Suppl., q. 66 a. 1
Ob der Bigamie Irregularität anhaftet?
Quaestio 66 · Von der Bigamie und der dadurch zugezogenen Irregularität
Einwand 1: Es scheint, dass der Bigamie, die darin besteht, nacheinander zwei Frauen zu haben, keine Irregularität anhaftet. Denn Vielheit und Einheit folgen auf das Sein. Da nun das Nicht-Sein keine Mehrheit verursacht, wird ein Mann, der nacheinander zwei Frauen hat – die eine im Sein, die andere im Nicht-Sein –, dadurch nicht zum Ehemann von mehr als einer Frau, so dass er gemäß dem Apostel (1 Tim 3,2; Tit 1,6) vom Bischofsamt ausgeschlossen wäre.
Einwand 2: Ferner legt ein Mann, der mit mehreren Frauen Unzucht treibt, mehr Zeugnis von Inkontinenz ab als einer, der nacheinander mehrere Ehefrauen hat. Doch im ersten Fall wird der Mann nicht irregulär. Also sollte er auch im zweiten Fall nicht irregulär werden.
Einwand 3: Ferner, wenn Bigamie Irregularität verursacht, dann entweder wegen des Sakraments oder wegen des fleischlichen Verkehrs. Nun geschieht dies nicht wegen des Ersteren; denn wenn ein Mann eine Ehe durch Worte der Gegenwart geschlossen hätte und er, nachdem seine Frau vor dem Vollzug der Ehe gestorben wäre, eine andere heiratete, würde er irregulär werden, was gegen das Dekret von Innozenz III. verstößt (cap. Dubium, De bigamia). Auch geschieht es nicht wegen des Zweiten; denn dann würde ein Mann, der mit mehreren Frauen Unzucht getrieben hat, irregulär werden: was falsch ist. Also verursacht Bigamie in keiner Weise Irregularität.
Ich antworte darauf: Durch das Weihesakrament wird der Mensch zum Dienst der Sakramente bestellt; und wer anderen die Sakramente spenden soll, darf an keinem Mangel in den Sakramenten leiden. Nun liegt ein Mangel in einem Sakrament vor, wenn die ganze Bezeichnung [significatio] des Sakraments darin nicht gefunden wird. Das Sakrament der Ehe aber bezeichnet die Verbindung Christi mit der Kirche, welche die Verbindung eines Einzigen mit einer Einzigen ist. Daher erfordert die vollkommene Bezeichnung des Sakraments, dass der Ehemann nur eine Frau und die Frau nur einen Ehemann hat; und folglich verursacht die Bigamie, die dies aufhebt, Irregularität. Es gibt vier Arten der Bigamie: Die erste ist, wenn ein Mann nacheinander mehrere rechtmäßige Frauen hat; die zweite, wenn ein Mann mehrere Frauen zugleich hat, eine dem Rechte nach, die andere der Tat nach; die dritte, wenn er mehrere nacheinander hat, eine dem Rechte nach, die andere der Tat nach; die vierte, wenn ein Mann eine Witwe heiratet. Dementsprechend haftet all diesen Fällen Irregularität an.
Es wird noch ein weiterer, daraus folgender Grund angegeben: Da jene, die das Weihesakrament empfangen, sich durch höchste Spiritualität auszeichnen sollten – sowohl weil sie geistliche Dinge verwalten, nämlich die Sakramente, als auch weil sie geistliche Dinge lehren und mit geistlichen Angelegenheiten beschäftigt sein sollen. Da nun die Begierlichkeit am meisten unvereinbar mit der Spiritualität ist, insofern sie den Menschen ganz fleischlich macht, sollten sie kein Zeichen beharrlicher Begierlichkeit geben, welche sich in der Tat bei bigamistischen Personen zeigt, da sie nicht willens waren, sich mit einer Frau zu begnügen. Der erste Grund ist jedoch der bessere.
Antwort auf Einwand 1: Die Vielheit mehrerer Frauen zur gleichen Zeit ist eine Vielheit schlechthin, weshalb eine solche Vielheit gänzlich unvereinbar mit der Bezeichnung des Sakraments ist, so dass das Sakrament deswegen nichtig wird. Aber die Vielheit mehrerer aufeinanderfolgender Frauen ist eine Vielheit beziehungsweise [secundum quid], weshalb sie die Bezeichnung des Sakraments nicht gänzlich zerstört und das Sakrament nicht in seinem Wesen nichtig macht, sondern in seiner Vollkommenheit, die von jenen verlangt wird, die Spender der Sakramente sind.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl jene, die der Unzucht schuldig sind, einen Beweis größerer Begierlichkeit liefern, ist ihre Begierlichkeit keine so beharrliche, da durch Unzucht der eine Teil nicht für immer an den anderen gebunden ist; und folglich haftet dem Sakrament kein Mangel an.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt, verursacht Bigamie Irregularität, weil sie die vollkommene Bezeichnung des Sakraments zerstört: Diese Bezeichnung liegt sowohl in der Vereinigung der Geister, wie sie durch den Konsens ausgedrückt wird, als auch in der Vereinigung der Leiber. Daher muss die Bigamie beide zugleich betreffen, um Irregularität zu verursachen. Daher erledigt das Dekret von Innozenz III. die Aussage des Magisters (Sent. IV, D. 27), nämlich dass der Konsens allein durch Worte der Gegenwart ausreiche, um Irregularität zu verursachen.