II-II, q. 60 a. 4
Ob Zweifel zum Besten ausgelegt werden sollten?
Quaestio 60 · Vom Gericht
1. Einwand: Es scheint, dass Zweifel nicht zum Besten ausgelegt werden sollten. Denn wir sollten von dem urteilen, was meistens geschieht. Es geschieht aber meistens, dass Böses getan wird, da „die Zahl der Toren unendlich ist“ (Pred 1,15), „denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist zum Bösen geneigt von seiner Jugend an“ (Gen 8,21). Also sollten Zweifel eher zum Schlechtesten als zum Besten ausgelegt werden.
2. Einwand: Ferner sagt Augustinus (De Doctr. Christ. i, 27), dass „derjenige ein frommes und gerechtes Leben führt, der gesund ist in seiner Einschätzung der Dinge und sich weder auf diese noch auf jene Seite wendet.“ Wer nun einen zweifelhaften Punkt zum Besten auslegt, wendet sich auf eine Seite. Also sollte dies nicht getan werden.
3. Einwand: Ferner soll der Mensch seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Nun sollte ein Mensch in Bezug auf sich selbst zweifelhafte Angelegenheiten zum Schlechtesten auslegen, gemäß Ijob 9,28: „Ich fürchtete alle meine Werke.“ Also scheint es, dass zweifelhafte Angelegenheiten, die den Nächsten betreffen, zum Schlechtesten ausgelegt werden sollten.
Dagegen spricht, dass eine Glosse zu Röm 14,3: „Wer nicht isst, der richte den nicht, der isst“, sagt: „Zweifel sollten im besten Sinne ausgelegt werden.“
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt (Artikel [3], ad 2), verletzt und verachtet ein Mensch einen anderen allein schon dadurch, dass er ohne hinreichenden Grund schlecht von ihm denkt. Nun darf kein Mensch einen anderen Menschen ohne dringenden Grund verachten oder ihm in irgendeiner Weise Unrecht tun: und folglich, solange wir keine offensichtlichen Anzeichen für die Bosheit einer Person haben, müssen wir sie für gut halten, indem wir alles Zweifelhafte an ihr zum Besten auslegen.
Antwort auf den 1. Einwand: Wer zweifelhafte Angelegenheiten zum Besten auslegt, mag sich öfter täuschen als nicht; doch ist es besser, sich häufig zu irren, indem man gut von einem bösen Menschen denkt, als sich weniger häufig zu irren, indem man eine schlechte Meinung von einem guten Menschen hat, weil im letzteren Fall ein Unrecht zugefügt wird, im ersteren aber nicht.
Antwort auf den 2. Einwand: Es ist eine Sache, über Dinge zu urteilen, und eine andere, über Menschen zu urteilen. Denn wenn wir über Dinge urteilen, geht es nicht um das Gute oder Böse der Sache, über die wir urteilen, da sie keinen Schaden nimmt, egal welches Urteil wir über sie bilden; sondern es geht um das Gute dessen, der urteilt, wenn er wahr urteilt, und um sein Übel, wenn er falsch urteilt, weil „das Wahre das Gut des Intellekts ist und das Falsche sein Übel“, wie in Ethic. vi, 2 gesagt wird, weshalb jeder danach streben sollte, sein Urteil mit den Dingen, wie sie sind, in Einklang zu bringen. Andererseits, wenn wir über Menschen urteilen, wird das Gute und Böse in unserem Urteil hauptsächlich von Seiten der Person betrachtet, über die das Urteil gebildet wird; denn sie wird der Ehre für würdig erachtet allein durch die Tatsache, dass sie für gut beurteilt wird, und der Verachtung wert, wenn sie für böse beurteilt wird. Aus diesem Grund müssen wir bei dieser Art von Urteil darauf abzielen, einen Menschen als gut zu beurteilen, es sei denn, es gibt einen offensichtlichen Beweis für das Gegenteil. Und obwohl wir falsch urteilen mögen, gehört unser Urteil, indem wir gut von einem anderen denken, zu unserer guten Gesinnung und nicht zum Übel des Intellekts, so wie es auch nicht zur Vollkommenheit des Intellekts gehört, die Wahrheit kontingenter Einzeldinge an sich zu erkennen.
Antwort auf den 3. Einwand: Man kann etwas auf zwei Arten zum Schlechtesten oder zum Besten auslegen. Erstens durch eine Art Annahme; und so ist es, wenn wir ein Heilmittel gegen ein Übel anwenden müssen, sei es unser eigenes oder das eines anderen, ratsam, das Schlimmste als gegeben anzunehmen, damit das Heilmittel mit größerer Gewissheit einer Heilung angewendet werde, da, wenn ein Heilmittel gegen ein schlimmeres Übel wirksam ist, es umso mehr gegen ein geringeres Übel wirksam ist. Zweitens können wir etwas zum Besten oder zum Schlechtesten auslegen, indem wir entscheiden oder bestimmen, und in diesem Fall sollten wir, wenn wir über Dinge urteilen, versuchen, jedes Ding so auszulegen, wie es ist, und wenn wir über Personen urteilen, die Dinge zum Besten auslegen, wie oben gesagt.