Suppl., q. 81 a. 2
Ob alle in der gleichen Statur auferstehen werden?
Quaestio 81 · Von der Beschaffenheit der Auferstehenden
Einwand 1: Es scheint, dass alle in der gleichen Statur auferstehen werden. Denn wie der Mensch durch die ausgedehnte Quantität gemessen wird, so wird er auch durch die Quantität der Zeit gemessen. Nun wird die Quantität der Zeit bei allen auf das gleiche Maß zurückgeführt werden, da alle im gleichen Alter auferstehen werden. Also wird auch die ausgedehnte Quantität bei allen auf das gleiche Maß zurückgeführt werden, so dass alle in der gleichen Statur auferstehen werden.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (De Anima ii, 4), dass „alle Dinge in der Natur eine bestimmte Grenze und ein Maß für Größe und Wachstum haben.“ Diese Begrenzung kann aber nur aufgrund der Form entstehen, mit der die Quantität sowie alle anderen Akzidenzien übereinstimmen müssen. Da also alle Menschen die gleiche spezifische Form haben, sollte es bei allen das gleiche Maß an Quantität in Bezug auf die Materie geben, es sei denn, es tritt ein Fehler auf. Aber der Fehler der Natur wird bei der Auferstehung behoben werden. Also werden alle in der gleichen Statur auferstehen.
Einwand 3: Ferner wird es für den Menschen unmöglich sein, bei der Auferstehung eine Quantität zu haben, die der natürlichen Kraft entspricht, die seinen Körper zuerst geformt hat; denn sonst würden jene, die durch die Kraft der Natur nicht zu einer größeren Quantität gebracht werden konnten, niemals in einer größeren Quantität auferstehen, was falsch ist. Deshalb muss jene Quantität notwendigerweise der Kraft entsprechen, die den menschlichen Körper durch die Auferstehung wiederherstellen wird, und der Materie, aus der er wiederhergestellt wird. Nun wird dieselbe, nämlich die göttliche Kraft, alle Körper wiederherstellen; und alle Asche, aus der die menschlichen Körper wiederhergestellt werden, ist gleichermaßen disponiert, die Wirkung dieser Kraft zu empfangen. Deshalb wird die Auferstehung aller Menschen sie zur gleichen Quantität bringen: und so folgt die gleiche Schlussfolgerung.
Dagegen spricht, dass die natürliche Quantität aus der Natur jedes Einzelnen resultiert. Nun wird die Natur des Einzelnen bei der Auferstehung nicht verändert werden. Also auch nicht ihre natürliche Quantität. Aber nicht alle haben die gleiche natürliche Quantität. Also werden nicht alle in der gleichen Statur auferstehen.
Ferner wird die menschliche Natur durch die Auferstehung zur Herrlichkeit oder zur Strafe wiederhergestellt. Aber es wird nicht bei allen, die auferstehen, das gleiche Maß an Herrlichkeit oder Strafe geben. Also wird es auch nicht das gleiche Maß an Statur geben.
Ich antworte darauf, dass bei der Auferstehung die menschliche Natur nicht nur in derselben Spezies, sondern auch im selben Individuum wiederhergestellt wird: und folglich müssen wir bei der Auferstehung beachten, was nicht nur für die spezifische, sondern auch für die individuelle Natur erforderlich ist. Nun hat die spezifische Natur eine bestimmte Quantität, die sie ohne Fehler weder überschreitet noch unterschreitet, und doch hat diese Quantität gewisse Grade an Spielraum und ist nicht an ein festes Maß gebunden; und jedes Individuum in der menschlichen Spezies strebt nach einem gewissen Grad an Quantität, der seiner individuellen Natur innerhalb der Grenzen dieses Spielraums angemessen ist, und erreicht ihn am Ende seines Wachstums, wenn kein Fehler im Wirken der Natur aufgetreten ist, der zur Hinzufügung oder Wegnahme von etwas von der besagten Quantität geführt hat: deren Maß wird nach dem Verhältnis der Wärme als ausdehnender Kraft und der Feuchtigkeit als ausdehnbarem Stoff bemessen, worin nicht alle die gleiche Kraft haben. Deshalb werden nicht alle in der gleichen Quantität auferstehen, sondern jeder wird in jener Quantität auferstehen, die am Ende seines Wachstums die seine gewesen wäre, wenn die Natur nicht geirrt oder versagt hätte: und die göttliche Kraft wird wegnehmen oder hinzufügen, was im Menschen übermäßig war oder fehlte.
Antwort auf Einwand 1: Es wurde bereits erklärt (Artikel 1, ad 2), dass man sagt, alle würden im gleichen Alter auferstehen, nicht als ob die gleiche Zeitdauer für jeden passend wäre, sondern weil der gleiche Zustand der Vollkommenheit in allen sein wird, welcher Zustand gegenüber einer großen oder kleinen Quantität gleichgültig ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Quantität eines bestimmten Individuums entspricht nicht nur der Form der Spezies, sondern auch der Natur oder Materie des Individuums: weshalb die Schlussfolgerung nicht folgt.
Antwort auf Einwand 3: Die Quantität derer, die von den Toten auferweckt werden, ist nicht proportional zur wiederherstellenden Kraft, weil letztere nicht zur Kraft des Körpers gehört – noch zur Asche, hinsichtlich des Zustands, in dem sie vor der Auferstehung ist –, sondern zur Natur, die das Individuum zuerst hatte. Wenn jedoch die bildende Kraft aufgrund irgendeines Mangels nicht in der Lage war, die der Spezies angemessene Quantität zu bewirken, wird die göttliche Kraft den Mangel bei der Auferstehung beheben, wie bei Zwergen, und in gleicher Weise bei jenen, die durch unmäßigen Wuchs die gebührenden Grenzen der Natur überschritten haben.