Suppl., q. 54 a. 1
Ob die Blutsverwandtschaft richtig definiert wird?
Quaestio 54 · Vom Hindernis der Blutsverwandtschaft
Einwand 1: Es scheint, dass die Blutsverwandtschaft von einigen unpassend wie folgt definiert wird: "Blutsverwandtschaft ist das Band, das zwischen Personen geschlossen wird, die durch fleischliche Zeugung von demselben gemeinsamen Stammvater abstammen." Denn alle Menschen stammen durch fleischliche Zeugung von demselben gemeinsamen Stammvater ab, nämlich Adam. Wäre also die obige Definition der Blutsverwandtschaft richtig, wären alle Menschen blutsverwandt, was falsch ist.
Einwand 2: Ferner besteht ein Band nur zwischen Dingen, die übereinstimmen, da ein Band vereint. Nun gibt es keine größere Übereinstimmung zwischen Personen, die von einem gemeinsamen Stammvater abstammen, als zwischen anderen Menschen, da sie in der Art übereinstimmen, aber in der Zahl verschieden sind, genau wie andere Menschen. Also ist Blutsverwandtschaft kein Band.
Einwand 3: Ferner wird die fleischliche Zeugung nach dem Philosophen (De Gener. Anim. ii, 19) aus der überschüssigen Nahrung bewirkt [*Vgl. FP, Frage [119], Artikel [2]]. Nun hat dieser Überschuss mehr gemein mit dem, was gegessen wird (da er in der Substanz damit übereinstimmt), als mit dem, der isst. Da also kein Band der Blutsverwandtschaft zwischen dem aus dem Samen Geborenen und dem entsteht, was er isst, wird auch kein Band der Verwandtschaft zwischen ihm und der Person entstehen, von der er durch fleischliche Zeugung geboren ist.
Einwand 4: Ferner sagte Laban zu Jakob (Gen 29,14): "Du bist mein Bein und mein Fleisch", wegen der Verwandtschaft zwischen ihnen. Daher sollte eine solche Verwandtschaft eher Fleischverwandtschaft als Blutsverwandtschaft [consanguinitas] genannt werden.
Einwand 5: Ferner ist die fleischliche Zeugung Menschen und Tieren gemeinsam. Aber unter Tieren wird durch fleischliche Zeugung kein Band der Blutsverwandtschaft geschlossen. Also auch nicht unter Menschen.
Ich antworte darauf, dass nach dem Philosophen (Ethic. viii, 11, 12) "alle Freundschaft auf irgendeiner Art von Gemeinschaft beruht". Und da Freundschaft eine Verknüpfung oder Vereinigung ist, folgt daraus, dass die Gemeinschaft, die die Ursache der Freundschaft ist, "ein Band" genannt wird. Daher werden in Bezug auf jede Art von Gemeinschaft bestimmte Personen so bezeichnet, als wären sie zusammengebunden: so sprechen wir von Mitbürgern, die durch ein gemeinsames politisches Leben verbunden sind, von Mitsoldaten, die durch das gemeinsame Geschäft des Kriegsdienstes verbunden sind, und in gleicher Weise sagt man von denen, die durch die Gemeinschaft der Natur verbunden sind, dass sie blutsverwandt [consanguinei] sind. Daher ist in der obigen Definition das "Band" als die Gattung der Blutsverwandtschaft enthalten; die "Personen, die von demselben gemeinsamen Stammvater abstammen", die so zusammengebunden sind, sind das Subjekt dieses Bandes, während die "fleischliche Zeugung" als dessen Ursprung erwähnt wird.
Antwort auf Einwand 1: Eine wirkende Kraft wird in einem Werkzeug nicht im gleichen Grad der Vollkommenheit empfangen, wie sie im Hauptwirkenden ist. Und da jeder bewegte Beweger ein Werkzeug ist, folgt daraus, dass die Kraft des ersten Bewegers in einer bestimmten Gattung, wenn sie durch viele mittlere Beweger hindurchgezogen wird, schließlich versagt und etwas erreicht, das bewegt wird und kein Beweger ist. Aber die Kraft eines Erzeugers bewegt nicht nur hinsichtlich dessen, was zur Art gehört, sondern auch hinsichtlich dessen, was zum Individuum gehört, weshalb das Kind dem Elternteil sogar in den Akzidenzien und nicht nur in der spezifischen Natur gleicht. Und doch ist diese individuelle Kraft des Vaters im Sohn nicht so vollkommen, wie sie im Vater war, und noch weniger im Enkel, und so nimmt sie immer weiter ab: so dass sie schließlich aufhört und nicht weitergehen kann. Da also die Blutsverwandtschaft daraus resultiert, dass diese Kraft vielen mitgeteilt wird, indem sie durch Zeugung von einer Person auf sie übertragen wird, verliert sie sich nach und nach, wie Isidor sagt (Etym. ix). Folglich dürfen wir bei der Definition der Blutsverwandtschaft nicht einen entfernten gemeinsamen Stammvater nehmen, sondern den nächsten, dessen Kraft noch in denen verbleibt, die von ihm abstammen.
Antwort auf Einwand 2: Aus dem Gesagten ist klar, dass Blutsverwandte nicht nur in der spezifischen Natur übereinstimmen, sondern auch in jener dem Individuum eigentümlichen Kraft, die von einem auf viele übertragen wird: mit dem Ergebnis, dass das Kind manchmal nicht nur seinem Vater gleicht, sondern auch seinem Großvater oder seinen entfernten Vorfahren (De Gener. Anim. iv, 3).
Antwort auf Einwand 3: Ähnlichkeit hängt mehr von der Form ab, durch die ein Ding aktuell ist, als von der Materie, durch die ein Ding potentiell ist: zum Beispiel hat Holzkohle mehr gemein mit Feuer als mit dem Baum, von dem das Holz geschnitten wurde. In gleicher Weise hat Nahrung, die bereits durch die nutritive Kraft in die Substanz der genährten Person umgewandelt wurde, mehr gemein mit dem genährten Subjekt als mit dem, woraus die Nahrung genommen wurde. Das Argument würde jedoch nach der Meinung derer gelten, die behaupteten, dass die ganze Natur eines Dinges aus seiner Materie stammt und dass alle Formen Akzidenzien sind: was falsch ist.
Antwort auf Einwand 4: Es ist das Blut, das unmittelbar in den Samen verwandelt wird, wie in De Gener. Anim. i, 18 bewiesen wird. Daher wird das durch fleischliche Zeugung geschlossene Band passender Blutsverwandtschaft als Fleischverwandtschaft genannt. Dass manchmal ein Verwandter das Fleisch eines anderen genannt wird, liegt daran, dass das Blut, das in den Samen des Mannes oder in die Monatsblutung verwandelt wird, potentiell Fleisch und Bein ist.
Antwort auf Einwand 5: Einige sagen, der Grund, warum das Band der Blutsverwandtschaft unter Menschen durch fleischliche Zeugung geschlossen wird und nicht unter anderen Tieren, sei, dass alles, was zur Wahrheit der menschlichen Natur in allen Menschen gehört, in unserem ersten Elternteil war: was auf andere Tiere nicht zutrifft. Aber demnach würde die eheliche Blutsverwandtschaft niemals enden. Jedoch wurde die obige Theorie im zweiten Buch widerlegt (Sent. ii, D, 30: FP, Frage [119], Artikel [1]). Daher müssen wir antworten, dass der Grund hierfür darin liegt, dass Tiere nicht in der Vereinigung der Freundschaft durch die Zeugung vieler von einem nächsten Elternteil verbunden sind, wie es bei Menschen der Fall ist, wie oben dargelegt.