Suppl., q. 36 a. 3
Ob ein Mensch die Weihegrade durch das Verdienst seines Lebens erlangt?
Quaestio 36 · Von den Eigenschaften, die für jene erforderlich sind, die dieses Sakrament empfangen.
Einwand 1: Es scheint, dass ein Mensch die Weihegrade durch das bloße Verdienst seines Lebens erlangt. Denn gemäß Chrysostomus „ist nicht jeder Priester ein Heiliger, aber jeder Heilige ist ein Priester.“ Nun wird ein Mensch durch das Verdienst seines Lebens ein Heiliger. Folglich wird er dadurch auch Priester, und „a fortiori“ hat er die anderen Weihen.
Einwand 2: Ferner erlangen in den natürlichen Dingen Menschen einen höheren Grad allein durch die Tatsache, dass sie Gott nahe sind und einen größeren Anteil an Seinen Gunsterweisen haben, wie Dionysius sagt (Eccl. Hier. iv). Nun nähert sich ein Mensch durch das Verdienst der Heiligkeit und des Wissens Gott mehr und empfängt mehr von Seinen Gunsterweisen. Also wird er allein dadurch zum Grad der Weihen erhoben.
Dagegen spricht: Einmal besessene Heiligkeit kann verloren gehen. Aber wenn ein Mensch einmal geweiht ist, verliert er niemals seine Weihe. Also besteht die Weihe nicht im bloßen Verdienst der Heiligkeit.
Ich antworte darauf: Eine Ursache sollte ihrer Wirkung angemessen sein. Und folglich, wie in Christus, von Dem die Gnade auf alle Menschen herabkommt, die Fülle der Gnade sein muss; so resultiert in den Dienern der Kirche, denen es zukommt, nicht Gnade zu geben, sondern die Sakramente der Gnade zu geben, der Weihegrad nicht daraus, dass sie Gnade haben, sondern daraus, dass sie an einem Sakrament der Gnade teilhaben.
Antwort auf Einwand 1: Chrysostomus spricht vom Priester in Bezug auf den Grund, aus dem er so genannt wird, da das Wort „sacerdos“ Spender heiliger Dinge [sacra dans] bedeutet: denn in diesem Sinne kann jeder gerechte Mensch, insofern er anderen durch die Sakramente beisteht, ein Priester genannt werden. Aber er spricht nicht gemäß der eigentlichen Bedeutung der Worte; denn dieses Wort „sacerdos“ [Priester] wird verwendet, um einen zu bezeichnen, der heilige Dinge gibt, indem er die Sakramente spendet.
Antwort auf Einwand 2: Natürliche Dinge erwerben einen Grad der Überlegenheit über andere aus der Tatsache, dass sie fähig sind, kraft ihrer Form auf sie einzuwirken; daher erlangen sie allein aus der Tatsache, dass sie eine höhere Form haben, einen höheren Grad. Aber die Diener der Kirche sind über andere gesetzt, nicht um ihnen kraft ihrer eigenen Heiligkeit etwas zu verleihen (denn dies kommt Gott allein zu), sondern als Diener und gleichsam als Werkzeuge des Ausströmens vom Haupt zu den Gliedern. Daher hinkt der Vergleich bezüglich der Würde der Weihe, wenngleich er hinsichtlich der Angemessenheit zutrifft.