielles aktives Prinzip festgelegt ist, da eine Kraft als solche eine Beziehung zu dem hat, in Bezug worauf sie Kraft genannt wird. Da nun das eigentliche aktive Prinzip in der äußeren Empfindung ein Ding ist, das außerhalb der Seele existiert, und nicht eine Intention desselben, die in der Einbildungskraft oder Vernunft existiert, wird es keine wahre Empfindung geben, wenn das Sinnesorgan nicht von äußeren Dingen bewegt wird, sondern von der Einbildungskraft oder anderen höheren Kräften. Daher sagen wir nicht, dass Wahnsinnige oder andere verstandlose Personen (in denen diese Art von Ausfluss von Spezies zu den Sinnesorganen aufgrund des mächtigen Einflusses der Einbildungskraft stattfindet) wirkliche Empfindungen haben, sondern dass es ihnen scheint, sie hätten Empfindungen. Folglich müssen wir mit anderen sagen, dass die Empfindung in verklärten Leibern aus dem Empfang von Dingen außerhalb der Seele resultieren wird. Es muss jedoch beachtet werden, dass die Sinnesorgane von Dingen außerhalb der Seele auf zwei Weisen verändert werden. Erstens durch eine natürliche Veränderung, wenn nämlich das Organ durch dieselbe natürliche Qualität disponiert wird wie das Ding außerhalb der Seele, das auf jenes Organ einwirkt: zum Beispiel, wenn die Hand durch Berühren eines heißen Objekts erhitzt wird oder durch Kontakt mit einem duftenden Objekt wohlriechend wird. Zweitens durch eine geistige Veränderung, wie wenn eine sinnliche Qualität in einem Instrument empfangen wird, gemäß einer geistigen Seinsweise, wenn nämlich die Spezies oder die Intention einer Qualität und nicht die Qualität selbst empfangen wird: so empfängt die Pupille die Spezies der Weiße und wird doch selbst nicht weiß. Dementsprechend verursacht das erste Empfangen keine Empfindung im eigentlichen Sinne, weil die Sinne empfänglich für Spezies in der Materie sind, aber ohne Materie, das heißt ohne das materielle „Sein“, das die Spezies außerhalb der Seele hatte (De Anima ii, Text 121). Dieses Empfangen verändert die Natur des Empfängers, weil auf diese Weise die Qualität gemäß ihrem materiellen „Sein“ empfangen wird. Folglich wird diese Art des Empfangens nicht in den verklärten Leibern sein, sondern die zweite, die aus sich selbst heraus tatsächliche Empfindung verursacht, ohne die Natur des Empfängers zu verändern.
Antwort auf Einwand 1: Wie bereits erklärt, wird der Leib durch dieses Leiden, das in der tatsächlichen Empfindung stattfindet und nichts anderes ist als das besagte Empfangen von Spezies, nicht von der natürlichen Qualität weggezogen, sondern durch eine geistige Veränderung vervollkommnet. Weshalb die Leidensunfähigkeit verklärter Leiber diese Art von Leiden nicht ausschließt.
Antwort auf Einwand 2: Jedes Subjekt des Leidens empfängt die Einwirkung des Agens gemäß seiner Weise. Wenn es dementsprechend ein Ding gibt, das von Natur aus geeignet ist, durch ein aktives Prinzip mit einer natürlichen und einer geistigen Veränderung verändert zu werden, geht die natürliche Veränderung der geistigen Veränderung voraus, so wie das natürliche Sein dem intentionalen Sein vorausgeht. Wenn jedoch ein Ding von Natur aus geeignet ist, nur mit einer geistigen Veränderung verändert zu werden, folgt daraus nicht, dass es natürlich verändert wird. Zum Beispiel ist die Luft nicht empfänglich für Farbe gemäß ihrem natürlichen Sein, sondern nur gemäß ihrem geistigen Sein, weshalb sie allein auf diese Weise verändert wird: wohingegen im Gegensatz dazu unbelebte Körper durch sinnliche Qualitäten nur natürlich und nicht geistig verändert werden. Aber in den verklärten Leibern kann es keine natürliche Veränderung geben, und folglich wird es nur geistige Veränderung geben.
Antwort auf Einwand 3: So wie es einen neuen Empfang von Spezies in den Sinnesorganen geben wird, so wird es ein neues Urteil im Gemeinsinn geben: aber es wird kein neues Urteil über den Punkt im Intellekt geben; so ist es der Fall bei einem, der sieht, was er zuvor wusste. Der Ausspruch von Augustinus, dass „dort unsere Gedanken nicht veränderlich sein werden“, bezieht sich auf die Gedanken des intellektuellen Teils: daher trifft er den Punkt nicht.
Antwort auf Einwand 4: Wenn eines von zwei Dingen das Abbild des anderen ist, hindert oder mindert die Aufmerksamkeit der Seele auf das eine nicht ihre Aufmerksamkeit auf das andere: so ist ein Arzt, während er den Urin betrachtet, nicht weniger, sondern mehr fähig, die Regeln seiner Kunst bezüglich der Farben des Urins im Gedächtnis zu behalten. Und da Gott von den Heiligen als das Urbild aller Dinge erkannt wird, die von ihnen getan oder gewusst werden, wird ihre Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung von Sinnlichem oder auf das Betrachten oder Tun von irgendetwas anderem ihre Betrachtung Gottes in keiner Weise hindern, noch umgekehrt. Oder wir können sagen, dass der Grund, warum eine Kraft in ihrem Akt gehindert wird, wenn eine andere Kraft intensiv beschäftigt ist, darin liegt, dass eine Kraft allein nicht für eine so intensive Operation ausreicht, es sei denn, sie wird unterstützt, indem sie vom Lebensprinzip den Zufluss empfängt, den die anderen Kräfte oder Glieder empfangen sollten. Und da in den Heiligen alle Kräfte höchst vollkommen sein werden, wird eine fähig sein, intensiv zu operieren, ohne dadurch die Operation einer anderen Kraft zu hindern, so wie es bei Christus war.