Suppl., q. 52 a. 4
Ob die Kinder dem Stand ihres Vaters folgen sollten?
Quaestio 52 · Vom Hindernis des Sklavenstandes
Einwand 1: Es scheint, dass die Kinder dem Stand ihres Vaters folgen sollten. Denn die Herrschaft gehört denen von höherem Rang. Nun steht bei der Zeugung der Vater im Rang über der Mutter. Also usw.
Einwand 2: Ferner hängt das Sein eines Dinges mehr von der Form ab als von der Materie. Nun gibt bei der Zeugung der Vater die Form und die Mutter die Materie (De Gener. Animal. ii, 4). Daher sollte das Kind eher dem Stand des Vaters folgen als dem der Mutter.
Einwand 3: Ferner sollte ein Ding hauptsächlich dem folgen, dem es am ähnlichsten ist. Nun ist der Sohn dem Vater ähnlicher als der Mutter, so wie die Tochter der Mutter ähnlicher ist. Daher sollte zumindest der Sohn vorzugsweise dem Vater folgen und die Tochter der Mutter.
Einwand 4: Ferner werden in der Heiligen Schrift die Genealogien nicht über die Frauen, sondern über die Männer zurückverfolgt. Daher folgen die Kinder eher dem Vater als der Mutter.
Dagegen spricht: Wenn ein Mann auf dem Land eines anderen sät, gehört der Ertrag dem Eigentümer des Landes. Nun ist der Schoß der Frau im Verhältnis zum Samen des Mannes wie das Land im Verhältnis zum Sämann. Also usw.
Ferner beobachten wir, dass bei Tieren, die von verschiedenen Arten geboren werden, die Nachkommenschaft eher der Mutter folgt als dem Vater, weshalb Maultiere, die von einer Stute und einem Esel geboren werden, den Stuten ähnlicher sind als jene, die von einer Eselin und einem Pferd geboren werden. Daher sollte es bei den Menschen ebenso sein.
Ich antworte darauf, dass gemäß dem Zivilrecht (XIX, ff. De statu hom. vii, cap. De rei vendit.) die Nachkommenschaft dem Schoß folgt (partus sequitur ventrem): und dies ist vernünftig, da die Nachkommenschaft ihre formale Ergänzung vom Vater erhält, aber die Substanz des Körpers von der Mutter. Nun ist die Sklaverei ein Zustand des Körpers, da ein Sklave für den Herrn eine Art Werkzeug beim Arbeiten ist; weshalb die Kinder der Mutter in Freiheit und Knechtschaft folgen; wohingegen sie in Angelegenheiten, die zur Würde gehören, da diese von der Form eines Dinges ausgeht, dem Vater folgen, zum Beispiel in Ehren, Bürgerrechten, Erbschaft und so weiter. Die Kanones stimmen hiermit überein (cap. Liberi, 32, qu. iv, in gloss.: cap. Inducens, De natis ex libero ventre) wie auch das Gesetz des Moses (Ex 21).
In einigen Ländern jedoch, wo das Zivilrecht nicht gilt, folgt die Nachkommenschaft dem niedrigeren Stand, sodass, wenn der Vater ein Sklave ist, die Kinder Sklaven sein werden, obwohl die Mutter frei ist; aber nicht, wenn der Vater sich nach seiner Heirat und ohne die Zustimmung seiner Frau als Sklave hingab; und dasselbe gilt, wenn der Fall umgekehrt liegt. Und wenn beide von knechtischem Stand sind und verschiedenen Herren gehören, werden die Kinder, wenn es mehrere sind, unter letzteren aufgeteilt, oder wenn nur eines da ist, wird der eine Herr den anderen im Wert entschädigen und das so geborene Kind als seinen Sklaven nehmen. Jedoch ist es unglaublich, dass dieser Brauch so viel Vernunft für sich hat wie die Entscheidung der altehrwürdigen Beratungen vieler weiser Männer. Überdies ist es in natürlichen Dingen die Regel, dass das Empfangene im Empfänger gemäß der Weise des Empfängers ist und nicht gemäß der Weise des Gebers; weshalb es vernünftig ist, dass der von der Mutter empfangene Samen zu ihrem Stand gezogen wird.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl der Vater ein edleres Prinzip ist als die Mutter, stellt die Mutter dennoch die Substanz des Körpers bereit, und an diese heftet sich der Stand der Sklaverei.
Antwort auf Einwand 2: Was die Dinge betrifft, die zur spezifischen Natur gehören, ist der Sohn eher dem Vater ähnlich als der Mutter, aber in materiellen Bedingungen sollte er eher der Mutter ähnlich sein als dem Vater, da ein Ding sein spezifisches Sein von seiner Form hat, aber die materiellen Bedingungen von der Materie.
Antwort auf Einwand 3: Der Sohn ist dem Vater ähnlich in Bezug auf die Form, welche seine und auch des Vaters Ergänzung ist. Daher trifft das Argument nicht den Punkt.
Antwort auf Einwand 4: Weil der Sohn die Ehre eher von seinem Vater als von seiner Mutter ableitet, werden die Kinder in den Genealogien der Schrift und nach allgemeinem Brauch eher nach ihrem Vater benannt als nach ihrer Mutter. Aber in Angelegenheiten, die sich auf die Sklaverei beziehen, folgen sie vorzugsweise der Mutter.