Suppl., q. 47 a. 2
Kann ein standhafter Mann durch Furcht gezwungen werden?
Quaestio 47 · Von der erzwungenen und bedingten Zustimmung
Einwand 1: Es scheint, dass „ein standhafter Mann“ [*Cap. Ad audientiam, De his quae vi.] nicht durch Furcht gezwungen werden kann. Denn es liegt in der Natur eines standhaften Mannes, inmitten von Gefahren nicht erschüttert zu werden. Da nun Furcht „Erschütterung des Gemüts, hervorgerufen durch drohende Gefahr“ ist, scheint es, dass er nicht durch Furcht gezwungen wird.
Einwand 2: Ferner ist „von allen furchtbaren Dingen der Tod das Äußerste“, so der Philosoph (Ethik iii, 6), als wäre er das Vollkommenste aller Dinge, die Furcht einflößen. Aber der standhafte Mann wird nicht durch den Tod gezwungen, da die Tapferen sogar tödlichen Gefahren ins Auge sehen. Also beeinflusst keine Furcht einen standhaften Mann.
Einwand 3: Ferner fürchtet ein guter Mann von allen Gefahren am meisten jene, die seinen guten Ruf betrifft. Aber die Furcht vor Schande wird nicht dazu gerechnet, einen standhaften Mann zu beeinflussen, denn laut Gesetz (vii, ff, de eo quod metus, etc.) ist „Furcht vor Schande nicht unter der Bestimmung enthalten: ‚Was aus Furcht geschieht‘“ [*Dig. iv, 2, Quod metus causa]. Also beeinflusst auch keine andere Art von Furcht einen standhaften Mann.
Einwand 4: Ferner hinterlässt die Furcht in dem, der durch sie gezwungen wird, eine Sünde, denn sie bringt ihn dazu, etwas zu versprechen, was er nicht erfüllen will, und so bringt sie ihn zum Lügen. Aber ein standhafter Mann begeht keine Sünde, nicht einmal eine sehr leichte, aus Furcht. Also beeinflusst keine Furcht einen standhaften Mann.
Dagegen spricht, dass Abraham und Isaak standhaft waren. Dennoch wurden sie von Furcht beeinflusst, da jeder aus Furcht sagte, seine Frau sei seine Schwester (Gen 12,12; 26,7).
Ferner, wo immer gemischte Gewalt vorliegt, ist es die Furcht, die zwingt. Aber wie standhaft ein Mann auch sein mag, er kann Gewalt dieser Art erleiden; denn wenn er auf dem Meer ist, wird er seine Ware über Bord werfen, wenn Schiffbruch droht. Also kann Furcht einen standhaften Mann beeinflussen.
Ich antworte darauf, Dass Furcht auf einen Menschen einwirkt, bedeutet, dass er durch Furcht gezwungen wird. Ein Mensch wird durch Furcht gezwungen, wenn er das tut, was er sonst nicht tun wollte, um das zu vermeiden, was er fürchtet. Nun unterscheidet sich der Standhafte vom Unbeständigen in zweierlei Hinsicht. Erstens hinsichtlich der Qualität der gefürchteten Gefahr, weil der standhafte Mann der rechten Vernunft folgt, wodurch er weiß, ob er eher dies als jenes unterlassen und ob er eher dies als jenes tun soll. Nun ist das geringere Übel oder das größere Gut immer vorzuziehen; und daher wird der standhafte Mann gezwungen, das geringere Übel aus Furcht vor dem größeren Übel zu ertragen, aber er wird nicht gezwungen, das größere Übel zu ertragen, um das geringere zu vermeiden. Der unbeständige Mann aber wird gezwungen, das größere Übel aus Furcht vor einem geringeren Übel zu ertragen, nämlich Sünde zu begehen aus Furcht vor körperlichem Leid; wohingegen im Gegenteil der halsstarrige Mann nicht einmal gezwungen werden kann, ein geringeres Übel zuzulassen oder zu tun, um ein größeres zu vermeiden. Daher ist der standhafte Mann eine Mitte zwischen dem Unbeständigen und dem Halsstarrigen. Zweitens unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer Einschätzung des drohenden Übels, denn ein standhafter Mann wird nur aus schwerwiegenden und wahrscheinlichen Gründen gezwungen, während der unbeständige Mann durch geringfügige Motive gezwungen wird: „Der Gottlose flieht, auch wenn niemand ihn verfolgt“ (Spr 28,1).
Antwort auf Einwand 1: Der standhafte Mann ist, wie der Tapfere, furchtlos, wie der Philosoph feststellt (Ethik iii, 4), nicht dass er gänzlich ohne Furcht wäre, sondern weil er nicht fürchtet, was er nicht fürchten soll, oder wo oder wann er nicht fürchten soll.
Antwort auf Einwand 2: Die Sünde ist das größte der Übel, und folglich kann ein standhafter Mann keinesfalls zur Sünde gezwungen werden; vielmehr sollte ein Mann eher sterben, als dergleichen zu erleiden, wie wiederum der Philosoph sagt (Ethik iii, 6,9). Doch sind gewisse körperliche Verletzungen weniger schwerwiegend als gewisse andere; und die wichtigsten unter ihnen sind jene, die sich auf die Person beziehen, wie Tod, Schläge, der Makel, der aus Notzucht resultiert, und Sklaverei. Weshalb dergleichen einen standhaften Mann zwingt, andere körperliche Verletzungen zu erleiden. Sie sind in dem Vers enthalten: „Notzucht, Statusverlust, Schläge und Tod.“ Auch spielt es keine Rolle, ob sie sich auf seine eigene Person oder auf die Person seiner Frau oder Kinder oder dergleichen beziehen.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl Schande eine größere Verletzung ist, ist es leicht, ihr abzuhelfen. Daher wird nach dem Gesetz nicht gerechnet, dass Furcht vor Schande einen standhaften Mann beeinflusst.
Antwort auf Einwand 4: Der standhafte Mann wird nicht zum Lügen gezwungen, weil er zu dem Zeitpunkt geben will; doch danach will er um Rückerstattung bitten oder zumindest den Richter anrufen, wenn er versprochen hat, nicht um Rückerstattung zu bitten. Aber er kann nicht versprechen, nicht zu appellieren, denn da dies gegen das Gut der Gerechtigkeit ist, kann er nicht dazu gezwungen werden, nämlich gegen die Gerechtigkeit zu handeln.